Mäuse-Studien Keimfreie Umgebung schadet der Gesundheit

Ein Übermaß an Hygiene kann Säuglingen und Kleinkindern schaden, weil ihr Immunsystem aus dem Ruder zu laufen droht. Die Annahme wird nun von Experimenten mit Mäusen bestätigt: Die Nager erkrankten in keimfreier Umgebung häufiger an Asthma und ähnlichen Leiden.
Hausmaus: Bakterien fördern das funktionierendes Immunsystem der Nager

Hausmaus: Bakterien fördern das funktionierendes Immunsystem der Nager

Foto: Hendrik Schmidt/ dpa

Möglichst keimfrei aufzuwachsen kann schädlich sein - das vermuten Mediziner seit Jahren. Kommt das Immunsystem von Säuglingen nur wenig mit Bakterien in Kontakt, scheint das verschiedene Krankheiten zu befördern, bei denen das Immunsystem selbst einen Großteil der Beschwerden verursacht; dazu zählen Asthma und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.

Ein Team von deutschen und US-amerikanischen Forschern berichtet im Wissenschaftsmagazin "Science" , auf welche Weise ein früher Kontakt zu Keimen vor diesen Beschwerden schützen könnte.

Das Team um Torsten Olszak von der Ludwig-Maximilians-Universität München und Dingding An von der Harvard Medical School in Boston verglich Labormäuse, die frei von Krankheitserregern waren, mit komplett keimfrei gehaltenen Mäusen. Letztere leben in extra abgeschotteten Plastikbehältern und erhalten speziell aufbereitetes Futter.

"Es zeigte sich, dass die keimfreien Mäuse besonders viele natürliche Killer-T-Zellen in der Lunge und im Darm haben, die nach Aktivierung eine Reihe von Botenstoffen ausschütten, die bei Autoimmunkrankheiten und Entzündungen eine Rolle spielen", sagt Olszak.

Die keimfreien Mäuse waren deutlich anfälliger für Asthma und eine der menschlichen Colitis ulcerosa verwandten Darmentzündung. Die Krankheiten beruhen auf überschießenden Reaktionen des Immunsystems, und wurden von den Wissenschaftlern durch spezielle Stoffe provoziert. Da sich die Körperabwehr von Menschen und Mäusen ähnelt, sei es wahrscheinlich, dass die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, notieren die Forscher am Ende ihres Fachartikels.

Trächtige Mäuse umgesetzt

In einem weiteren Versuch setzte das Team keimfreie Mäuse im Alter von etwa acht Wochen - sie gelten als erwachsen - in Käfige mit anderen Labormäusen, und hoffte, dass das Immunsystem sich anpassen würde. Doch dies war nicht der Fall. Anschließend siedelten sie trächtige Mäuse aus der keimfreien Gruppe zu normalen Labormäusen um und ließen sie dort ihre Jungen bekommen. Der Nachwuchs hatte also sofort Kontakt zu natürlich vorkommenden Keimen bei Mäusen, wenn auch nicht zu Krankheitserregern. "Wir konnten nachweisen, dass diese so geborenen Tiere eine normalisierte Anzahl von natürlichen Killer-T-Zellen hatten, und als Folge eine geringere Anfälligkeit für Asthma und oder die Darmerkrankung aufwiesen."

In einem Begleitartikel in "Science" betonen US-Wissenschaftler, wie stark die Studie die sogenannte Hygiene-Hypothese untermauert, und Beweise für etwas liefert, "dass wir seit Jahrzehnten beobachten, aber nicht verstanden haben". So hatten Studien zuvor gezeigt, dass Asthma und Allergien bei Kindern, die auf Bauernhöfen aufwachsen und verstärkt Keimen ausgesetzt sind, seltener vorkommen als bei anderen Kindern. "Zur Bestürzung von Müttern überall: Die Idee, dass der Kontakt zu Mikroben gut für uns ist, unser Immunsystem ankurbelt und Überreaktionen wie Asthma und Autoimmunkrankheiten vorbeugt, ist ansteckend", schreibt Mitch Leslie.

Auch Forscher aus Kiel waren an der Arbeit beteiligt, unter anderem Andre Franke von der Christian-Albrechts-Universität. "Wir wollten herausfinden, wie sich die erwachsene, keimfreie Maus 'merken' kann, dass keine Bakterien zu Beginn des Lebens da waren." Franke und Kollegen beobachteten, dass sich die Aktivität einiger Gene ändert. "Wir konnten also erklären, warum ein Protein des Immunsystems bei den keimfreien Mäusen häufiger vorkommt", sagte Franke.

In weiteren Studien wollen die Forscher herausfinden, welche Bakterien sich als besonders schützend erweisen - denn jeder Mensch trägt Milliarden davon in sich, vor allem im Darm.

wbr/dpa
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