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Rekonstruktion: Archäologen starten Notgrabung des Basler Spitalsfriedhof

Foto: Johann Jakob Schneider, StABS BILD Schn 16

Ausgrabung in Basel Das Drama der ersten Kaiserschnittsmama

Unter dem Rasen des Basler St.-Johann-Parks liegen die Toten des ehemaligen Bürgerspitals. Ihre Skelette liefern dramatische Geschichten.

Als die Wehen einsetzten, schleppte sich Babette Sachser ins Bürgerspital in Basel. Dort würde man ihr helfen - obwohl die Magd keinen Pfennig übrig hatte, mit dem sie dafür hätte bezahlen können. Die Ärzte warfen sich vielsagende Blicke zu, als sie die zierliche, nur 1,22 Meter große Frau untersuchten. Babette bekam es mit der Angst zu tun. "Sectio caesarea!" murmelten die strengen Herren immer wieder und nickten sich gegenseitig Mut zu.

Erst als sie ihr ein paar Stunden später ihre Tochter in den Arm legten, begriff Babette, was die Ärzte gemacht hatten: Sie hatten ihr das Baby aus dem Bauch geschnitten. Stolz erzählten sie ihr, dass sie die erste Frau der Stadt Basel sei, die man mit dieser Methode entbunden hätte. Sie schlugen vor, das kleine Mädchen Cäsarea Elisabeth zu taufen. Zunächst fühlte Babette sich prächtig. Doch dann wurde ihr schwindelig, alles begann sich zu drehen und sie konnte ihre Tochter nicht mehr halten. 25 Stunden später war sie tot, vermutlich erlag sie einer Lungenembolie.

Einmalige Ausgrabung

Das Skelett der Babette Sachser haben Archäologen bei einer sogenannten Notgrabung auf dem Friedhof des Spitals gefunden. Der befindet sich heute innerhalb des St.-Johann-Parks. Die Archäologen wurden aktiv, weil auf dem Gelände Kanal-Bauarbeiten anstehen. Die Aktion entpuppt sich als seltener Glücksfall: Da in den Archiven der Stadt nicht nur die Sterberegister, sondern auch die Krankenakten des Bürgerspitals zu finden sind, können die Forscher die Geschichte jedes Toten, den sie entdecken, herausfinden.

So konnten sie auch Babette ihren Namen geben, und kurz darauf auch ihre Geschichte. Anhand des Gräberplans können die Archäologen die zwischen 1845 und 1868 verstorbenen Armen die Stadt eindeutig identifizieren und ihre sterblichen Überreste mit der Krankenakte abgleichen. Die ersten Skelette wurden bereits 1988/89 geborgen, doch es liegen noch weitaus mehr unter der Grünfläche. Derzeit läuft wieder eine Rettungsgrabung am östlichen Rand des Friedhofsfeldes.

Penizillin war noch nicht entdeckt

"Aktuell haben wir schon zehn weitere Gräber gefunden", berichtet Kantonsarchäologe Guido Lassau. "Wir rechnen aber damit, dass wir bei dieser Notgrabung noch etwa 50 weitere Gräber untersuchen und die Skelette bergen müssen."

Babettes Knochen gehören zu den älteren Funden, aber erst jetzt sind die umfangreichen anthropologischen Untersuchungen abgeschlossen. Die Ursache für ihre Kleinwüchsigkeit war vermutlich eine Fehlfunktion der Schilddrüse, die entweder angeboren oder durch Jodmangel bedingt war. Das Baby in ihrem Bauch hatte sich jedoch normal entwickelt und wog bei der Geburt drei Kilo. Also entschlossen sich die Ärzte zu der damals noch selten praktizierten Methode des Kaiserschnitts. Das Becken der Magd war viel zu klein, auf natürlichem Wege hätte sie das Kind nie auf die Welt bringen können. Als die Archäologen das Skelett freilegten, fehlte das Becken: Die Ärzte hatten es nach ihrem Tod entnommen und zu Lehrzwecken verwendet.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gaben sich die Ärzte und Pfleger des Basler Bürgerspitals zwar redlich Mühe, ihre oft bitterarmen und verwahrlosten Patienten zu heilen. Vielen Fällen aber standen sie hilflos gegenüber - erst 1928 sollte Alexander Fleming das Penizillin entdecken und die Medizin damit revolutionieren. Manchmal erkannten die Basler Doktores auch schlicht nicht, woran ihre Patienten litten.

In der Krankenakte der Maria Magdalena Scherb beispielsweise notierten sie: "klein, schwächlich, lebt in miserie" und schickten sie als vermeintliche Simulantin sechsmal wieder nach Hause. Erst die Anthropologen bestätigten nun, dass es Maria tatsächlich miserabel gegangen sein muss, denn sie litt an einer fortgeschrittenen Syphilis. Helfen hätten die Ärzte ihr allerdings auch nicht können: Syphilis war zum Zeitpunkt ihres Todes im Jahr 1865 ohne Antibiotika noch nicht heilbar.