Corona-Impfstoff Rettet ein Zigarettenkonzern die Welt?

Schon ab Juni will British American Tobacco Millionen von Impfstoffdosen gegen das Coronavirus herstellen. Der "Durchbruch" soll mit Tabakpflanzen gelingen. Doch Experten sind skeptisch.
Tabakkonzern als Impfstoffentwickler: "Ich bin nicht übermäßig optimistisch, dass uns dieses Vorhaben innerhalb kürzester Zeit einen Impfstoff liefert"

Tabakkonzern als Impfstoffentwickler: "Ich bin nicht übermäßig optimistisch, dass uns dieses Vorhaben innerhalb kürzester Zeit einen Impfstoff liefert"

Foto: Douglas Sacha/ Getty Images

So viele Positivschlagzeilen hat ein Zigarettenkonzern wohl noch nie gemacht. "British American Tobacco arbeitet an einem pflanzenbasierten Coronavirus-Impfstoff", titelte der Londoner "Guardian". "Big Tobacco steigt ins Rennen für die Coronavirus-Impfung ein", schrieb das "Wall Street Journal". "Britische Zigarettenfirma entwickelt potenzielle Coronavirus-Impfung in riesigem 'Durchbruch'", verkündete das Boulevardblatt "Daily Mirror". Und die "International Business Times" aus Singapur stellte sogar die Frage, ob die Tabakmultis jetzt "von 'Killern' zu Rettern" werden.

In Großbritannien oder den USA, von den Philippinen über Simbabwe bis Jamaika: Anfang April ging sie viral, die Nachricht vom angeblichen "Durchbruch" bei British American Tobacco (BAT).

Die Ankündigung des Lucky-Strike-Herstellers vom 1. April klang ja auch spektakulär. Kürzlich habe die Konzerntochter Kentucky Bioprocessing einen Teil der genetischen Sequenz des Virus kloniert, ein potenzielles Antigen entwickelt, das im menschlichen Körper die Bildung von Antikörpern auslöse - und dieses Antigen in Tabakpflanzen zur Reproduktion eingeschleust. Das so erzeugte Antigen werde nun präklinisch getestet.

"Bei positivem Verlauf der Tests hofft BAT, mit den richtigen Partnern und der Unterstützung von Regierungsbehörden ab Juni eine bis drei Millionen Impfstoffdosen pro Woche herstellen zu können", hieß es. Gewinnerzielungsabsicht verfolge man keine. Und Forschungschef David O'Reilly wurde so zitiert: "Die Impfstoffentwicklung ist herausfordernd und komplex, aber wir glauben, dass wir mit unserer Technologieplattform unter Nutzung der Tabakpflanze einen wegweisenden Durchbruch erreicht haben."

In normalen Zeiten steht die hochprofitable Tabakindustrie am Pranger. Weil ihre Produkte tagtäglich mindestens 15.000 Raucher und Passivraucher umbringen.  Doch inmitten dieser verheerenden Pandemie macht das Statement von BAT Hoffnung. Ein wegweisender "Durchbruch", eine bis drei Millionen Impfstoffdosen pro Woche schon im Juni - und obendrauf noch nicht einmal Profitstreben. Rettet nun ausgerechnet ein Zigarettenkonzern die Gesundheit von Millionen Menschen?

Bestimmte Pflanzen können als Biofabriken dienen

Experten haben Zweifel. "Ich bin nicht übermäßig optimistisch, dass uns dieses Vorhaben innerhalb kürzester Zeit einen Impfstoff liefert", sagt Ralph Bock, Professor am Potsdamer Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie, im Gespräch mit dem SPIEGEL. Und Stefan Schillberg, der Standortleiter des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME in Aachen, sagt: "Andere Impfstoffprojekte sind in der Entwicklung schon weiter fortgeschritten. Dieses Projekt wird den Rückstand wahrscheinlich nicht mehr aufholen."

DER SPIEGEL

Bock und Schillberg sind Koryphäen in der Szene; sie erforschen seit Jahren die Arzneimittelgewinnung aus Pflanzen. Tatsächlich sind bestimmte Pflanzen und pflanzliche Zellkulturen hervorragende Biofabriken. Sie können Antikörper, Impfstoffe oder Enzyme schneller, in größeren Mengen oder auch zu geringeren Kosten produzieren als etwa bei der Entwicklung in Bakterienkulturen oder der Impfstoffherstellung in Eiern.

Hierzu werden die erwünschten Antikörper mithilfe gentechnischer Methoden in die Pflanze eingeschleust - etwa indem man die Erbinformation des Antikörpers in ein Bakterium einbringt und damit die Pflanze infiziert. Gelingt dies, so produziert die manipulierte Pflanze schon nach kurzer Zeit diese Antikörper. Und noch einen Vorteil gibt es: Pflanzen können nicht von Krankheitserregern befallen werden, die dem Menschen gefährlich werden könnten.

"Die Produktion eines Antigens in großen Mengen ist nur der allererste Schritt, um einen Impfstoff zu entwickeln"

Ralph Bock, Professor am Potsdamer Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie

 "Tabakpflanzen werden aus dem einfachen Grund benutzt, weil sie sehr schnell wachsen und man das Gen, das für das Zielprotein codiert, relativ einfach einbringen kann", sagt Fraunhofer-Forscher Schillberg. "Dadurch kann man schnell viel Biomasse und viel Produkt generieren". Weil die Pflanzen zudem wegen ihres Nikotingehalts hochgiftig seien, gebe es keine Gefahr, Lebensmittelketten zu verunreinigen, ergänzt Max-Planck-Experte Bock. Und: "Die landwirtschaftliche Infrastruktur für eine Massenproduktion ist schon vorhanden". In Kentucky etwa, wo die BAT-Tochter Kentucky Bioprocessing (KBP) sitzt, wird Tabak in großer Menge angebaut, geerntet und verarbeitet.

Zigarettenmultis suchen schon länger nach Wegen, um das "Killer-Image" loszuwerden

Für die Arzneimittelgewinnung indes setzen die Forscher oft nicht den herkömmlichen Rauchtabak Nicotiana tabacum ein, sondern Nicotiana benthamiana, eine verwandte Pflanze aus Australien. Diese wird von KBP für die Corona-Impfstoffentwicklung genutzt, wie der Mutterkonzern auf SPIEGEL-Nachfrage bestätigt.  Auch das kanadische Biotechunternehmen Medicago, das zum Teil dem Marlboro-Hersteller Philip Morris International gehört, setzt auf Nicotiana benthamiana.

Viele Zigarettenmultis suchen seit Langem neue Verwendungszwecke für Tabakpflanzen: um ihre Produktpalette zu verbreitern und das "Killer-Image" loszuwerden. Nichts wäre dafür so hilfreich wie ein Sieg im Wettlauf um den ersten Corona-Impfstoff. Allerdings sieht es so aus, als sei die BAT-Tochter in diesem Rennen nicht etwa weit vorn, sondern eher hinten dran - trotz des verkündeten Juni-Datums.

"Die Produktion eines Antigens in großen Mengen ist nur der allererste Schritt, um einen Impfstoff zu entwickeln", sagt Bock. "Dann muss man das Antigen umfangreich testen, ob es überhaupt eine Immunantwort auslöst und wie lange es den Menschen vor dem Virus schützt: zunächst in Tiermodellen, dann in klinischen Studien an Menschen. Und diese Schritte werden sich jeweils über mehrere Monate hinziehen." Auch Schillberg zufolge werden all diese Tests ein bis zwei Jahre dauern - sofern es gut läuft.

Wie sinnvoll ist die Produktion von bis zu drei Millionen Impfstoffdosen?

Das US-Biounternehmen Moderna hat schon Mitte März mit den klinischen Tests für seinen Coronavirus-Impfstoffkandidaten begonnen. BAT ist noch lange nicht so weit. Eine Konzernsprecherin schreibt Mitte April auf Anfrage des SPIEGEL: "Wir erkunden Partnerschaften mit Regierungsbehörden, um unseren Impfstoffkandidaten so schnell wie möglich zum klinischen Testen zu bringen." Die Frage nach einem Zeitplan für die weitere Entwicklung lässt der Konzern unbeantwortet.

Welchen Sinn würde es dann ergeben, ein bis drei Millionen Impfstoffdosen pro Woche im Juni zu produzieren? Schließlich kann Kentucky Bioprocessing solche Mengen gar nicht bei Patienten einsetzen, bevor die klinischen Studien abgeschlossen sind. Max-Planck-Forscher Bock formuliert es so: "Kentucky Bioprocessing ist eine Firma, die keine großen Einkünfte durch Produktverkäufe hat. Da steht im Vordergrund, Forschungs- und Entwicklungsaufträge zu bekommen: entweder von der öffentlichen Hand oder von Pharmaunternehmen."

So ungewiss die Eignung des Tabakimpfstoffs aus Kentucky ist, so großes Aufsehen hat die Mitteilung der Muttergesellschaft British American Tobacco rund um den Globus erregt. Die Verlautbarung hat beiden genutzt: der kleinen US-Biotechfirma und dem weltweit agierenden Zigarettenmulti.

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