SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Januar 2012, 09:10 Uhr

Bayer HealthCare

Drückermethoden an der Praxistür

Von

Beeinflussung per Post: Der Pharmahersteller Bayer wirbt mit Infobriefen an Ärzte für sein neues Schlaganfallmittel. Ganz nebenbei enthält die Sendung auch ein Muster der Pille. Das ist laut Gesetz eigentlich verboten - der Konzern will das mit einem Trick unterlaufen.

Florian Schumacher staunte nicht schlecht, als der Paketbote ihm eine lilafarbene Sendung unter die Nase hielt. Die Lieferung hatte DIN-A4-Größe und war rund drei Zentimeter dick. "Informationen zu dem neuen Bayer-Blutverdünner sollten drin stecken", sagt der Allgemeinmediziner aus Nürnberg. Erst als er den Empfang quittieren sollte, stellte Schumacher fest: Das Info-Paket war eigentlich eine Mustersendung. Mit der Post des Pharmakonzerns Bayer hatte er also ein Probe von "Xarelto" erhalten. Xarelto ist der neue Hoffnungsträger des Konzerns aus Leverkusen, der mit dem Blutverdünner auf einen Milliardenumsatz hofft.

Schumacher verweigerte die Annahme des Lila-Laune-Pakets. Mustersendungen an Ärzte werden streng kontrolliert, galten sie doch früher als einfacher Weg für Pharmakonzerne, ihre Innovationen in die Arztpraxen zu bringen. Das Verfahren wurde erstmals in den achtziger Jahren im Arzneimittelgesetz (AMG) neu geregelt. Eine Zusendung ist nur erlaubt, wenn der Arzt das Muster vorher schriftlich angefordert hat. So steht es in Paragraph 47 des AMG.

Nicht nur Florian Schumacher fragte sich nun: Ist ein solches Vorgehen von Seiten der Firma Bayer rechtens? Kann eine Quittung des Empfangs gleichzeitig als Aufforderung einer Lieferung gewertet werden? Auch der pharmakritischen Zeitschrift "arznei-telegramm" (at) wurde der Eingang eines lila Pakets aus Leverkusen berichtet. Der betroffene Arzt, Mitglied der Initiative Mein Essen zahl' ich selbst (MEZIS), ärgere sich besonders, dass er erst im Nachhinein bemerkt habe, dass ihm mit dem Päckchen als "Neuigkeit" ein Xarelto-Muster untergeschoben wurde, berichtet at.

Mit Muster auf der Fußmatte

Bei Bayer kann man die Kritik nicht nachvollziehen. Das Gesetz verlange zwar die schriftliche Aufforderung zur Mustersendung, lasse aber offen, wie diese "Anforderung" durch den Arzt im Einzelfall auszusehen habe, sagt Sprecher Wilhelm Schäfers. "Aus unserer Sicht wird diese Voraussetzung vollumfänglich erfüllt. Der Arzt entscheidet nämlich frei und unabhängig, ob er das Muster haben möchte oder nicht. Außerdem sei es üblich und anerkannt, dass Unterschriften auf solchen "Musteranforderungsformularen" erfolgen. Solche Formulare würden auch im Rahmen von Außendienstbesuchen verwendet.

So eindeutig gesetzeskonform wie Bayer erklärt, scheint die Praxis des Leverkusener Konzerns aber nicht zu sein. Es sei ein "Graubereich", sagt Holger Diener, Geschäftsführer des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) . Gegründet von allen großen Pharmaunternehmen, die in Deutschland tätig sind, soll der FSA die Einhaltung ethischer Grundsätze in der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Industrie kontrollieren und bei Verstößen gegen den Kodex auch reagieren. Bislang wird dem FSA allerdings lediglich eine Feigenblattfunktion nachgesagt. Wirklich kritisch war der Verein nicht mit seinen Mitgliedern.

Doch Geschäftsführer Diener will sich um den Fall Bayer kümmern. Ob es reicht, dass eine "schriftliche Aufforderung" attestiert wird, wenn der Paketbote schon mit dem Musterpaket auf der Fußmatte steht, müsse genauer geprüft werden. Der FSA hat in dieser Sache ein Beanstandungsverfahren eingeleitet. Die Schiedsstelle wird prüfen, ob die Musterabgabe zulässig ist.

Auch das "arznei-telegramm" hat derweil Anzeige bei der zuständigen Landesbehörde eingereicht: "Eine Muster-'Anforderung' per Quittungszettel bei Lieferung erachten wir als untergeschobene Anforderung, die nicht vom Arzt initiiert wurde. Nach unserer Einschätzung wird hier versucht, die rechtlichen Vorgaben zu unterlaufen." Dennoch gehe Bayer kein besonders hohes Risiko mit dieser Geschäftspraxis ein. Es droht allenfalls Bußgeld.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung