Suche nach Covid-19-Schutz Der Tuberkulose-Trick

Impfungen mit lebenden Bakterien könnten das Immunsystem so trainieren, dass es möglicherweise auch das Coronavirus besser abwehrt. In den Niederlanden laufen bereits Studien mit einem Tuberkulose-Impfstoff.
In den Niederlanden laufen bereits Tests mit medizinischem Personal

In den Niederlanden laufen bereits Tests mit medizinischem Personal

Foto: DPA

Auf die Frage, warum das Coronavirus Ostdeutschland bislang deutlich weniger betrifft als den Westen, lieferte der Präsident des Robert Koch-Instituts diese Woche zwei sehr wahrscheinliche Erklärungen - und eine Hypothese.

Als sicher gilt, dass Skifahrer das Virus zu Beginn der Epidemie aus Österreich insbesondere nach Bayern und Baden-Württemberg brachten, wo zum Teil Großveranstaltungen die Verbreitung befeuerten. Ebenfalls sehr wahrscheinlich ist, dass die höhere Bevölkerungsdichte in manchen Regionen Westdeutschlands dazu beigetragen hat, dass sich das Virus anfangs unkontrolliert verbreiten konnte.

Daneben nannte RKI-Chef Lothar Wieler jedoch noch einen dritten Punkt. Eine Arbeitshypothese, so sagte er es, die noch nicht belegt sei und bei der unklar sei, ob sie sich überhaupt belegen lasse. Es handelt sich um die BCG-Impfung, eine Lebend-Impfung gegen Tuberkulose, bei der Betroffene abgeschwächte Erreger gespritzt bekommen und die in der DDR Pflicht war.

Sie könnte, so die Theorie, das Immunsystem nicht nur auf eine Tuberkulose-Infektion vorbereiten, sondern auch für den Kampf gegen andere Erreger wie das Coronavirus stärken. Seit 1998 wird die Impfung in Deutschland nicht mehr empfohlen, da das Risiko für eine Tuberkulose-Infektion zu gering ist und dies die Nebenwirkungen nicht rechtfertigt.

Warum die BCG-Impfung möglicherweise vor Corona schützt

Ob Impfungen aus DDR-Zeiten tatsächlich dazu beitragen, dass sich das Coronavirus in vielen Teilen Ostdeutschlands nur langsam verbreitet, wird sich kaum klären lassen. Forscher arbeiten jedoch bereits an Studien, die zeigen sollen, ob jetzt verabreichte Impfungen das Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus senken oder den Krankheitsverlauf von Covid-19 abschwächen können.

Wissenschaftler verfolgen seit Jahrzehnten die Idee, dass Lebend-Impfungen wie die BCG-Impfung den Körper nicht nur gegen den geimpften Erreger wappnen, sondern auch eine unspezifische Reaktion des Immunsystems hervorrufen, die vor verschiedensten anderen Erregern schützt. Die WHO stufte diese Hypothese 2014  als zumindest plausibel ein. Erklären ließe sie sich unter anderem durch Epigenetik - chemische Veränderungen an Genen, die beeinflussen, wie häufig diese abgelesen werde.

In einem aktuellen Beitrag in der Fachzeitschrift "The Lancet"  beschreibt ein Forscherteam, darunter der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Ghebreyesus, welche wissenschaftlichen Belege für die BCG-Impfung im Kampf gegen das Coronavirus sprechen. Gleichzeitig warnen sie vor einem breiten Einsatz, bevor eine Wirkung nachgewiesen ist.

Studien hätten unter anderem gezeigt, dass die BCG-Impfung das Risiko für Atemwegserkrankungen reduzieren könne, schreiben die Autoren. Daneben berichten sie unter anderem von einer Untersuchung in Guinea-Bissau , einem Land, in dem Kindersterblichkeit und Krankheiten wie HIV, Durchfall und Lungenentzündungen die Lebenserwartung bis heute auf unter 60 Jahre drücken.

Die BCG-Impfung konnte dort die Mortalität bei untergewichtigen Neugeborenen um 38 Prozent senken. Vor allem Todesfälle durch Lungenentzündungen und Sepsis gingen zurück.

Wie Forscher die Hypothesen überprüfen wollen

Wissenschaftlich gesehen sind diese Studien jedoch nur Stützpfeiler einer Theorie, die für das Coronavirus noch überprüft werden muss. In den Niederlanden ist im April eine Studie mit 1000 Ärzten und Pflegern angelaufen, die entweder den BCG-Impfstoff oder ein Placebo gespritzt bekommen.

Die Forscher wollen beobachten, wie häufig sich die Mitarbeiter der beiden Gruppen mit dem Coronavirus infizieren. Innerhalb weniger Tage meldeten sich ausreichend Freiwillige. Einer der beiden Studienleiter zählt zu den Autoren des aktuellen "Lancet"-Beitrags.

Zusätzlich startete die Universitätsklinik Utrecht  eine Studie mit 1600 Menschen ab 60 Jahren, bei der geklärt werden soll, ob die BCG-Impfung bei älteren Menschen das Risiko für eine Infektion oder einen schweren Krankheitsverlauf senken kann. Ähnliche Studien laufen in Australien und England.

Und auch in Deutschland arbeiten Wissenschaftler an einer Untersuchung mit 1000 Freiwilligen aus Klinik und Rettungsdienst. Dabei soll jedoch nicht der jahrzehntealte BCG-Impfstoff getestet werden, sondern eine gentechnologisch überarbeitete Variante des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie.

Warum es noch keine gute Idee ist, jetzt schon alle zu impfen

Solange unklar ist, ob und wie gut die BCG-Impfung vor dem Coronavirus schützt, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), sie ausschließlich in kontrollierten Studien einzusetzen. Im "Lancet" nennen die Forscher dafür vier Gründe:

  • Zum einen gibt es jetzt schon Versorgungsengpässe bei dem Impfstoff. Das könnte Kinder gefährden, die in Gegenden mit einem hohen Tuberkulose-Risiko leben und die Impfung bis heute dringend brauchen.

  • Noch lässt sich nicht sagen, ob die Impfung im Hinblick auf das Coronavirus überhaupt etwas bringt. Zwar gibt es Schilderungen aus Gegenden wie Ostdeutschland, in denen es eine hohe BCG-Impfquote und wenig Covid-19-Erkrankte gibt. Diese reichten jedoch nicht als Beleg aus, schreiben die Forscher. Sie halten es für unwahrscheinlich, dass vor Jahrzehnten in der Kindheit verabreichte Impfung heute noch einen relevanten Effekt haben.

  • Falls die BCG-Impfung nicht hilft, könnte sie ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln.

  • Es braucht kontrollierte Studien, bei denen auch mögliche negative Folgen der Impfung für eine Covid-19-Erkrankung analysiert werden. Dies ist wichtig, um auszuschließen, dass die Impfung bei einer Minderheit möglicherweise genau gegensätzlich wirkt und dazu führt, dass die Erkrankung schwerer verläuft.

Klar ist, dass die BCG-Impfung das Risiko für eine Infektion wenn überhaupt senken kann, aber nicht ähnlich stark wirkt wie eine zielgerichtete Impfung. Sollte sich ihre Wirkung bestätigen, könne sie jedoch ein Instrument sein, um auch bei zukünftigen Pandemien die Zeit bis zu einem zielgerichteten Impfstoff zu überbrücken, schreiben die Forscher im "Lancet".

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