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Berliner Charité Kabinett des Grotesken

Menschliche Missbildungen, chirurgische Instrumente, das Dildo-Kästchen eines Sexualforschers: Die Sammlung der Berliner Charité zeigt die schillernde Vielfalt der Medizinforschung. Anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens präsentiert die weltberühmte Klinik jetzt Höhepunkte aus ihrem Archiv.
Von Felix Rettberg

Anfassen, umstoßen, klauen: unmöglich. In den Vitrinen sind die Schätze des Herrn Virchow sicher. Sehr sicher. Und dennoch schleichen die Wachleute immer mal wieder vorbei. Bereit, sofort einzuschreiten. Sie wissen: Die Versuchung ist groß, bei der Ausstellung "Charité - 300 Jahre Medizin in Berlin" auf den Auslöser zu drücken.

"Fotografieren und filmen verboten!", mahnen sie höflich, sobald ein Besucher sein Foto-Handy zückt oder verdächtig in der Jackentasche kramt - womöglich nach einer Kamera. Die meisten halten sich dran. Andere schaffen es doch, irgendwie. "Bis vor einigen Monaten noch musste ein Kollege immer wieder Clips auf YouTube entfernen lassen", sagt Isabel Atzl vom Medizinhistorischen Museum der Charité. "Momentan geht's wieder."

Was so viele fasziniert und schockiert, einige allerdings auch dazu animiert, davon sofort ein Foto aufs Handy der Freunde, Feinde und Bekannten zu schicken, sind die Jahrzehnte alten Präparate von Rudolf Virchow (1821-1902). Der Berliner Pathologe von Weltrang war getrieben von ausgeprägtem Sammeldrang.

Gehirne, Leber, Lungen, Hoden, Eierstöcke - entnommen aus friedlich Verschiedenen und elend Verreckten, in Gläsern konserviert fürs Anschauen, Aufklären und Abschrecken. Eine Ausstellung des Inneren, ohne Tabus. Auch menschliche Föten gehören dazu. Einer mit zusammengewachsenen Beinen, einer mit zusammengewachsenen Augen, mitten auf der Stirn. Ein Zyklop. Unwirklich und doch echt.

Bizarrer Publikumsmagnet

Virchow selbst nannte diese Sammlung - eifrig zusammengetragen für Medizinstudenten und für die Öffentlichkeit, um sie vor ungesundem Lebenswandel zu warnen - sein "liebstes Kind", für einige Besucher des Hauses wären diese Präparate jetzt das liebste Bild-Motiv: "Krass", entfährt es einigen.

Bis heute ist die Präparate-Sammlung der Publikumsmagnet des Medizinhistorischen Museums der Charité. Das wissen auch Isabel Atzl und Thomas Schnalke. Deshalb haben die Kuratorin und der Museumsdirektor den Saal des Bizarren bei ihrem Konzept für ihre neue Sonderausstellung erst gar nicht ausgespart.

Mit ihr erzählen sie dankenswerter Weise nicht die reine Bauabschnittsgeschichte eines - wenn auch legendären - Hauses, sondern vielmehr die kleinen und großen Fortschritte, die Irrtümer und auch die schockierenden Kapitel der Medizin in Berlin während der vergangenen drei Jahrhunderte: Wie weitverbreitete Krankheiten wie Cholera, Diphtherie, Syphilis, Krebs und auch psychische Erkrankungen die Forschenden, die Ärzte, die Krankenschwestern vor immer neue Herausforderungen stellten. Wie sie glaubten, dass Aderlässe und Schröpfen tatsächlich heilen. Wie verbesserte Hygiene die Zahl der im Krankenhaus Sterbenden deutlich senkte, neue chirurgische Instrumente und Anästhesie einige Operationen überhaupt erst möglich machten.

Und auch: Wie Ärzte der Charité die Zwangssterilisationen im Dritten Reich ausführten, wie sie Impfstoffe gegen Tuberkulose an Kindern ausprobierten, die als "minderwertig" angesehen waren.

Eine Name, ein Auftrag

Aus Angst vor dem Rattenfloh, dem Überträger der Pest, hatte Preußens König Friedrich I. (1657-1713) einst den Bau eines "Pesthauses" 1710 außerhalb Berlins angeordnet, um mögliche Kranke schnell zu isolieren. Die Vorsorge erwies sich schließlich als unnötig. Von der Pest blieben die Berliner weitgehend verschont.

Zunächst wurde das Gebäude dann als Hospital für Arme und Bedürftige genutzt. 1727 gab König Friedhelm Wilhelm I. (1688-1740) der Einrichtung den Namen: "Es soll das Haus die Charité heißen." Ein Name, ein Auftrag: "Barmherzigkeit." Auch das preußische Militär ließ hier seine Ärzte ausbilden.

Die Charité wuchs und wuchs, baute neue Kliniken und Institute. Im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert lockte sie zahlreiche Koryphäen an. Sie begründeten den weltweiten Ruhm der Klinik, von dem sie bis heute zehrt. Ob Rudolf Virchow, Mitbegründer der modernen Pathologie, Chirurgen wie Ferdinand Sauerbruch (1875-1951) oder der Bakteriologe Robert Koch (1843-1910) - sie alle forschten, operierten und lehrten auf Berliner Boden. Acht spätere Nobelpreisträger starteten von hier aus ihre wissenschaftliche Karriere.

42 herausragende Frauen und Männer, die an der Charité mal nur wenige Monate, mal viele Jahre wirkten oder zumindest zum medizinischen Kosmos in Berlin gehörten, stellt die Ausstellung mit kleinen Porträts, mit Exponaten wie einer alten, von Sauerbruch entwickelten Armprothese oder einem Dildo-Kästchen des Sexualforschers Magnus Hirschfeld (1868-1935) vor.

Unverzichtbar auch für Ruhm und Ehre der Stadt, gar des Staates blieb die Charité nach 1945. Nach den schweren Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg baute die DDR den Klinikkomplex schnell wieder auf. Die Charité eignete sich bestens als Prestigeobjekt: Hier konnte jeder am eigenen Leib spüren, wie gut und fortschrittlich der real existierende Sozialismus für den Menschen doch ist. Das neue, 21-stöckige Bettenhochhaus, das Erich Honecker 1982 persönlich einweihte, sollte auch für den Westen unübersehbares Monument dieses Selbstverständnisses direkt an der deutsch-deutschen Grenze sein: Wir halten mit.

Heute ist die Charité nach Fusionen mit drei Berliner Kliniken das größte Universitätsklinikum Europas, mit 107 Kliniken und Instituten, insgesamt rund 14.500 Mitarbeitern und über 7000 Studenten.


Die Ausstellung "Charité - 300 Jahre Medizin in Berlin" im Medizinhistorischen Museum Berlin  ist noch bis zum 27. Februar 2011 zu sehen.

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