Bezahlte Forschung Mediziner werfen Pharmafirmen Manipulation von Studien vor

Schwere Vorwürfe gegen die Pharmaindustrie: Medikamentenhersteller nutzen laut Forschern ihren finanziellen Einfluss, um Arzneimittelstudien zu verzerren. Zu diesem Ergebnis kommen die Mediziner nach einer Analyse Dutzender Studien. Ihre Forderung: Sicherheit soll vor Umsatz gehen.
Tabletten: Geld beeinflusst medizinische Studien

Tabletten: Geld beeinflusst medizinische Studien

Foto: Oliver Berg/ dpa

Die Pharmaindustrie steckt viel Geld in die Forschung. Damit werde nicht nur die Forschung gefördert, monieren Kritiker schon lange: Immer wieder würden Studienergebnisse durch Geldgeber beeinflusst. 2007 etwa wurde bekannt, dass Brustkrebs-Arzneitests negativer ausfallen, wenn kein Geld von Medikamentenhersteller im Spiel ist. 2009 fiel die US-Pharmafirma Wyeth damit auf, dass sie geschönte Studien von Ghostwritern verfassen ließ. Der Wissenschaftsverlag Elsevier hatte sogar ganze Fachblätter im Auftrag von Arzneimittelherstellern veröffentlicht, bei denen es sich eher um nicht gekennzeichnete Werbebroschüren handelte.

Jetzt nimmt das "Deutsche Ärzteblatt" die Industrie ins Visier. Ein sechsköpfiges Team um Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft hat 57 in Fachblättern publizierte Studien unter die Lupe genommen. Das Fazit: "Arzneimittelstudien, die von pharmazeutischen Unternehmen finanziert werden, oder bei deren Autoren ein finanzieller Interessenkonflikt vorliegt, ergeben häufiger ein für die Pharmafirma vorteilhaftes Ergebnis."

Das liegt nach Meinung der Forscher nicht nur an der weitverbreiteten Praxis von Pharmaunternehmen, Auftragsstudien mit missliebigen Ergebnissen gar nicht erst zu veröffentlichen. Selbst die Ergebnisse publizierter Studien würden "öfter zugunsten des Sponsors interpretiert" - obwohl ihre methodische Qualität nicht schlechter sei als die von unabhängig finanzierten Untersuchungen. "Es zeigten sich Hinweise, dass pharmazeutische Unternehmen das Studienprotokoll zu ihren Gunsten beeinflussen", urteilen die Wissenschaftler im "Ärzteblatt".

In einem begleitenden Kommentar schreibt der Regensburger Sozialmediziner David Klemperer von "Manipulationstechniken" der Pharmaindustrie. Ergebnisse, die "der Vermarktung einer Substanz hinderlich sein könnten", würden verschwiegen, negative oder nicht eindeutige Ergebnisse in positive uminterpretiert.

"Pharmazeutische Firmen lassen somit Ärzte und Patienten häufig über die wahren Wirkungen ihrer Produkte im Unklaren", schreibt Klemperer. Ärzte würden so unwissentlich ihre Patienten gefährden. Die Bundesärztekammer sollte aufgrund der aktuellen Studie konkrete Forderungen an die Politik richten - "damit zum Schutze unserer Patienten die Evidenz über das Marketing siegt und Sicherheit vor Umsatz geht".

mbe