"Bild"-Artikel über den Virologen Drosten "Ich will nicht Teil einer Kampagne sein"

"Bild" unterstellt dem Virologen Christian Drosten "fragwürdige Methoden" bei einer Studie. Doch vermeintliche Kronzeugen des Boulevardblatts distanzieren sich von der Berichterstattung.
Ein Interview von Alexander Kühn
Axel-Springer-Verlag in Berlin: "Ich hatte keinen Kontakt zu 'Bild', sie haben mich nicht angefragt, ich habe mich auch nicht angeboten"

Axel-Springer-Verlag in Berlin: "Ich hatte keinen Kontakt zu 'Bild', sie haben mich nicht angefragt, ich habe mich auch nicht angeboten"

Foto: Waldmüller/ imago images

Bereits seit Wochen geht "Bild" Christian Drosten, den Leiter der Virologie in der Berliner Charité, hart an . Am Montag gipfelten die Vorwürfe in der Schlagzeile auf Bild.de: "Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch  - Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?" Drosten selbst hatte den Bericht kurz zuvor mit den Worten auf Twitter ankündigt, "Bild" plane eine "tendenziöse Berichterstattung" über ihn mit "Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang". Dazu postete er die Anfrage eines "Bild"-Redakteurs, der Drosten aufgefordert hatte, sich binnen einer Stunde zu der Kritik zu äußern.

Konkret geht es um eine Untersuchung von Ende April, in der Drosten zu dem Ergebnis gekommen war, Kinder könnten genauso infektiös sein wie Erwachsene. Hier äußert sich einer der vermeintlichen Kronzeugen des "Bild"-Artikels, der deutsche Ökonom Jörg Stoye, der an der Cornell-Universität in Ithaca, USA, Statistik lehrt, zu den Vorwürfen.

SPIEGEL: Professor Stoye, Bild.de prangert heute eine Studie des Virologen Christian Drosten als "grob falsch" an und seine Methoden als "fragwürdig" - unter anderem mit Ihnen als Kronzeugen. War das Ihre Intention?

Stoye: Überhaupt nicht, schon gar nicht in diesen aufgeheizten Zeiten. Drosten ist ein Gigant der Virologie. Ich habe von seiner Disziplin keine Ahnung, ich bin Statistiker. Als ich heute von dem "Bild"-Artikel erfahren habe, habe ich ihm gleich eine E-Mail geschrieben, wie unangenehm mir das ist.

SPIEGEL: Wie haben Sie heute von Ihrem unerwarteten Boulevard-Ruhm erfahren?

Stoye: Erst hat mir der Mannheimer Statistikprofessor Christoph Rothe gemailt. Dann der Bonner Statistikprofessor Dominik Liebl. Beide werden auch in dem "Bild"-Artikel zitiert. Wir sind alle in gleichem Maße unglücklich damit. Ich will nicht Teil einer "Bild"-Kampagne sein. Ich hatte keinen Kontakt zu "Bild", sie haben mich nicht angefragt, ich habe mich auch nicht angeboten.

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SPIEGEL: "Bild" hat jedoch mehrere Zitate von Ihnen aufgegriffen.

Stoye: Die stammen aus einem Aufsatz, den ich auf Englisch verfasst habe und den "Bild" dann recht freihändig übersetzt hat. So, wie "Bild" meine Zitate verwendet, stehe ich auf keinen Fall dazu.

SPIEGEL: In besagtem Aufsatz beschäftigen Sie sich mit einer Studie, in der Drosten und sein Team zu dem Schluss kamen, mit dem Coronavirus infizierte Kinder könnten genauso ansteckend sein wie Erwachsene. Laut "Bild" gehen Sie "hart mit der Drosten-Studie ins Gericht."

Stoye: Na ja. Was heißt hart. Es ist ein wissenschaftlicher Fachaufsatz. Dort wird schon mal eine undiplomatische Sprache verwendet.

SPIEGEL: Weiter zitiert "Bild" das "bittere Fazit des US-Professors", also Ihres: "Es gibt viele gute Argumente gegen eine schnelle Wiedereröffnung der Schulen, aber die Charité-Studie trägt nichts dazu bei."

Stoye: Die für die Studie untersuchten Kinder tragen weniger Viren in sich als Erwachsene. Die Frage ist nun: Ist das nur Zufall? Oder ist es ein Muster? Ich glaube an Letzteres, anders als die Studie. Da sind wir tatsächlich unterschiedlicher Meinung.

SPIEGEL: Weiter werden Sie zitiert: Die Ergebnisse "scheinen von Entscheidungen der Forscher getrieben zu sein". Werfen Sie Drosten und seinen Leuten Manipulation vor?

Stoye: Auf keinen Fall. Ich unterstelle Professor Drosten und seinen Mitautoren keine Intention, schon gar keine bewusste Irreführung. Die Originalstelle bei mir heißt: "My only point is, that the paper's nonsignificance result seems to be driven by researcher choices." Gemeint ist: Die Nichtsignifikanz ist das Ergebnis bestimmter, von den Autoren gewählter Tests.

SPIEGEL: …und für Laien übersetzt?

Stoye: Andere Verfahren hätten möglicherweise zu anderen Ergebnissen geführt. Natürlich hätte es auch andere Methoden gegeben. In der Wissenschaft gibt es nicht immer die eine richtige Methode.

SPIEGEL: "Bild" zitiert Sie weiter: Die Stoßrichtung der Resultate "stimmt mit den öffentlichen Standpunkten (…) der jeweiligen Hauptautoren überein". Klingt, als hätte Drosten vorher schon festgelegt, welches Ergebnis er erzielen möchte. Womöglich um sein Plädoyer für die Schließung von Kitas und Schulen zu unterfüttern.

Stoye: Mit diesem Satz von mir bin ich unglücklich. Sagen wollte ich damit, dass sich auch in der Wissenschaft unbewusste Prozesse vollziehen können. Wenn man diesen Satz allein nimmt, liest er sich schräg, das stimmt. Aber wissenschaftsintern kommuniziert man so. Da habe ich schon ganz andere Sachen um die Ohren gehauen bekommen.

Ich habe den Text auf der Plattform Arxiv.org veröffentlicht, normalerweise schaut dort kein Nichtwissenschaftler hin. Hätte ich gewusst, dass "Bild" diesen Satz liest, hätte ich ihn bestimmt nicht geschrieben. Wer die Studie ganz rezipiert, kann mich aber kaum missverstehen. In der Conclusio schreibe ich: "I emphasize that I do not suggest any intent.” Also: "Ich betone, dass ich den Autoren keine Absicht unterstelle."

SPIEGEL: Ihre Kollegen Rothe und Liebl haben sich bereits auf Twitter von der "Bild"-Berichterstattung distanziert.

Stoye: Ich hatte bislang keinen Account, habe mir aber eben einen angelegt und werde mich dort auch zu Wort melden.

SPIEGEL: Was haben Sie aus der "Bild"-Veröffentlichung gelernt?

Stoye: Medien haben ihre eigenen Gesetze. Mir fällt ein naheliegender Vergleich ein: Herr Drosten kam auch ziemlich negativ rüber, als er sich nach der Pressekonferenz seines Bonner Kollegen Hendrick Streeck zur Heinsberg-Studie geäußert hatte. In irgendwelchen Medien las ich "Drosten zerreißt Streeck-Studie" oder so. Drosten ist dann auf Twitter etwas zurückgerudert, unter anderem mit dem Satz: "Diskurs ermöglicht wissenschaftliche Meinungsbildung. Auch wenn sich manche einen Gelehrtenstreit wünschen." Ich kann ihm nur zustimmen.