Pfizer-Subunternehmen Bericht über Unregelmäßigkeiten bei Impfstoff-Zulassungsstudie

Bei den klinischen Impfstoffstudien von Biontech/Pfizer hat ein Forschungsinstitut laut einer Ex-Mitarbeiterin offenbar unsauber gearbeitet. Auf die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs wirkt sich das jedoch nicht aus.
Der Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer: Milliardenfach verimpft

Der Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer: Milliardenfach verimpft

Foto: GEORGI LICOVSKI / EPA

Bei der Zulassungsstudie des Impfstoffs Comirnaty der Firmen Biontech/Pfizer könnte es zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Wie das britische Fachmagazin »British Medical Journal« (BMJ) berichtet , hat ein Subunternehmer der US-Pharmafirma Pfizer offenbar an manchen Stellen die Studiendaten unsauber erhoben.

Das »BMJ«, eines der wichtigsten Fachmagazine in der Medizin, bezieht sich auf die Aussagen der Whistleblowerin Brook Jackson. Sie war als Regionaldirektorin bei der Ventavia Research Group angestellt gewesen. Die private Forschungsorganisation führt klinische Studien zur Medikamenten- und Impfstoffentwicklung durch, rekrutiert dafür etwa Teilnehmerinnen und Teilnehmer, betreut diese an ihren Standorten, erhebt wissenschaftliche Daten und gibt diese an den jeweiligen Auftraggeber weiter.

Im vergangenen Jahr war Ventavia unter anderen an der klinischen Phase-III-Studie des Impfstoffs Comirnaty der Firmen Biontech/Pfizer beteiligt. Rund tausend Probandinnen und Probanden wurden dem Bericht zufolge von der Organisation an drei Forschungsstandorten in Texas betreut. Laut »BMJ«-Bericht hat das Unternehmen dabei offenbar einige Standards nicht oder nur unzureichend eingehalten.

Die ehemalige Ventavia-Regionaldirektorin Jackson will beobachtet haben, wie während der Studie Daten gefälscht, nicht ausreichend ausgebildete Impfärzte beschäftigt und Nebenwirkungen nur sehr langsam nachverfolgt wurden. Auch seien Patientendaten entblindet worden, das heißt, es sei mitunter bekannt gewesen, welche Probanden ein Placebo bekamen und wer den Impfstoff. Erwartungen und Verhaltensweisen des Personals könnten sich allerdings auf die Bewertungen auswirken und diese verfälschen.

Die Probleme seien aufgefallen, als Mitarbeiter Qualitätskontrollen durchgeführt hätten, sagte Jackson dem BMJ. Nachdem sie wiederholt Ventavia von den Unregelmäßigkeiten berichtet hatte, habe Jackson der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA eine E-Mail mit den Vorfällen geschickt.

In dem Schreiben äußerte Jackson eine Reihe von Bedenken bezüglich der von Ventavia durchgeführten klinischen Untersuchung, die der gesamten Phase-III-Zulassungsstudie von Biontech/Pfizer zugeliefert wurde. Die von ihr bemängelten Punkten sollen demnach sein:

  • Die Teilnehmer wurden nach der Injektion in einem Flur untergebracht und nicht von klinischem Personal überwacht,

  • Protokollabweichungen wurden nicht gemeldet,

  • Impfstoffe wurden nicht bei den richtigen Temperaturen gelagert,

  • falsch etikettierte Laborproben,

  • mangelnde rechtzeitige Nachsorge von Patienten, bei denen unerwünschte Ereignisse aufgetreten sind,

  • Schikane von Ventavia-Mitarbeitern, die diese Art von Problemen melden.

Jackson sei daraufhin umgehend entlassen worden, heißt es in dem Bericht. Sie habe einige Stunden später eine Rückmeldung von der FDA erhalten, die sich für die Meldung der Probleme bedankt und darauf hingewiesen habe, sie könne sich nicht zu laufenden Studien äußern. Einige Tage später habe Jackson einen Anruf von einem FDA-Mitarbeiter bekommen, der ihre Bedenken zwar ernst genommen habe, doch offenbar keine weitere Untersuchung in Auftrag gab. Kurze Zeit darauf erhielt der Impfstoff von Biontech/Pfizer eine Notfallzulassung in den USA.

Die Firmen Biontech/Pfizer haben für ihre Phase-III-Studie rund 44.000 Probandinnen und Probanden rekrutiert und den Impfstoff an insgesamt 153 Standorten getestet. Welche Konsequenzen es hätte, sollten sich die Vorwürfe bestätigen, ist unklar. In der Phase III einer klinischen Studie wird die Wirksamkeit eines Arzneimittels getestet.

Klinische Prüfung der Impfstoffentwicklung in drei Phasen

Bis ein Impfstoff zugelassen wird, muss er in drei Phasen klinisch geprüft werden. Damit das Paul-Ehrlich-Institut einen potenziellen Impfstoff für eine klinische Studie am Menschen zulässt, muss ein Hersteller zunächst Daten vorlegen, dass der Stoff bereits ausreichend präklinisch getestet wurde – etwa in Tierversuchen.

Phase I: Der Impfstoff wird einer kleinen Gruppe von freiwilligen Gesunden verabreicht. Es wird beobachtet, ob das Mittel den Zielbereich im Körper erreicht und dabei keine akuten Nebenwirkungen auftreten.

Phase II: Erst wenn die Phase I erfolgreich war, kann der Impfstoff in Phase II einer größeren Teilnehmerzahl verabreicht werden, die der Risikogruppe entstammen. Im Fall von Covid-19 wären das ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen. In dieser Phase werden die Wirksamkeit des Impfstoffs bei der Verhinderung der Krankheit und die geeignete Dosierung getestet.

Phase III: Danach kann der Impfstoff an einer repräsentativen Gruppe von Freiwilligen getestet werden – bis zu 10.000 Probanden werden dabei geimpft. In Phase III werden die Wirksamkeit, die Sicherheit sowie die Dosierung der Impfung bestätigt. Unerwünschte Ereignisse, wie etwa ein besonders schwerer Krankheitsverlauf durch die Gabe des Impfstoffs, können ausgeschlossen werden.

Inzwischen ausreichend Real-World-Data

Inzwischen wurden weltweit bereits Milliarden Menschen mit dem Mittel von Biontech/Pfizer gegen das Coronavirus geimpft. Sogenannte Real-World-Daten, also Beobachtungen aus der Anwendung bei Menschen außerhalb klinischer Studien, zeigen, dass der Impfstoff sehr gut vor schweren Covid-Verläufen und Todesfällen schützt. Die bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten haben auf die inzwischen ausreichend erhobenen Real-World-Daten somit keinen Einfluss, selbst wenn sich herausstellt, dass sie aufgrund der möglichen Schlamperei wissenschaftlich unbrauchbar sind.

Auf der Bundespressekonferenz wurde der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, auf den BMJ-Bericht angesprochen. »Es ist mir bekannt, wir können ihn aber nicht überprüfen«, antwortete er. Es gehe um eine überschaubare Zahl von Teilnehmern. Der Vorwurf müsse untersucht werden, »wir müssen aber auch konstatieren, dass der Impfstoff inzwischen milliardenfach verimpft wurde«.

Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen kommentierte auf Anfrage des »Science Media Center«: »Das, was die Whistleblowerin aufgedeckt hat, ist ohne Frage unschön.« Es reiche allerdings nicht aus, um an der Qualität der klinischen Studie von Biontech/Pfizer zu zweifeln. »Das ist mir einfach zu wenig«, so Kremser, »die Impfdaten wurden schon in zahlreichen Studien bestätigt. Von daher sehe ich keinen Grund, sie deswegen jetzt infrage zu stellen.«

Kremser erläutert, dass es bei klinischen Studien zwei wichtige Einheiten gebe: die Studienleitung und den klinischen Sponsor. Letzterer sei hier Pfizer. Der klinische Sponsor sei unter anderem für die Qualitätssicherung der Daten verantwortlich. Kleinere Pharmafirmen, aber zunehmend auch größere, lagerten bestimmte Aufgabenbereiche mittlerweile häufig an Subunternehmen aus, die für sie bestimmte Aufgaben übernehmen. »So hat es auch Pfizer gemacht, obwohl das Unternehmen definitiv in der Lage gewesen wäre, alle Aufgaben eines klinischen Sponsors selbst zu übernehmen.« Im Pandemiefall müsse alles schnell gehen. Die Gefahr, dass ein Subunternehmen dann womöglich nicht den Qualitätsstandards des großen klinischen Sponsors entspricht, könne in solch einem Fall steigen. »Mir als Studienarzt ist es immer lieber, direkt mit dem klinischen Sponsor zu kommunizieren. Die Einbeziehung von Subunternehmen macht viele Bereiche einer klinischen Studie komplizierter und mitunter auch schlechter.«

Auch der Oberarzt und Internist Oliver Cornely, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Klinische Studien Köln, sagte: »Die im ›The BMJ‹-Artikel geschilderten Fehler schränken die Aussagekraft der Zulassungsstudie des Impfstoffs nicht ein.« Man solle die Daten der Probanden dieser Zentren aus der Analyse nehmen und so prüfen, ob sich die Studienaussage ändere. Gut sei, dass auf diese Zentren nur etwa 2,3 Prozent der etwa 44.000 Teilnehmer entfielen. »Zudem ist die Wirksamkeit inzwischen aus Daten aus Israel und anderen Ländern belegt«, so Cornely. »Wir nehmen kaum geimpfte Personen wegen Covid-19 stationär auf, erkennen also die Wirksamkeit jeden Tag.«

Ventavia bezeichnet sich auf seiner Website  als das größte private klinische Forschungsunternehmen in Texas und listet viele Auszeichnungen auf, die es für seine Auftragsarbeit gewonnen hat. Jackson berichtete dem »BMJ«, dass sie während der zwei Wochen, die sie im September 2020 bei Ventavia angestellt war, ihre Vorgesetzten wiederholt über schlechtes Labormanagement, Bedenken hinsichtlich der Patientensicherheit und Probleme der Datenintegrität informiert habe.

Jackson ist Auditorin für klinische Studien, also eine unabhängige Wissenschaftlerin, die vor oder während der klinischen Prüfung die Qualität überprüft. Sie hat nach eigenen Aussagen rund 15 Jahre Erfahrung in der Koordination und Verwaltung klinischer Forschungsprojekte.

Als Ventavia sich auf ihre Mitteilungen hin nicht um die Behebung der Probleme kümmerte, habe sie selbst die Initiative ergriffen und Fotos auf ihrem Handy gemacht, heißt es in dem »BMJ«-Bericht. Die entsprechenden Handyfotos liegen dem »BMJ« nach eigener Angaben vor.

Schlampige Abfallentsorgung, ungeschützte Personendaten

Sie sollen dokumentieren, dass etwa Nadeln in einem Plastikbeutel für biologische Gefahrenstoffe weggeworfen wurden statt in einem Behälter für scharfe Gegenstände. Ein anderes soll Verpackungen für Impfstoffe zeigen, auf denen die Identifikationsnummern der Studienteilnehmer geschrieben stehen, die offen herumstanden und so möglicherweise die Teilnehmer entblinden.

Jackson reichte auch interne Dokumente von Ventavia an das »BMJ« weiter, die belegen sollen, dass den Führungskräften spätestens seit August 2020 bekannt war, dass es Probleme in der Qualitätssicherung gab.

Im August dieses Jahres, nach der vollständigen Zulassung des Impfstoffs von Pfizer in den USA, veröffentlichte die FDA eine Zusammenfassung ihrer Inspektionen der Zulassungsstudie des Unternehmens. Neun der insgesamt 153 Standorte der Studie waren untersucht worden. Die Standorte von Ventavia gehörten nicht dazu.

Das »BMJ« hat auch mit anderen Ventavia-Mitarbeitern gesprochen, die ähnliche Vorfälle wie Jackson berichteten. »Ich glaube nicht, dass es gute saubere Daten waren«, sagte der Mitarbeiter über die Daten, die Ventavia für die Pfizer-Studie generiert hat. »Es ist ein verrücktes Durcheinander.«