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01. Februar 2010, 18:02 Uhr

Bizarrer Protest

Volle Dröhnung Homöopathie

Von Cinthia Briseño

Sie zogen vor Apotheken und verabreichten sich eine Überdosis Pillen: Hunderte von Briten haben mit einem Happening gegen die Homöopathie demonstriert. Dass sie keinerlei Wirkung verspürten, hatten die Mitwirkenden erwartet - die Homöopathen aber auch.

Um genau 10.23 Uhr ging die Protestaktion los. Doch viel zu sehen gab es nicht: Keine Krawalle, keine Sprechchöre, kein Geschrei. Die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz, nur hier und da standen ein paar Reporter mit Kameras herum. Aber ansonsten passierte nichts. Gut so, Mission gelungen - in den Augen der Aktivisten ein klarer Sieg.

In gut einem Dutzend britischer Städte hatten sich Menschen vor den Filialen der Apothekenkette Boots versammelt, um den gesamten Inhalt kleiner Medikamentenfläschchen mit homöopathischen Pillen zu leeren - eine kollektive Überdosis, mit der die Aktivisten demonstrieren wollten: "There's nothing in it" - "Da ist nichts drin". Vergeblich warteten die Demonstranten darauf, dass nach der Überdosis irgendetwas mit ihnen passiert. Doch die Kügelchen zeigten keinerlei Wirkung.

84 Gramm reiner Zucker

"84 Gramm reinen Zucker zu essen, das ist nicht gerade ideal", sagte einer der Aktivisten nach der Aktion. "Aber keiner von uns fühlte irgendwelche Nebenwirkungen. Und das haben wir auch nicht erwartet." Dabei hatte der junge Mann eine ganze Packung homöopathischer Arsenpillen geschluckt, die er in einer Apotheke gekauft hatte. Das Medikament ist freilich ungefährlich, denn das Arsen ist so weit verdünnt, dass es nicht mehr nachweisbar ist und sich rechnerisch kein Molekül mehr in dem Präparat befindet.

Für die Homöopathie ist das Prinzip der Schlüssel für eine erfolgreiche Behandlung. Gerade weil der Wirkstoff so stark verdünnt ist, sollen damit die unerwünschten Wirkungen der Substanz minimiert, die erwünschten dagegen sogar verstärkt werden. Für die Skeptiker totaler Humbug, denn wie soll ein Stoff seine Wirkung entfalten, wenn er gar nicht mehr in dem Präparat vorhanden ist? Vor der Massenüberdosis jedenfalls hatten sie keine Angst.

Ihre Kampagne trägt den Namen " 10:23" - in Anlehnung an die sogenannte Avogadro-Konstante. Diese gibt die Zahl der Moleküle in der Stoffmenge von einem Mol an. Es sind 6 mal 1023.

Passanten auf der Straße, die vom britischen Sender BBC zur Aktion und zum Nutzen von Homöopathie befragt wurden, reagierten unterschiedlich. "Ich verschwende mein Geld nicht dafür", sagte eine Passantin. Eine andere Frau ist dagegen der Meinung, sie fühle sich "auf jeden Fall besser dadurch. Ganz gleich, ob die Pillen wirken oder nicht, mir helfen sie."

Millionen für die Homöopathie

Doch die Aktivisten wollen nicht nur den ein oder anderen Anhänger der Homöopathie bekehren. Hinter ihrer Aktion steckt ein Aufruf an die Gesundheitspolitik: Jedes Jahr gibt der staatliche Gesundheitsdienst NHS den Angaben von 10:23 etwa vier Millionen Pfund für homöopathische Mittel aus. Nach Meinung der Aktivisten könnte man das Geld sinnvoller einsetzen, und zum Beispiel die Gehälter von fast 200 Krankenschwestern bezahlen.

In einem offenen Brief an den Apothekenbetreiber Boots schreiben die Aktivisten, Boots vernachlässige seine Verantwortung als Gesundheitsdienstleister, dem die britische Bevölkerung vertraue. Die Apothekenallianz hat Homöopathika vor einiger Zeit in ihr Sortiment aufgenommen und vertreibt sie unter eigenem Markennamen. Womöglich, weil das Geschäft mit Homöopathika derzeit gut läuft?

In einer Stellungnahme gegenüber dem Fernsehsender BBC erklärte Boots, die Homöopathie sei sowohl von dem staatlichen Gesundheitsdienst NHS als auch von vielen Medizinern und Patienten anerkannt. Man unterstütze jedoch den Aufruf nach mehr Forschung und der Sammlung von Beweisen, die die Wirksamkeit von Homöopathie beweisen können.

Doch genau darum steht es, wissenschaftlich betrachtet, eher schlecht. Schon im Jahr 2005 fiel das Urteil der Mediziner, die mehr als 200 Studien über homöopathische Mittel ausgewertet hatten, vernichtend aus: Homöopathika seien nicht besser als Placebos, also Scheinmedikamente ohne jeden Wirkstoff.

Der Verband britischer Homöopathen begegnet der Protestaktion eher gelassen: Eine homöopathische Behandlung sei eine personenspezifische Angelegenheit, die darauf beruhe, dass man eine Reihe von kleineren Dosen zu sich nehmen müsse. Man habe von der Massenüberdosis gar keine Auswirkungen bei den Demonstranten erwartet, da keiner unter den zu dem jeweiligen Medikament passenden Symptomen gelitten hätte.

"Das war ein unkluger Schachzug - ein geschmackloser noch dazu", sagte Paula Ross, die Vorsitzende des Verbands. "Die Aktion führt zu nichts, außer dass sie die wissenschaftliche Debatte vorantreibt, wie Homöopathie funktioniert."

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