Bundeswehr Zahl der traumatisierten Soldaten fast verdoppelt

Der Einsatz in Afghanistan belastet deutsche Soldaten psychisch immer mehr: Die Zahl der traumatisierten Bundeswehr-Angehörigen hat sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelt. Bei der US-Armee muss jeder vierte Einsatz wegen Rücken- oder Sehnenschmerzen der Kämpfer abgebrochen werden.
Deutscher Soldat in Afghanistan: Fast 500 Traumatisierte innerhalb eines Jahres

Deutscher Soldat in Afghanistan: Fast 500 Traumatisierte innerhalb eines Jahres

Foto: ddp

Hamburg/London - Die Zahl der im Auslandseinsatz traumatisierten deutschen Soldaten hat sich nach Angaben der Bundeswehr im vergangenen Jahr fast verdoppelt. "Wir hatten insgesamt 466 Fälle im Jahr 2009, 418 davon in Afghanistan", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Freitag. "Im Jahr 2008 hatten wir 245 Soldaten, die wegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung in Behandlungen waren."

Als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bezeichnen Fachleute eine psychische Störung, die bei Menschen nach extremen Erfahrungen auftritt. Zu den Symptomen gehören wiederkehrende Erinnerungen an das Trauma (sogenannte Flashbacks), Albträume, Schlafstörungen, Angstzustände, Depressionen und Gefühle von Teilnahmslosigkeit.

Das Verteidigungsministerium sieht mehrere Ursachen für die gestiegenen Behandlungszahlungen, darunter Feuergefechte mit feindlichen Kämpfern. "Natürlich verlaufen die Einsätze inzwischen nicht ohne eine gewisse Robustheit", sagte der Ministeriumssprecher. Zudem gebe es aber auch eine gestiegene Bereitschaft unter den Soldaten, offen mit dem Thema umzugehen und sich in psychische Betreuung zu begeben. Eine Traumatisierung während des Einsatzes in Afghanistan etwa sei nicht mehr mit einem Stigma behaftet. Man habe im vergangenen Jahr viel Aufklärungsarbeit geleistet.

Kritik vom Wehrbeauftragten

Auf Druck aus der Truppe hatte der frühere Verteidigungsminister Franz Josef Jung im Februar 2009 vor dem Bundestag die Einrichtung eines Forschungs- und Kompetenzzentrums für Posttraumatische Belastungsstörungen angekündigt. Auch eine Telefon-Hotline soll Soldaten unter Wahrung ihrer Anonymität inzwischen Hilfe bieten. Jung sagte damals, seelische Verwundungen dürften von Soldaten und Öffentlichkeit nicht mehr als Schwäche empfunden werden.

Aus dem Verteidigungsministerium hieß es am Freitag, dass dieses Zentrum im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin "für eine anwendungsorientierte Forschung und Beratung" bereits im Mai 2009 seine Arbeit aufgenommen habe. Die Soldaten sollten aber weiterhin dezentral im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin sowie in Koblenz und Hamburg therapiert werden. "Die Behandlung wollen wir in der Fläche haben", sagte der Ministeriumssprecher.

Der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Reinhold Robbe (SPD), kritisierte die Pläne: "Was hier in Berlin geschaffen wurde, ist eine angeflanschte Abteilung beim Arbeitsmedizinischen Institut, das jetzt schon unterbesetzt ist und Probleme hat, seine eigenen Aufgaben wahrzunehmen." Benötigt werde vielmehr "ein selbstständiges Institut für die Prophylaxe, Behandlung und Nachsorge sowie insbesondere für die Erforschung von Posttraumatischen Belastungsstörungen und Posttraumatischen Verhaltensauffälligkeiten", sagte Robbe dem Online-Nachrichtenportal news.de.

In der Pflicht sieht er die Führung des Sanitätsdiensts der Bundeswehr. Sie habe vieles schöngeredet und "so getan, als wenn man mit den bestehenden Instrumenten klarkommen würde. Das ist für mich nicht akzeptabel", sagte Robbe.

Rücken- und Sehnenprobleme machen US-Soldaten Ärger

Die US-Armee kämpft im Irak und in Afghanistan mit ähnlichen Problemen: Bei neun Prozent der Soldaten, die vorzeitig in die Heimat geschickt werden müssen, sind neurologische Probleme der Grund, bei weiteren zehn Prozent sind es die psychischen Folgen des Einsatzes.

Wie es in einer Studie im britischen Fachblatt "The Lancet"  weiter heißt, geht jeder vierte abgebrochene Kampfeinsatz auf das Konto gewöhnlicher Rückenprobleme und Sehnenentzündungen. Damit dezimieren die Muskel- oder Gelenkbeschwerden die Truppe stärker als im Kampf erlittene Verwundungen, die nur für 14 Prozent aller abgebrochenen Einsätze verantwortlich waren.

Für die Studie im Auftrag der US-Streitkräfte und des amerikanischen John P. Murtha Institute hatten Forscher die Daten von 34.000 Soldaten ausgewertet, die von 2004 bis 2007 aus gesundheitlichen Gründen heimgebracht wurden.

In vorangegangenen Konflikten wie dem Zweiten Weltkrieg, dem Vietnamkrieg und dem Koreakrieg lagen Lungenentzündungen und Infektionskrankheiten noch an erster Stelle, gefolgt von Kampfverletzungen. Der Hauptautor der Studie, Steven Cohen von der Johns Hopkins School of Medicine, sieht nun Handlungsbedarf bei den Verantwortlichen. Wer bei der Infanterie eingesetzt werde, der leide notgedrungen an Überbelastungen, Rückenschmerzen etwa seien der Normalfall. "Die Militärärzte sind nicht auf die Behandlungen der Probleme vorbereitet, die am häufigsten auftreten", sagte Cohen.

mbe/apn
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