Debatte über Mensch-Tier-Wesen Bleibt bei den Fakten

Ein japanischer Forscher will Mischwesen aus Mensch und Tier erzeugen, in Deutschland regt sich Kritik: Von "Frankenstein" ist die Rede, von einem "ethischen Megaverstoß". Das sind gefährliche Fehleinschätzungen.

Homöopathie, Impfen, Gentechnik - es gibt Themen, auf die bestimmte Gruppen stets nach dem gleichen Muster reagieren: Abergläubige versuchen im Widerspruch zum wissenschaftlichen Konsens die medizinische Wirksamkeit von Homöopathie herbeizureden, Impfgegner sehen ohne valide Argumente in jeder Spritze eine materialisierte Verschwörung der Pharmalobby - und Gentechnik, nunja, die bleibt auch nach 40 Jahren Sicherheitsforschung des Teufels.

Dieses Reiz-Reaktionsschema konnte man am Mittwoch wieder beobachten. Am Morgen berichteten SPIEGEL ONLINE und andere Medien über einen japanischen Forscher, der Mischwesen aus Tier und Mensch erzeugen und bis zur Geburt wachsen lassen möchte (mehr dazu lesen Sie hier).

Für viele wissenschaftliche Laien klingt das erschreckend, nach genetischen Allmachtsfantasien. In Internetforen, auch bei SPIEGEL ONLINE, fühlen sich Leser an Frankenstein erinnert, von "Hybris" ist die Rede. Tierschützer melden Bedenken an.

Differenzierte Äußerungen von Experten werden in der Berichterstattung so verkürzt, dass nur die Warnungen hängen bleiben. So wird der Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl, Mitglied im Deutschen Ethikrat, mit dem Satz zitiert: "Die fundamentale Grenze zwischen Mensch und Tier, auf der nicht nur unsere Rechtsordnung, sondern auch unser gattungsethisches Selbstverständnis als Menschen beruht, würde in unzulässiger Weise porös." Dass sich die Aussage gar nicht auf das aktuell angekündigte Experiment bezieht, sondern auf Versuche, die weit darüber hinausgehen, geht in der Aufregung unter.

Auch aus der Politik gab es Kritik. Dem SPIEGEL sagte SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach auf Anfrage: "Mit der Züchtung von Mensch-Tier-Wesen wird eine Grenze überschritten, die wir als Menschen nicht überschreiten dürfen. Das ist ein klarer ethischer Megaverstoß."

Die Reaktionen sind typisch für das reflexhafte Verurteilen wissenschaftlicher Neuerungen in Deutschland. Statt abwägend zu begründen, warum man es für ethisch problematisch hält, menschliche Organe in Tieren heranzuzüchten - man kann dafür Gründe finden -, dominiert die Angst.

Spekuliert wird nun etwa, was es bedeuten würde, Menschen tierische Eigenschaften einzupflanzen. Das wäre ethisch in der Tat hoch fragwürdig. Nur ist ein solcher Eingriff nicht geplant und hat nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun.

Der Kern des Experiments in Japan besteht darin, menschliche Zellen in Tierembryonen einzusetzen und dort zu Organen heranwachsen zu lassen. Eine Praxis, die auch in Deutschland erlaubt ist. Neu ist lediglich, dass Japan nun die Geburt dieser Wesen erlaubt hat.

Beim Leser bleibt hängen, dass in japanischen Laboren schlimme Dinge passieren

Die Wirkung der spontanen Empörungsrufe ist fatal. Selbst der bei solcher Forschung sehr kritische Vorsitzende des Deutschen Ethikrats sprach inzwischen von einem "Sturm im Wasserglas". In der Öffentlichkeit bleibt aber etwas anderes hängen: Dass in japanischen Laboren schlimme Dinge passieren, dass möglicherweise Mischwesen aus Tieren und Menschen entstehen, bei denen die Eigenschaften beider verschmelzen und am Ende niemand mehr weiß, was da eigentlich heranwächst.

Das nährt das Misstrauen in die Wissenschaft. Dabei entspricht nichts davon den Tatsachen. Und das ist das Problem.

Natürlich muss Wissenschaft hinterfragt werden

Wissenschaftler sind kein Klub nickelbebrillter Kittelträger, die möglichst verrückte Experimente machen wollen. Wissenschaft ist die einzige Möglichkeit, sich der Wahrheit zu nähern und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Sie sollte daher die Grundlage für gesellschaftliche Entscheidungen bilden.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass alles, was technisch möglich ist, auch gemacht werden sollte. Es bedeutet nicht, dass man wissenschaftliche Erkenntnisse und Experimente nicht hinterfragen darf.

Es bedeutet aber, dass man das Für und Wider wissenschaftlicher Vorhaben abwägen sollte und die Ergebnisse und Einschätzungen anerkennen, wenn die Belege valide sind, um schließlich informiert und differenziert zu einer Entscheidung zu finden.

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