Ethikratsvorsitzender zu Mensch-Tier-Mischwesen "Ich kann verstehen, dass sich die Leute gruseln"

Bald könnten Chimären aus Tier und Mensch geboren werden. Der Chef des Deutschen Ethikrats über die Versuche und darüber, warum wir so schnell moralisch verurteilen - obwohl die Artgrenzen schon länger überschritten werden.
Zur Person
Foto: Dt. Ethikrat/R. Zensen

Peter Da­brock beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den ethischen Grundsätzen der biologischen Forschung. Er ist Pro­fes­sor für evan­ge­li­sche Theo­lo­gie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und seit 2016 Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dabrock, was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass der Japaner Hiromitsu Nakauchi Mischwesen aus Tier und Mensch auf die Welt holen will?

Peter Dabrock: Ich kann verstehen, dass sich die Leute gruseln. Ich war allerdings nicht so schockiert, wie man vielleicht vermuten würde. Das liegt auch daran, dass ich mich schon seit Jahren mit dem Thema beschäftige. Als ich die Überschriften gelesen habe, war mir schon klar, dass hier kein ethisch bedenkliches Mischwesen entstehen soll.

SPIEGEL ONLINE: Wo ziehen Sie die Grenze?

Dabrock: Der Ethikrat hat 2011 eine Stellungnahme zu  solchen Versuchen herausgegeben, denn grundsätzlich sind die ja nichts Neues. Nakauchi hat nun lediglich die Möglichkeit, Tierembryonen, die auch menschliche Zellen enthalten, länger wachsen zu lassen, als zuvor. So will er Ratten erzeugen, denen eine menschliche Bauchspeicheldrüse wächst.

Das Besondere an den dabei entstehenden Lebewesen ist, dass sie zwar Zellen von Tier und Mensch enthalten, diese sich aber nicht vermischen. Eine rote Linie zieht der Ethikrat erst bei Tier-Mensch-Hybriden. Das sind echte Kreuzungen, bei denen jede Zelle im Körper gleichzeitig Erbmaterial vom Tier und vom Menschen enthalten würde. Das würde das menschliche Selbstverständnis in seiner Abgrenzung zum Tier gefährden.

SPIEGEL ONLINE: Überschreitet man bei den nun geplanten Versuchen nicht Artgrenzen?

Dabrock: Das kann man so sehen. Behauptet man, die Grenze zu nichtmenschlichen Lebewesen sei absolut, müsste man sich allerdings selbstkritisch fragen, ob wir diese nicht schon seit Langem überschreiten. Wir pflanzen Bakterien menschliche Gene ein, um Insulin herzustellen. Wäre das verboten, hätten Diabetiker ein großes Problem. Auch das Verpflanzen einer Schweineherzklappe in einen menschlichen Körper überschreitet Artgrenzen. So viel Ehrlichkeit muss sein, wenn wir über diese Dinge sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker fürchten, dass bei den Versuchen eingesetzte menschliche Zellen ins Gehirn der Tiere wandern könnten und deren kognitive Eigenschaften verändern.

Dabrock: Das ist theoretisch möglich und muss streng überwacht werden. Versuche aus den letzten Jahren haben allerdings gezeigt, dass das bei weit voneinander entfernten Spezies nicht passiert. Nakauchi wird mit seiner Grundlagenforschung genauer prüfen, wie hoch das Risiko solcher ungewollter Effekte ist. Er hat zugesichert, die Versuche abzubrechen, falls sich menschliche Zellen an problematischen Orten ansiedeln.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den Rechten der Tiere in den Versuchen?

Dabrock: Das ist ein sehr wichtiger Punkt! Wir müssen hier als Gesellschaft Rechenschaft ablegen: Dürfen wir Tiere töten? Welches Maß an Leid ist verantwortbar? Was dürfen wir überhaupt mit Tieren machen? Wie bewerten wir Tierversuche im Verhältnis zu Massentierhaltung oder der mitunter wenig artgerechten Haltung als Haustier? Nach welchen Kriterien entscheiden wir, welche Tiere wie schützenswert sind?

All diese Dinge müssen in Tierexperimenten gegen andere Interessen und Rechte abgewogen werden. Da gibt es etwa die Wissenschaftsfreiheit, die prominent im Grundgesetz steht. Wichtig ist außerdem die Frage, zu welchem Zweck geforscht wird und ob es sich dabei um ein hochrangiges Ziel handelt.

SPIEGEL ONLINE: Zu welchem Schluss kommen Sie?

Dabrock: Tierschutz wird für die Gesellschaft immer wichtiger und darauf muss die Politik reagieren. Ich persönlich finde das gut. Das Tierschutzgesetz schreibt bereits jetzt vor, dass Tiere in Versuchen bestmöglich versorgt werden müssen und keinem unnötigen Leiden ausgesetzt sein dürfen.

Gleichzeitig haben die nun geplanten Versuche ein sehr hochrangiges Ziel für den Menschen: Sie bieten langfristig die Perspektive, die Organknappheit zu bekämpfen oder ganz auf die klassische Organspende zu verzichten, über die ja auch aus ethischen Gründen gestritten wird - ich denke da beispielsweise an die Debatten zur Widerspruchsregelung oder zum Hirntod.

Bevor jemand die Versuche von Nakauchi ablehnt, muss er sich daher selbstkritisch drei Fragen stellen: Bin ich bereit, Organe zu spenden? Esse ich Fleisch? Und nutze ich Medikamente, die nur dank Tierversuchen entwickelt werden konnten?

SPIEGEL ONLINE: Die geplanten Versuche in Japan sind nicht die einzige Idee, um Menschen leichter mit Organen zu versorgen. Könnte man nicht auch auf sie verzichten?

Dabrock: Vor allem in Deutschland arbeiten Forscher daran, Organe von Tieren genetisch so zu verändern, dass man sie Menschen einpflanzen kann. Das klingt zunächst nach dem vielversprechenderen Ansatz. Die Erfahrung sagt mir aber, dass es sich in der biomedizinischen Forschung meist lohnt, mehrere Ansätze gleichzeitig zu verfolgen. Vielleicht sind die untersuchten Verfahren ja nicht für alle Organe gleich gut geeignet, dann könnte man kombinieren. Das wissen wir jetzt schlicht noch nicht.

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