Chloroquin gegen Covid-19 Was kann das von Trump gepriesene Malaria-Medikament?

In einer Pressekonferenz nannte US-Präsident Trump ein Malaria-Mittel gegen Covid-19 als möglichen historischen Durchbruch. Tatsächlich ist die Wirkung noch ungewiss.
Packung des seit Langem eingesetzten Malaria-Wirkstoffs Chloroquin (englisch Chloroquine)

Packung des seit Langem eingesetzten Malaria-Wirkstoffs Chloroquin (englisch Chloroquine)

Foto: ZUMA Press/ imago images

"Hydroxychloroquin und Azithromycin, zusammen eingenommen, haben eine reelle Chance, einer der größten Durchbrüche in der Geschichte der Medizin zu sein. (…) Hoffentlich werden sie beide sofort eingesetzt. Menschen sterben, handelt schnell und Gott segne alle."

Die Zeilen stammen vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Er hatte schon einige Tage zuvor bekannt gegeben, dass er ein riesiges Potenzial darin sehe, Hydroxychloroquin gegen Covid-19 einzusetzen.

Im Tweet  am Samstag ergänzte Trump sogar: "H (Hydroxychloroquin) wirkt besser mit A (Azithromycin), International Journal of Antimicrobial Agents."

Hydroxychloroquin und das eng verwandte Chloroquin sind alte Wirkstoffe, die gegen andere Krankheiten eingesetzt werden, insbesondere gegen Malaria und die Autoimmunkrankheit Lupus. Nach der Bekanntgabe von Donald Trump ist die Nachfrage nach Hydroxychloroquin in den USA stark gestiegen. Patientinnen und Patienten mit Lupus berichten, dass sie Probleme haben , die für sie notwendigen Tabletten zu bekommen.

Azithromycin ist ein Antibiotikum, also ein Wirkstoff, mit dem man in erster Linie von Bakterien ausgelöste Infektionen bekämpft.

Noch bevor sich Trump am Wochenende zu Wort meldete, hatte der deutsche Infektiologe Christian Drosten mit Blick auf Chloroquin vor zu viel Optimismus gewarnt.

Erfolg im Labor. Aber auch beim Menschen?

Versuche in Zellkulturen haben zwar schon vor Längerem gezeigt, dass Chloroquin die Vermehrung vieler Viren bremsen kann, dies gelingt auch mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2. Dass ein Mittel in einer Zellkultur wirkt, bedeutet allerdings noch lange nicht, dass es auch infizierten Menschen hilft.

Dafür gibt es mehrere Gründe, wie Drosten, Infektiologe an der Berliner Charité, erklärt. Einer davon ist, dass das Mittel im Körper erst mal den Weg bis zur Lunge schaffen müsste, wo das Coronavirus enormen Schaden anrichten kann. Ein anderer, dass infizierte Zellen die Inhaltsstoffe von Medikamenten oft erst umbauen, bevor diese ihre Wirkung entfalten. Ob Zellen im Körper gleich reagieren wie Zellen in einer Petrischale, ist sehr ungewiss.

Bei Hydroxychloroquin als Wirkstoff gegen Covid-19 scheinen Wissenschaftler zwar schon einen Schritt weiter. In Frankreich erprobten Mediziner das Mittel an einer kleinen Gruppe Covid-19-Patienten. Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, kursiert aber im Internet . Auf den ersten Blick wirken die Ergebnisse vielversprechend. Drosten hat jedoch erhebliche Zweifel an der Aussagekraft der Untersuchung.

"Es gibt leider in dieser Studie mehrere Dinge, bei denen man diskutieren muss, ob man das so machen kann", sagte er dem NDR .

Ähnliches Ergebnis wie bei einer Kopfschmerztablette

Für die Untersuchung behandelten die Mediziner aus Marseille 26 Covid-19-Patienten mit dem Malaria-Mittel, 16 Covid-19-Patienten dienten als Kontrollgruppe und erhielten kein Medikament. In der Gruppe mit dem Mittel sank die Konzentration des Coronavirus im Rachen schneller als ohne das Mittel, lautet das Fazit. Sechs Patienten aus der Medikamentengruppe erhielten außerdem noch das Antibiotikum Azithromycin, um eine gleichzeitige Infektion mit Bakterien zu vermeiden. Bei ihnen waren die gemessenen Effekte besonders stark.

Allerdings deutet vieles darauf hin, dass die Patienten in der Medikamentengruppe zu einem späteren Zeitpunkt der Erkrankung in die Studie aufgenommen wurden als die Patienten ohne Medikament. Dann gehört es zum normalen Krankheitsverlauf, dass die Konzentration der Viren im Rachen wieder sinkt. In der Regel passiere das innerhalb von zehn Tagen nach Beginn der Erkrankung, sagt Drosten.

"Danach ist das Virus bei ganz vielen Patienten im Hals nur noch ganz wenig oder ganz unregelmäßig nachweisbar", erklärt der Virologe. Das habe aber nichts damit zu tun, wie sich das Virus in der Lunge verhalte, wo es schwere Schäden anrichten kann. "Vielleicht wäre die Studie genauso ausgegangen, wenn die Patienten so zusammengesetzt wären, man ihnen aber kein Chloroquin gegeben hätte, sondern eine Kopfschmerztablette", sagt Drosten.

Ein weiterer von mehreren Mängeln der Studie: Die Forscher werteten von den anfangs 26 Menschen in der Medikamentengruppe nur die Daten von 20 Teilnehmern aus, bei sechs mussten sie die Medikamentengabe abbrechen. Bei drei Teilnehmern war dies notwendig, weil sie auf die Intensivstation mussten - trotz Medikament. Ihre Ergebnisse bezogen die Mediziner nicht in die Endauswertung mit ein.

Er wolle nicht sagen, dass Chloroquin nicht wirke, so der Virologe. "Ich möchte nur sagen: So wie diese Studie gemacht wurde, sind wir kein Stück schlauer." Stattdessen fordert er Untersuchungen, die nicht die Viruskonzentration analysieren, sondern den tatsächlichen Gesundheitszustand der behandelten Patienten.

WHO startet weltweite, unbürokratische Medikamentenstudien

Klar ist, dass schnellstmöglich geklärt werden muss, ob Hydroxychloroquin - und andere Wirkstoffe - gegen Covid-19 wirklich helfen oder nicht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vergangene Woche den Start des sogenannten Solidarity Trials bekannt gegeben: Ärztinnen und Ärzte weltweit können an der geplanten Großstudie teilnehmen, mit so wenig bürokratischem Aufwand wie möglich.

Getestet werden in der Studie zunächst vier Medikamente beziehungsweise Medikamentenkombinationen, wobei es möglich sein soll, die Liste zu ergänzen:

  • Chloroquin, also der ursprüngliche Anti-Malaria-Wirkstoff, von dem Hydroxychloroquin abgeleitet ist,

  • Remdesivir, ein antivirales Mittel, das zunächst für die Behandlung von Ebola entwickelt wurde,

  • Lopinavir und Ritonavir, die in Kombination bei HIV-Infektionen gegeben werden,

  • Lopinavir und Ritonavir, ergänzt um Interferon beta.

Diese Medikamente werden ebenfalls in einer europäischen Studie  geprüft, in der Hydroxychloroquin eingesetzt werden soll. Eigentlich wollte die WHO Hydroxychloroquin und Chloroquin ursprünglich nicht beim Solidarity Trial berücksichtigen. Aufgrund der großen Aufmerksamkeit für die Mittel habe sich die Organisation aber umentschieden, schreibt das Wissenschaftsmagazin "Science" .

Trump selbst forderte im Anschluss an eine Pressekonferenz, Hydroxychloroquin sofort einzusetzen. "Was haben wir zu verlieren?", fragte er. Die Antwort ist einfach: Neben den Patienten mit Lupus, die möglicherweise keine Medikamente mehr bekommen, riskieren alle Einnehmer wie bei fast jedem Medikament Nebenwirkungen.

Auch wenn Hydroxychloroquin grundsätzlich als gut verträglich gilt, kann es in seltenen Fällen zu Netzhautveränderungen führen, zu Unruhe, Schlafstörungen und Magen-Darm-Beschwerden. Dieses Risiko lohnt sich nur, wenn Covid-19-Patienten von der Einnahme wirklich profitieren.