Virologe Drosten über neue Corona-Variante »Das sieht leider nicht gut aus«

Experten haben neue Informationen über eine möglicherweise besonders ansteckende Coronavirus-Linie bekannt gegeben, die bislang vor allem in England kursiert. Nun zeigt sich auch Christian Drosten besorgt.
Geschlossener Pub in London

Geschlossener Pub in London

Foto: Yui Mok / dpa

Der Virologe Christian Drosten hat in einem Tweet eine Aussage über die neue Variante des Coronavirus getroffen, die deutlich ansteckender sein könnte als bisherige Linien.

»Das sieht leider nicht gut aus«, schrieb Drosten und verwies auf eine Expertengruppe der britischen Regierung (NERVTAG). Diese hatte am Montagabend weitere Daten  zu der neuen Linie des Virus veröffentlicht.

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»Es wurde eine neuartige Variante identifiziert, die sich in Großbritannien schnell verbreitet hat«, schreibt die Expertengruppe in ihrer Zusammenfassung. Demnach hat die neue Linie des Coronavirus die Übertragbarkeit »mit hoher Sicherheit wesentlich erhöht«. Weitere Studien zur Charakterisierung laufen nach Angabe der Experten noch.

Den neuen Auswertungen zufolge könnte die neue Virusvariante den R-Wert, also die Anzahl weiterer Personen, die ein Infizierter ansteckt, um gut 0,5 bis gut 0,7 erhöhen. Das mag nach wenig klingen, würde bei einem wöchentlichen Durchschnitt von etwa 25.000 Neuinfektionen am Tag, wie derzeit in Deutschland, je Ansteckungsschritt aber ungefähr 15.000 zusätzlich Infizierte bedeuten (mehr dazu lesen Sie hier ).

Drosten schrieb dennoch, es sei »positiv«, dass Fälle mit der Mutante bisher nur in Gebieten zunahmen, wo die Gesamtinzidenz hoch oder ansteigend war. »Kontaktreduktion wirkt also auch gegen die Verbreitung der Mutante.«

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte zuletzt mitgeteilt, die neue Viruslinie sei noch nicht außer Kontrolle. »Selbst wenn das Virus sich nun ein kleines bisschen effizienter ausbreitet, kann das Virus gestoppt werden«, so der WHO-Direktor für medizinische Notfälle, Michael Ryan.

Am Montag wurde noch eine Erhöhung des R-Werts um 0,4 bis 0,9 diskutiert. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hatte am Wochenende erklärt, die Mutation sei »bis zu 70 Prozent ansteckender« als die Ursprungsvariante des Coronavirus. Die Angabe basierte jedoch auf einer Expertenaussage, nach der die neue Virusvariante das Ansteckungsrisiko deutlich mehr oder deutlich weniger als 70 Prozent erhöhen könnte.

Besonders zwei Mutationen bereiten Sorge

Besondere Sorge bereitet dem britischen Expertengremium eine Mutation namens N501Y im sogenannten Spike-Protein, mit dem das Virus an menschliche Zellen bindet. Die Mutation verstärkt den Drang des Virus, an menschliche Zellen anzudocken. Es sei möglich, dass diese Mutation allein oder in Kombination mit einer weiteren Genveränderung namens 69-70del die Übertragbarkeit des Virus erhöhe, so die britischen Fachleute.

Bei der Mutation 69-70del werden Informationen für den Bau von zwei Aminosäuren im Erbgut gelöscht. Sars-CoV-2-Coronaviren mit der Genveränderung stehen im Verdacht, Patienten mit Immunschwäche besonders schwer zu treffen. Dass mit der neuen Coronavirus-Linie Infizierte schwerere Verläufe haben, ist bislang aber nicht bekannt.

Sorgen bereitet den Experten dennoch die Position der Mutationen N501Y. Sie könne beeinflussen, wie wirksam Antikörper das Virus neutralisieren, schreiben die Experten. Verschiedene Studien hätten gezeigt, dass monoklonale Antikörper schlechter mit Viren fertig werden, die an der Position 501 mutiert sind. Allerdings wurde das noch nie mit N501Y getestet.

Biontech hält Impfstoff weiter für wirksam

Die deutsche Impfstofffirma Biontech hatte am Dienstag erklärt, sie gehe davon aus, dass ihr Impfstoff auch gegen die neue Virusform wirksam sei.  »Wir haben den Impfstoff bereits gegen circa 20 andere Virusvarianten mit anderen Mutationen getestet. Die Immunantwort, die durch unseren Impfstoff hervorgerufen wurde, hat stets alle Virusformen inaktiviert«, so Biontech-Chef Uğur Şahin.

Die europäische Arzneimittelbehörde hatte die Vakzine am Montagabend zugelassen.

Die neue Linie des Coronavirus breitet sich seit September vor allem in London, im Südosten und Osten von England aus. Es gibt aber auch erste Fälle in Schottland und Wales sowie in Staaten außerhalb des Vereinigten Königreichs, etwa in Dänemark und den Niederlanden. Auch Australien ist betroffen.

Wahrscheinlich schon in Deutschland

In Deutschland wurde die Variante bislang noch nicht nachgewiesen. Experten halten es aber für wahrscheinlich, dass sie auch hierzulande zu finden wäre, wenn häufiger umfassende Genanalysen des Virus stattfänden.

»Ich denke, dass das schon in Deutschland ist«, sagte Drosten am Montagmorgen im Deutschlandfunk. Andere Forscher, etwa der Bioinformatiker Richard Neher von der Universität Basel (hier) und der Infektions- und Tropenmediziner Michael Hölscher von der Uniklinik München (hier ) sehen das ähnlich.

Am Montag hatte sich Drosten mit Blick auf die möglicherweise erhöhte Ansteckungswahrscheinlichkeit der neuen Virusvariante noch zurückhaltend geäußert. »Ich bin darüber nicht so sehr besorgt im Moment. Ich bin allerdings auch – genau wie jeder andere – in einer etwas unklaren Informationslage.«

Mit Material von AFP