Virologe Drosten warnt vor Coronaherbst »Wir müssen unbedingt an der Impfquote arbeiten«

Die momentane Impfquote in Deutschland ist viel zu niedrig, um ohne Maßnahmen durch den Herbst zu kommen, warnt Christian Drosten. England etwa stehe deutlich besser da.
Virologe Christian Drosten

Virologe Christian Drosten

Foto: Janine Schmitz / Photothek / Getty Images

Christian Drosten rechnet aktuell nicht damit, dass Deutschland ohne Kontaktbeschränkungen durch den Herbst kommen wird. Dafür müssten deutlich mehr Menschen geimpft sein. »Wir müssen unbedingt an der Impfquote arbeiten, und das gesamtgesellschaftlich«, sagte der Virologe der Berliner Charité Mittwochmorgen in einem Interview im Deutschlandfunk .

Aktuell sind in Deutschland 61 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Da die Zahl der Erstimpfungen kaum höher liegt, ist nicht zu erwarten, dass der Wert in den nächsten Wochen stark steigen wird. »Mit dieser Impfquote können wir nicht in den Herbst gehen«, sagt Drosten. »Das reicht absolut nicht aus.« In Deutschland gelten rund vier Millionen Menschen als genesen, das entspricht weniger als fünf Prozent der gesamten Bevölkerung.

Seine Bedenken machte der Virologe an Berechnungen des Robert Koch-Instituts (RKI)  fest, die bereits aus dem Juni stammen und im Juli noch mal aktualisiert wurden. Die damaligen, eher glimpflichen Szenarien für den Herbst und Winter basierten auf dem Ziel, dass bei den unter 60-jährigen Erwachsenen 85 Prozent geimpft sein werden, bei den über 60-Jährigen sogar über 90 Prozent. »Wir kommen als Bevölkerung mit der Impfgeschwindigkeit nicht hinterher«, sagte Drosten.

Kontaktreduzierungen bei den Zahlen bereits eingepreist

Auch mehrere weitere Faktoren weisen darauf hin, dass es im Herbst und Winter noch mal Kontaktbeschränkungen geben könnte. Dazu zählt, dass bei den RKI-Modellierungen bereits eingerechnet wurde, dass die Menschen in Deutschland ihre Kontakte Anfang Oktober um zehn Prozent und Anfang November noch mal um 30 Prozent reduzieren werden. Es schwinge also deutlich mit, dass man davon ausgehe, dass man nicht ohne weitere Maßnahmen durch den Herbst kommen werde, so Drosten.

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Auch wurde die Gefahr durch die Delta-Variante zum Zeitpunkt der Prognosen noch unterschätzt. »Wir wissen inzwischen viel deutlicher als damals im Juni, dass Geimpfte nach ein paar Monaten, vier, fünf, sechs Monaten, deutlich den Übertragungsschutz verlieren«, warnt der Virologe. Erste Daten aus Großbritannien  deuten zudem darauf hin, dass Infektionen mit der Delta-Variante rund doppelt so häufig zu Krankenhauseinweisungen führen könnten wie Infektionen mit der zuvor kursierenden Alpha-Variante.

Drostens Fazit aus virologischer Sicht: »Wir werden nach Auffassung dieser Modellierung gesamtgesellschaftlich die Zahl der Kontakte wieder einschränken müssen, das ist ganz klar. Die Infektionslast steigt im Herbst.«

England: Rund 95 Prozent der Erwachsenen inzwischen geschützt

Andere Länder können dem Virologen zufolge entspannter in die nächsten Monate blicken, darunter England. Die Impfquoten liegen in dem Land demnach je nach Altersgruppe fünf bis zehn Prozent über denen Deutschlands. Hinzu kommt, dass in England viele Menschen eine Infektion durchgemacht haben und dadurch eine natürliche Immunität besitzen  – allerdings erkauft, wie Drosten sagt, »zu dem Preis vieler Verstorbener«.

In England sind Schätzungen zufolge knapp 95 Prozent der Bevölkerung durch Antikörper gegen das Coronavirus geschützt, weil sie geimpft wurden oder infiziert waren. »Das ist natürlich eine gute Aussicht«, so Drosten im Deutschlandfunk. »Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt.« Deshalb sei es so wichtig, an der Impfquote zu arbeiten. Grundsätzlich sei es zwar möglich, die Pandemie durch Impfungen ausreichend zu unterdrücken. Dafür müssten aber mindestens 90 Prozent aller Menschen geimpft sein.

»Man kann sich also da schon rausimpfen«, sagte Drosten. »Die Frage ist nur: Kann man die Quote so weit steigern?«

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass die Quote bei den Erstimpfungen nur um zwei Prozentpunkte höher liegt als die Quote bei den Zweitimpfungen. Dabei fehlte der Hinweis, dass sich die Zahl nur auf die Gruppe der unter 60-Jährigen bezieht. Wir haben die Passage geändert.

irb
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