Unbemerkter Einbruch So trickst das Coronavirus die Immunabwehr aus

Dringt fremdes Erbgut in die Zellen unseres Körpers ein, vernichtet dieser das Material normalerweise sofort. Doch das neue Coronavirus hat einen Weg gefunden, die Immunreaktion zu umgehen.
Coronavirus (Illustration): Angriff mit Tarnkappe

Coronavirus (Illustration): Angriff mit Tarnkappe

Foto: dowell/ Getty Images

Ohne einen Wirt sind Viren nichts. Das Coronavirus Sars-CoV-2 hat seit einiger Zeit den Menschen als Herberge für sich entdeckt. Um sich zu vermehren, kapert es die Zellen unseres Körpers und schleust sein Erbgut ein. Anhand des genetischen Bauplans produziert die Körperzelle daraufhin Viruskopien. Ohne den Mechanismus geht das Virus zugrunde.

Forscher der Universität Texas haben nun die dreidimensionale Struktur eines Virus-Enzyms entschlüsselt. Es ermöglicht dem Erreger, sich beim Eindringen in die Körperzellen dem Immunsystem zu entziehen. Die Wissenschaftler hoffen, dass sie mithilfe der neuen Erkenntnisse wirksame Medikamente gegen das Virus finden, berichten sie im Fachmagazin "Nature Communications" .

Tarnkappe fürs Viruserbgut

Das untersuchte Enzym trägt den Namen nsp16 und ermöglicht es dem Virus, die Proteinfabriken der menschlichen Zellen zu nutzen. Dazu lagert es Moleküle an eingeschleustes Viruserbgut an. Diese gaukeln den Körperzellen vor, bei der mRNA handele es sich um menschliches Material. Man könnte sagen, das Enzym verpasst dem Erbgut eine Tarnkappe.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Mit dieser Tarnung wird der genetische Bauplan des Virus in den Proteinfabriken der Körperzellen verarbeitet, es entstehen Bestandteile des Virus. Anders gesagt: Die Körperzelle vervielfältigt den Erreger, ohne es zu merken. Würden die Erbgutfragmente des Virus dagegen als fremd erkannt, würde die Zelle sie eliminieren, bevor Virusbausteine daraus entstünden.

"Mit einem Code können wir gesicherte Gebäude betreten, ohne dass die Alarmanlage losgeht. SARS-CoV-2 hat den gleichen Vorteil beim Eintritt in die Zellen", schreibt die Universität Texas . "Das Virus besitzt den Code, ungehindert in Körperzellen vorzudringen."

Medikament könnte Tarnung verhindern

Die Wissenschaftler arbeiten nun daran, dem Virus den Code wieder wegzunehmen. "Unsere Arbeit bildet eine Basis, um antiretrovirale Medikamente gegen Coronaviren zu entwickeln", sagt Studienleiter Yogesh Gupta. Gemeinsam mit Kollegen versucht er, Substanzen zu finden, die das Enzym nsp16 hemmen, sodass es das Viruserbgut nicht mit Tarnmaterial versehen kann.

Mithilfe ihres neuen 3D-Modells des Enzyms haben die Forscher bereits einen Kandidaten identifiziert: Adenosin. Der Stoff ist an zahlreichen Prozessen im Körper beteiligt und unter anderem Bestandteil der mRNA. Seit einiger Zeit wird er bereits in der Medizin genutzt, etwa um Herzrhythmusstörungen zu diagnostizieren.

Ob Adenosin das Enzym nsp16 tatsächlich blockieren kann, müssen zunächst aber weitere Untersuchungen im Labor und gegebenenfalls später am Patienten zeigen. Falls tatsächlich ein Stoff gefunden wird, der das Enzym kaltstellt, könnte unser Immunsystem mit dem Erreger fertig werden, bevor es diesem gelingt, die Zellen zu infizieren.

jme
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