Corona und Reisen Ein Langstreckenflug, vier Ansteckungen

Auf einem 18-stündigen Flug haben sich wohl mindestens vier Passagiere mit dem Coronavirus infiziert. Experten erhoffen sich von dem Vorfall Erkenntnisse über sicheres Fliegen in Pandemiezeiten.
Reinigung eines Flugzeugs (im Juni 2020 am Flughafen Gatwick): Welche Faktoren begünstigen Ansteckungen, welche verringern sie?

Reinigung eines Flugzeugs (im Juni 2020 am Flughafen Gatwick): Welche Faktoren begünstigen Ansteckungen, welche verringern sie?

Foto: Matt Alexander/ dpa

Wer dieser Tage reisen will, kommt ohne Mund-Nasen-Schutz nicht aus. Im Nahverkehr ist er Pflicht, genauso wie in der Bahn und im Flugzeug. Sicher ist sicher. Wie groß das Risiko für Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 in den Verkehrsmitteln ist, wissen Forscher jedoch nicht genau.

Das zu überprüfen, ist gar nicht so leicht, denn insbesondere bei Infizierten, die unterwegs waren, lässt sich rückblickend schwer sagen, wo sie sich angesteckt haben und bei wem. War es am Bahnhof oder Gate oder direkt im Flugzeug oder der Bahn? Und wer hat das Virus weitergegeben? Diese Fragen lassen sich in Haushalten, wo Kontaktpersonen bekannt sind, viel einfacher klären.

In einer kleinen Untersuchung haben Behörden nun Infektionen nachgewiesen, die mit großer Wahrscheinlichkeit in einem Flugzeug stattgefunden haben, trotz Belüftungssystem und zumindest teilweiser Maskennutzung. Der Ausbruch liefert Hinweise, worauf Airlines und Staaten künftig achten sollten, um einen möglichst sicheren Flugverkehr in Pandemiezeiten zu gewährleisten.

18 Stunden auf engem Raum

Laut der Auswertung des Teams um Tara Swadi vom neuseeländischen Gesundheitsministerium haben sich am 28. und 29. September vier Passagiere auf einem gut 18-stündigen Langstreckenflug von Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Auckland mit Sars-CoV-2 angesteckt. Die Forscher berichten im Fachmagazin »Emerging Infectious Diseases«  von dem Vorfall.

Der Inselstaat hat sich mit Beginn der ersten Ausbreitungswelle weitgehend vom Rest der Welt abgeschottet. Bürger, die in ihre Heimat zurückkehren, müssen sich seit der ersten Coronawelle 14 Tage lang in Quarantäne begeben und werden mehrfach auf das Coronavirus getestet.

Bei dieser Nachprüfung bemerkten die Experten, dass gleich sieben von 86 Passagieren des Flugs EK448 während der Quarantäne positiv getestet worden waren. Sie waren aus fünf verschiedenen Staaten angereist und hatten in Dubai das Flugzeug nach Auckland bestiegen. Bei einem knapp zweistündigen Tankstopp in Kuala Lumpur, Malaysia, verließ niemand den Flieger.

Sieben nahezu identische Genome

»Alle sieben Sars-CoV-2-Genome waren genetisch identisch, mit Ausnahme einer einzelnen Mutation in einer Probe«, schreibt der Molekularbiologe Ali Nouri, Präsident der Federation of American Scientists, mit Blick auf die insgesamt sieben im Zusammenhang mit der Reise nachgewiesenen Infektionen auf Twitter. Nouri war nicht an der Auswertung beteiligt.

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Die genetische Ähnlichkeit der Viren ist ein Indiz, dass sie Teil des gleichen Ausbruchs waren. Hätten sich die Passagiere bereits in ihren Ausgangsregionen infiziert, hätten sie mit großer Wahrscheinlichkeit verschiedene Viruslinien mit auf den Flug gebracht.

Da die Passagiere mit den Bezeichnungen A und B als erste Symptome entwickelten, gehen die Forscher davon aus, dass sie das Virus an Bord des Flugzeugs geschleppt haben. Sie waren gemeinsam gereist und haben während des Flugs wahrscheinlich die Passagiere C, D, E und F angesteckt.

Der siebte Testpositive, Passagier G, steckte sich dagegen wohl erst während der gemeinsamen Quarantäne an, bei der er sich mit Passagier F ein Zimmer teilte.

Platziert in fünf aneinandergrenzen Reihen

Die Boeing 777-300ER, die fast 400 Passagiere fasst, war auf dem Flug zu einem Viertel besetzt. Die sieben später positiv getesteten Passagiere saßen nah beieinander – im Bereich von fünf aneinandergrenzenden Reihen, nur eine blieb frei.

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Passagier Ds Sitz befand direkt hinter dem des wahrscheinlichen Indexfalls A, Passagier E saß mit einem Sitz Abstand hinter dem möglichen Indexfall B. (Schaubild im Tweet). Es könne zwar nicht endgültig ausgeschlossen werden, dass sich die Passagiere bereits zufällig am Flughafen angesteckt haben, erklärte Nouri. »Ein viel wahrscheinlicheres Szenario ist jedoch die Übertragung auf dem Flug, da die sieben in unmittelbarer Nähe saßen.«

Auffällig ist, dass sich das Virus ausbreiten konnte, obwohl sowohl die Indexfälle A und B sowie zwei der vier Passagiere, die sich wahrscheinlich bei ihnen angesteckt haben, angaben, auf dem Flug eine Maske getragen zu haben. Passagier C und E gaben zu, dies nicht getan zu haben. Am Gate galt keine Maskenpflicht.

Wichtiger Baustein: Quarantäne nach dem Flug

Fünf Passagiere ließen sich zudem vor dem Flug freiwillig auf Sars-CoV-2 testen. Von der Fluggesellschaft verlangt wurde das nicht. Das Problem: »Die Tests haben die Indexfälle nicht erfasst«, schreibt Nouri.

Passagier A war vier bis fünf Tage vor Flugbeginn auf das Virus untersucht worden und erhielt ein negatives Ergebnis. Experten kritisieren, dass die Zeitspanne zwischen Test und Flugbeginn zu groß gewesen sei, um sicherzustellen, dass er bei Flugantritt frei vom Virus war. Idealerweise müssten Testergebnisse verlangt werden, die nur wenige Stunden alt seien.

Die Lehre aus der Auswertung sei, dass mehrere Sicherheitsnetze eingebaut werden müssten – Tests vor dem Einsteigen, Abstand und Masken, sagte Abraar Karan von der Harvard Medical School, der nicht an der Studie beteiligt war, der »New York Times« . »Diese Dinge sind auf dem Flug alle auf unterschiedliche Weise schiefgelaufen.«

Nouri verwies darauf, dass die Studie die Wichtigkeit einer Quarantäne und von Tests nach einem Flug unterstreiche. Swadi und Kollegen erklärten in ihrem Fazit, dass es sinnvoll sei, alle internationalen Passagiere als potenziell mit Sars-CoV-2 infiziert zu betrachten, selbst wenn Tests vor der Abreise durchgeführt und während des Flugs Abstände eingehalten und Masken getragen wurden.

Anfang des Jahres hatte der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft noch mitgeteilt, dass das Infektionsrisiko in Flugzeugen wahrscheinlich eher gering sei. Horizontale Luftströmungen würden durch die Belüftungssysteme an Bord auf »ein absolutes Minimum reduziert«, hieß es. Vorstellbar ist, dass in dem aktuellen Fall der extrem lange Aufenthalt im Flugzeug die Schutzwirkung der Lüftung verringert hat.

Alle Passagiere als potenziell infiziert betrachten

Bereits im September hatten zwei Studien darauf hingedeutet, dass sich Menschen trotz ausgeklügelter Lüftung während eines Flugs mit dem Coronavirus anstecken können. Die Analysen bezogen sich allerdings auf Fälle aus dem März, als das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes noch unüblich war (mehr dazu lesen Sie hier).

In Europa gilt sei Monaten für alle Fluggäste ab sechs Jahren eine Maskenpflicht an Bord. Experten verweisen allerdings darauf, dass sich Fluggäste schon vor der Pandemie nicht unbedingt konsequent an Regeln gehalten haben.

Selbst wenn alle genannten Vorschriften zur Geltung kämen, bliebe ein Restrisiko für Infektionen auf fast allen Flügen, sagte Karan. Es sei mehr als wahrscheinlich, dass nicht nur die zwei Passagiere auf Flug EK448 die Maske in den 18 Stunden Reisezeit abgenommen hätten. Ein jeder solcher Lapsus erhöhe das Risiko eines Ausbruchs.

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