Potenzielles Coronamedikament Antikörpermittel senkt laut Hersteller Risiko für Covid-19 um 81 Prozent

Laut ersten Studienergebnissen kann ein Cocktail aus Antikörpern offenbar Covid-19-Erkrankungen verhindern. Deutschland hat Tausende Dosen bestellt. Doch das Medikament taugt nicht für alle Patienten – und ist teuer.
Die Antikörper-Kombination aus Casirivimab und Imdevimab wird intravenös verabreicht werden

Die Antikörper-Kombination aus Casirivimab und Imdevimab wird intravenös verabreicht werden

Foto: Vicki Smith / Getty Images

Nach Studiendaten kann die Gabe einer Antikörper-Kombination aus Casirivimab und Imdevimab das Risiko symptomatischer Corona-Infektionen um etwa 81 Prozent verringern. Das teilte der Schweizer Pharmakonzern Roche am Montag in Basel mit. Bei Patienten mit symptomatischer Infektion klangen die Symptome demnach im Durchschnitt innerhalb einer Woche ab, verglichen mit drei Wochen in der Placebo-Gruppe. Unerwartete ernste Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten.

Monoklonale Antikörper gehören bislang zu den wenigen Medikamenten, die das Coronavirus gezielt bekämpfen. Schon im Januar hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verkündet, Deutschland 200.000 Dosen der Mittel gesichert zu haben, obwohl sie bisher nicht zugelassen sind. Die europäische Arzneimittelbehörde Ema prüft das Präparat von Roche derzeit. In den USA hatte das Mittel eine Notzulassung erhalten. Mit ihm wurde unter anderem der frühere Präsident Donald Trump behandelt.

Antikörper müssen früh verabreicht werden

Mittlerweile haben mehrere Pharmafirmen Arzneimittel mit monoklonalen Antikörpern entwickelt, die Covid-19-Erkrankten helfen sollen. Der Ansatz ist immer ähnlich: Forscher nutzen einen natürlichen Antikörper als Vorbild, etwa von einem Corona-Genesenen, entschlüsseln diesen im Labor und bauen ihn anschließend in großen Mengen nach. »Die Medikamente sind nichts anderes als neutralisierende Antikörper, wie sie auch das Immunsystem bei einer Infektion entwickelt, nur dass sie künstlich hergestellt wurden«, sagte Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie an der München Klinik Schwabing.

An der aktuellen Studie der Phase III hatten laut Roche  1500 Menschen teilgenommen, die mit einem Corona-Infizierten zusammenlebten, aber selbst noch nicht positiv getestet worden waren. Ein Teil von ihnen bekam eine Dosis des Antikörpercocktails, ein weiterer ein Placebo. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Demnach zeigten nur elf Probanden, die vorsorglich mit den Antikörpern behandelt worden waren, später Symptome von Covid-19. Das entspricht einem Anteil von 1,5 Prozent.

  • In der Placebo-Gruppe zeigten dagegen gut 59 Probanden Symptome, das entspricht einem Anteil von 7,8 Prozent. Aus dieser Differenz ergibt sich ein verringertes Risiko von gut 81 Prozent. Ob das Medikament Infektionen komplett verhindert, wurde nicht untersucht.

Bisher basieren die Ergebnisse allerdings allein auf den Herstellerangaben. Die Ergebnisse würden den Zulassungsbehörden so bald wie möglich überreicht, hieß es. Den Antikörpercocktail hatte Roche zusammen mit seinem Partner Regeneron entwickelt.

Therapie in Hausarztpraxen schwierig

Nach derzeitigem Wissensstand helfen die Medikamente aber nur, wenn sie sehr früh eingesetzt werden – am besten schon nach dem Kontakt mit einem Infizierten oder innerhalb der ersten Tage nach einem positiven Test. Ziel ist, das Immunsystem bei der Bekämpfung des Virus zu unterstützen und dadurch einen schweren Krankheitsverlauf zu verhindern.

»Hat der Patient nach 10 oder 14 Tagen eigene Antikörper gebildet, bringen die Medikamente nichts mehr«, sagt Wendtner. Hinzu kommt, dass Antikörper gegen Entzündungen oder andere Folgen der Infektion nichts ausrichten können. »Man kann das mit einem brennenden Strohballen vergleichen«, sagt Wendtner. »Wenn er etwas kokelt, ist es noch sinnvoll, einen Eimer Wasser drauf zu schütten. Sobald er lichterloh brennt, ist es dafür zu spät.«

Das zeigte sich auch während der aktuellen Analyse. In einem weiteren Studienarm bekamen 204 bereits Infizierte, die erst kurz zuvor positiv auf das Virus getestet worden waren, das Medikament oder ein Placebo. Die Gabe des Medikaments konnte demnach das Risiko für Symptome nur noch um 31 Prozent senken.

Experten fordern deshalb, dass die Therapie schon früh beginnen müsste und nicht erst im Krankenhaus, wenn Covid-19-Patienten bereits schwer erkrankt sind. Das könnte jedoch zum Problem werden. Denn das Medikament muss intravenös verabreicht werden. Dass Infizierte für diese Therapie in eine Hausarztpraxis kommen, lässt sich laut Wendtner aber nur schwer mit dem Infektionsschutzgesetz vereinbaren.

2000 Euro pro Patient?

Und: Die Mittel sind teuer, die Produktion ist aufwendig. Laut Spahn hatte der Bund für 200.000 Dosen der Antikörper-Medikamente 400 Millionen Euro gezahlt, das entspricht im Schnitt 2000 Euro pro Dosis. Wie viel das Medikament kosten wird, sollte es zugelassen werden, ist noch nicht bekannt. »Die Medikamente könnten ein weiterer Baustein in der Bekämpfung der Pandemie sein. Wir erwarten aber keine ultimativen Heilsbringer«, sagt Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Wie bei jeder medizinischen Behandlung besteht auch bei monoklonalen Antikörpern zudem das Risiko für Nebenwirkungen. So können etwa die Antikörper von Regeneron laut der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA einen anaphylaktischen Schock, also eine schwere allergische Reaktion, auslösen. Auch Fieber, Schüttelfrost sowie Jucken oder Rötungen der Einstichstelle sind demnach möglich.

Medikament von AstraZeneca floppt

Abgesehen von der aktuellen Studie laufen noch weitere Untersuchungen, die herausfinden sollen, ob bereits im Krankenhaus aufgenommene Patienten seltener auf die Intensivstation verlegt werden müssen, wenn sie mit künstlichen Antikörpern behandelt wurden. Die Ergebnisse stehen noch aus.

Weltweit wird gerade an unzähligen Medikamenten gegen das Coronavirus geforscht . Zuletzt hat sich ein Diabetesmittel des Pharmakonzerns AstraZeneca bei der Behandlung von Coronapatienten nicht als hilfreich erwiesen. Das Medikament Forxiga floppte in einer klinischen Studie der Phase III zur Behandlung von Covid-19 bei Patienten, die ins Krankenhaus eingewiesen wurden und bei denen schwere Komplikationen drohen. Die Ergebnisse der Studie mit 1250 Teilnehmern waren statistisch nicht signifikant, teilte AstraZeneca mitteilt.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes hieß es, für die Therapie seien zwei Behandlungen mit der Antikörper-Kombination aus Casirivimab und Imdevimab notwendig. Tatsächlich wurde in der aktuellen Studie nur eine Dosis verabreicht. Wir haben den Fehler korrigiert.

koe/irb/dpa
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