Studie zu Corona-Ausbruch bei Tönnies Ansteckung über acht Meter Entfernung

Anstrengende Arbeit, niedrige Temperaturen, kaum Luftaustausch, wenig Abstand: Durch diese Bedingungen kam es laut einer Studie im Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück zum Superspreading-Event.
Mitarbeiter im Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück am 17. Juli

Mitarbeiter im Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück am 17. Juli

Foto: Tönnies / dpa

Im Juni zeigten Tests, dass mehr als 1400 Mitarbeitende im Schlachtbetrieb  der Firma Tönnies im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück sich mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert hatten. Für den Kreis Gütersloh wurde zeitweise ein Lockdown verfügt.

Nun hat eine Forschungsgruppe um die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung rekonstruiert, auf welchem Weg sich der Erreger in dem Betrieb ausgebreitet haben könnte. Ihre Arbeit ist noch nicht von anderen Forschenden begutachtet worden, aber als sogenannter Preprint verfügbar .

Am Anfang standen bloß zwei Infektionen

Laut ihrer Analyse hatten zunächst zwei Mitarbeiter der Frühschicht Kontakt zu Mitarbeitern eines Schlachthofs im niedersächsischen Dissen, an dem es zu diesem Zeitpunkt einen Coronavirus-Ausbruch gab. Sie berichteten dem Management davon, aber dies wurde nicht als hohes Risiko eingestuft, weshalb beide normal weiterarbeiteten, heißt es in der Studie.

Drei Tage nach diesem Treffen wurden beide auf das Coronavirus getestet - und erhielten tags darauf ein positives Ergebnis. Erst jetzt wurden die beiden ebenso wie weitere Arbeiter, mit denen sie sich eine Wohnung teilten, unter Quarantäne gestellt.

Einige Tage später hatten weitere Mitarbeiter der Frühschicht positive Corona-Testergebnisse - was schließlich in einem Ausbruch mit mehr als 1500 Betroffenen endete. Der Vorfall ist ein sogenanntes Superspreading-Event, bei dem eine einzelne Person zahlreiche andere ansteckte.

Denn die Wissenschaftler ermittelten mithilfe von Erbgutanalysen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass nur einer der zunächst Betroffen das Virus weitergab. Dies lässt sich mithilfe einzelner Mutationen im Virusgenom in den Proben der Infizierten herausfinden.

Ein Sicherheitsabstand von zwei Metern reicht offenbar nicht

Die ersten Mitarbeiter, die sich in Rheda-Wiedenbrück ansteckten, waren alle gemeinsam in der Frühschicht, in der insgesamt 147 Menschen arbeiten - meist an einer festen Position am Förderband. Die Auswertung dieser Positionen zeigte, dass das Risiko einer Ansteckung innerhalb eines Abstands von acht Metern zu dem ersten betroffenen Arbeiter am größten war. Was bedeutet, dass ein Abstand von 1,5 oder zwei Metern, den wir aktuell in vielen Situationen als relativ sicher bewerten, unter diesen Bedingungen bei Weitem nicht ausreichten.

Dass sich die Viren in dem Schlachthof so effektiv verbreiten konnten, liegt sehr wahrscheinlich an mehreren Umständen: "Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen des Zerlegebetriebs - also die niedrige Temperatur, eine geringe Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwälzung durch die Klimaanlage in der Halle, zusammen mit anstrengender körperlicher Arbeit - die Aerosolübertragung von Sars-CoV-2-Partikeln über größere Entfernungen hinweg förderten", sagt Adam Grundhoff vom Hamburger Heinrich-Pette-Institut, ein Mitautor der Studie.

Gemeinsame Unterkünfte und Fahrgemeinschaften trugen zur Verbreitung bei

Ansteckungen in der Freizeit - viele der Mitarbeiter in der Schicht wohnten in gemeinsamen Wohnungen und fuhren in Fahrgemeinschaften zur Arbeit - spielten dagegen laut den Wissenschaftlern eine untergeordnete Rolle zu Beginn des Ausbruchs. Die Umstände könnten aber später zur Verbreitung des Erregers beigetragen haben.

Das Forschungsteam schränkt allerdings ein, dass sie die Informationen über den genauen Arbeitseinsatz, geteilte Wohnungen und Fahrgemeinschaften vom Unternehmen erhielten und nicht direkt von den Betroffenen. Sie überprüften dessen Angaben nicht.

Die Erkenntnis, dass Kälte, geringer Luftaustausch und schweres Atmen wegen der Anstrengung oder lautes Sprechen im Betriebslärm die Ansteckungsgefahr erhöhen, ist zwar nicht neu - wohl aber die Schlussfolgerung, dass sich auch Menschen in acht Meter Entfernung offenbar ansteckten.

"Es stellt sich nun die wichtige Frage, unter welchen Bedingungen Übertragungsereignisse über größere Entfernungen in anderen Lebensbereichen möglich sind", sagt die Studienautorin Brinkmann.

Und - auch das folgt aus der Studie - es muss dringend dafür gesorgt werden, dass solche Superspreading-Events in Schlachtbetrieben künftig verhindert werden, etwa durch bessere Belüftung.

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