Wolfgangsee, Landau, Schwäbisch Gmünd Wie Superspreader die Pandemie anheizen

Praktikanten am Wolfgangsee, eine Beerdigung in Baden-Württemberg, Ernte auf einem Bauernhof: Immer wieder heizen Superspreader-Events die Corona-Pandemie an. Werden sie als Faktor in den Berechnungen unterschätzt?
Ausbruch am Wolfgangsee: Mit Ischgl nicht vergleichbar

Ausbruch am Wolfgangsee: Mit Ischgl nicht vergleichbar

Foto: Leonhard Foeger/ REUTERS

Es begann offenbar mit "Praktikanten"-Partys, die sich zu einem Superspreading-Event in der beliebten Urlaubsregion Wolfgangsee in Österreich auswuchsen. Inzwischen sind 62 Menschen, die mit den Partys in Verbindung gebracht werden, positiv auf das Coronavirus getestet worden. Der Ausbruch zeigt, wie bedrohlich alltägliche Situation sein und wie stark sie die Pandemie erneut anfachen können.

Und das nicht nur in Österreich. Auch in Deutschland gibt es vergleichbare punktuelle Ausbrüche. Jüngst ließen beispielsweise eine Trauerfeier in Baden-Württemberg und eine sprungartige Verbreitung des Virus unter Erntehelfern in Bayern die Fallzahlen ansteigen.

Wie sich das Virus von diesen sogenannten Hotspots weiterverbreitet, wird nun entscheidend davon abhängen, ob sich die Kontakte der Infizierten und mögliche Infektionsketten schnell und zuverlässig nachvollziehen lassen. Wenn die Fallzahlen weiter steigen und sich Infektionsketten nicht mehr zurückverfolgen lassen, wäre das ein Signal, dass die Pandemie erneut außer Kontrolle zu geraten droht.

Das Beispiel Ischgl hat gezeigt , wie sich das Virus über Superspreading-Events exponentiell verbreitet. Damals waren 24 Menschen aus dem Umfeld eines Barkeepers positiv auf das Coronavirus getestet worden. Dabei verbreitet sich das Coronavirus Sars-CoV-2 eigentlich deutlich langsamer.

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Wenn es keinen Schutz vor dem Virus gibt - beispielsweise durch Abstandsregeln oder eine Impfung -, steckt ein Infizierter im Schnitt zwei bis drei weitere Menschen an. Dieses Verhältnis wird in der sogenannten R-Zahl abgebildet, die auch in Deutschland seit Monaten ein Gesprächsthema ist - weil unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel eine R-Zahl kleiner als eins zum Ziel erkoren hatte. Wenn ein Erkrankter nur einen anderen Menschen oder statistisch betrachtet sogar weniger ansteckt, lässt sich die Pandemie eindämmen. Im Moment liegt die Reproduktionszahl R im Mittel der letzten sieben Tage wegen der Corona-Beschränkungen bei 1,1.

Allerdings handelt es sich bei dem R-Wert um eine Durchschnittszahl. Die aktuellen größeren Ausbrüche zeigen, dass einige Infizierte das Virus an sehr viel mehr Menschen weitergeben als andere. Noch ist nicht ganz klar, welche Rolle solche Superspreading-Events in der aktuellen Pandemie spielen.

Epidemiologen nutzen für die Einschätzung den sogenannten Dispersionsfaktor oder Streuparameter k. Er beschreibt, wie stark die Krankheit auf lokale Ausbrüche zurückgeht, und somit, wie stark die Zahl der Menschen variiert, die jemand ansteckt. Je kleiner k ist, desto mehr Infektionen gehen auf eine oder einige wenige Personen zurück - die sogenannten Superspreader. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Von dem mit dem Coronavirus eng verwandten Erreger Sars ist bekannt, dass fast drei Viertel der Infizierten das Virus kaum weitergeben. Experten schätzen den Dispersionsfaktor k bei Sars deshalb auf etwa 0,16 - ein besonders geringer Wert.

Allerdings ist das Coronavirus Sars-CoV-2 deutlich ansteckender. Experten rechnen deshalb damit, dass der k-Faktor höher liegt. Das heißt, dass sich die Pandemie homogener verbreitet und weniger auf einzelne Superspreader zurückzuführen ist. Laut ersten Modellrechnungen wird der k-Wert bei der Corona-Pandemie auf etwa 0,45 geschätzt. Zum Vergleich: Bei der Spanischen Grippe von 1918 berechneten Forscher den k-Wert mit fast 1 - der höchst mögliche Wert. Das heißt, alle Infizierten steckten in etwa gleich viele Menschen an.

Wolfgangsee ist kein zweites Ischgl

Der aktuell berechnete k-Wert spricht dafür, dass Superspreader-Events in der aktuellen Pandemie eine größere Rolle spielen könnten. Schon gibt es Befürchtungen, der Ausbruch in Österreich könnte sich zu einem neuen Ischgl ausweiten. Damals hatten viele Urlauber das Virus mit nach Deutschland gebracht.

Allerdings sind Behörden inzwischen deutlich besser vorbereitet. Am Wolfgangsee wurde eilig eine Drive-in-Teststation aufgebaut. An nur einem Wochenende kamen dadurch mehr als tausend Proben zusammen, fast alle sind bereits ausgewertet.

Aus der Liste der Infizierten geht hervor, dass es sich dabei vor allem um Praktikanten - treffender wäre wohl der Begriff Saisonarbeiter - von 17 Hotels und Lokalen in St. Wolfgang handelt. Außerdem sind Mitarbeiter eines Geschäfts sowie zweier Gasthäuser und eines Badeplatzes in Nachbarorten betroffen. Sie alle sollen zusammen gefeiert haben, der Ausbruch lässt sich somit lokalisieren.

Verhinderte Maskenpflicht Schlimmeres?

Bemerkenswert: Am Montagabend war nur ein Urlaubsgast aus Österreich unter den bis dahin 53 nachweislich Infizierten. Dass sich kaum Gäste angesteckt haben, obwohl viele der Infizierten in Hotels arbeiten, könnte auch daran liegen, dass in St. Wolfgang Mitarbeitende in der Gastronomie schon seit dem 9. Juli wieder Maske tragen müssen. In den Nachbargemeinden am Wolfgangsee, die zu Salzburg gehören, wurde die Maskenpflicht erst nach dem erneuten Ausbruch wieder eingeführt.

Auch nach der Trauerfeier in Schwäbisch Gmünd hat sich das Virus nach ersten Erkenntnissen nicht über den Kreis der Gäste hinaus verbreitet. Zumindest haben die nachweislich infizierten Kinder das Virus offenbar nicht weiterverbreitet. Tests in einer Kita und einer Grundschulklasse blieben laut Behördenangaben bisher negativ.

Die Ausbrüche stellen infrage, ob die geltenden Regeln womöglich zu locker sind. Bei der Beerdigung in Schwäbisch Gmünd wurde offenbar nicht gegen Corona-Beschränkungen verstoßen. So gibt es in Baden-Württemberg bei Gottesdiensten oder Bestattungen keine vorgeschriebene Personenanzahl, solange ein Abstand von 1,5 Metern eingehalten wird. Auch eine Teilnehmerliste muss nicht geführt werden.

Für die Gesundheitsämter bedeutet das nun viel Arbeit. Laut einer Sprecherin des Landratsamts wurde am Montag weiter nach Teilnehmern der Trauerfeier von vor zwei Wochen gesucht.

Ob bei den "Praktikanten"-Partys in Österreich die geltenden Einschränkungen eingehalten wurden, ist unklar. Laut Behördenangaben ist immerhin der Patient null, von dem die Infektionskette ausging, bekannt. Alle positiv getesteten Mitarbeiter sind mit behördlich angeordneten Transporten nach Hause gebracht worden und in Quarantäne.

Grundsätzlich dürfen in Österreich bis zu hundert Personen zusammen feiern, wenn es keine fixen Sitzplätze gibt. Allerdings gingen die Feiern am Wolfgangsee offenbar auch nach der Sperrstunde um ein Uhr morgens weiter. Ob ein früheres Ende der Party das Virus hätte aufhalten können, ist jedoch fraglich. "Es gibt von unserer Seite keine Vorwürfe", sagte der örtliche Tourismus-Chef Hans Wieser der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Als junger Mensch geht man nicht um ein Uhr ins Bett."

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