Welche Maßnahmen schützen am besten gegen die Ansteckung mit Sars-CoV-2? Eindeutig steht das auch nach Veröffentlichung des Kommissionsberichts nicht fest

Welche Maßnahmen schützen am besten gegen die Ansteckung mit Sars-CoV-2? Eindeutig steht das auch nach Veröffentlichung des Kommissionsberichts nicht fest

Foto: MalteJaeger / Getty Images

Bewertung der Coronamaßnahmen Nur keine Eile, nach zweieinhalb Jahren

Ein Kommentar von Viola Kiel
Welche Maßnahmen helfen gegen Corona, welche nicht? Der Sachverständigenausschuss, der das beurteilen sollte, konnte nur scheitern. Denn Deutschland ist immer noch unfähig, brauchbare Daten zu erfassen.

Kein Ergebnis kann auch ein Ergebnis sein.

Das wurde an diesem Freitag deutlich, als der Sachverständigenausschuss seinen lang erwarteten Bericht zur Bewertung der Coronaschutzmaßnahmen vorlegte. Darin machen die Expertinnen und Experten, die den Effekt von Maskenpflichten, Kontaktbeschränkungen, Testvorgaben, Schulschließungen oder Besuchsverboten auf den Verlauf der Pandemie prüfen sollten, klar: Diese Aufgabe war nicht zu erfüllen.

Es ist in Deutschland offenbar auch nach zweieinhalb Jahren, in denen Coronaviren durch unser Leben kreuchen, eine unüberwindbare Herausforderung, wissenschaftlich brauchbare Daten zum Pandemiegeschehen bereitzustellen und zu pflegen. So ähnlich steht es im Bericht der Kommission: Für die »Erfüllung des Auftrags und Anspruchs durch die Evaluationskommission (...) fehlte eine ausreichende und stringente begleitende Datenerhebung, die notwendig gewesen wäre, um die Evaluierung einzelner Maßnahmen oder Maßnahmenpakete zu ermöglichen.« Und das komme zu den strukturellen Problemen des Ausschusses – mangelnde personelle Ausstattung und ein zu kurz angesetzter Zeitraum – noch hinzu.

Abwägungen, Urteilsnuancen und vorsichtige Verbesserungsvorschläge

Viele mag das Ergebnis des Sachverständigenausschusses darum ernüchtern – auch wenn sich der Vorsitzende Stefan Huster schon vorher bemüht hatte, die Erwartungen zu dämpfen. »Wer eine Liste mit einem Plus oder einem Minus hinter allen einzelnen Maßnahmen für ›wirksam‹ oder ›nicht wirksam‹ erwartet, der wird enttäuscht sein«, hatte er dem SPIEGEL frühzeitig gesagt.

Der Bericht liest sich nun wie eine Zusammenstellung von Abwägungen, von Urteilsnuancen, von vorsichtigen Verbesserungsvorschlägen.

  • Wie gut schützten Masken? Antwort: Schon sehr gut, aber ihre Wirkung ist nicht überall gleich stark, abhängig vom Modell und besonders abhängig von der Art, wie die Maske getragen wird.

  • Wie wirksam war der Lockdown? Wirksam, wahrscheinlich, aber nicht zu jeder Pandemiephase gleichermaßen.

  • Wie nützlich war die Kontaktnachverfolgung? Nützlich, vermutlich, obwohl sie mit einer besseren digitalen Infektionserfassung noch nützlicher gewesen wäre, vermutlich.

  • Wie sinnvoll die Schulschließungen? Die Antwort auf diese Frage bleibe offen, weil »im schulischen Bereich eine Reihe von Maßnahmen gleichzeitig eingesetzt wurden und damit der Effekt von Einzelmaßnahmen nicht evaluiert werden kann«. Inwiefern die Schulschließungen negative und nicht gewollte Auswirkungen auf das Kindeswohl gehabt haben, müsse eine andere Expertenkommission prüfen.

So zögerlich die Kommission in der Bewertung der Maßnahmen ist, so klar ist sie in der Erklärung, warum sie so ist.

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Deutschland hat vieles verpasst

Man habe versucht, »hinreichend pragmatisch« mit einer »imperfekten Datenlage« umzugehen, sagte etwa Christoph Schmidt, der Präsident des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, bei der Vorstellung des Berichts am Mittag.

Und in dem Dokument selbst heißt es: »Im Gegensatz zum Vorgehen in einigen anderen Ländern wurde in Deutschland eine fachübergreifende Begleitforschung während der Coronapandemie noch nicht erreicht. So gibt es noch immer kein nationales Forschungskonzept im Bereich Public Health. Eine solch fachübergreifende Begleitforschung ist aber zwingend nötig, um Entscheidungen des Krisenmanagements auf eine bessere Wissensgrundlage zu stellen.« Es fehle in Deutschland die Möglichkeit, Daten über die Zahl der Infizierten, die Zahl der Hospitalisierten und die Zahl der Toten »in einem digitalen Echtzeitlagebild erfassen und verfolgen« zu können.

Und man staunt tatsächlich, dass es immer noch nicht machbar zu sein scheint, die Daten aus Arztpraxen, Krankenhäusern und Gesundheitsämtern schnell und standardisiert zu bündeln. Zwar passiert in dieser Richtung ein bisschen , ausreichend sind die Schritte aber noch nicht. Es sei, schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, »nicht zu spät, die vielfältigen bestehenden Bemühungen um eine klein- und kleinsträumige Datenerhebung und -aufbereitung zu stärken und zu einem einheitlichen Ansatz zusammenzuführen«.

Eine repräsentative Zufallsstichprobe? Gab es nie

Zudem habe sich die Bundesregierung bei ihren Erklärungen, warum nun welche Coronamaßnahmen nötig seien, zum Teil auf ungeeignete und immer neue Kennzahlen gestützt – doch sie habe zum Beispiel nie eine repräsentative Zufallsstichprobe zum aktuellen Infektionsgeschehen durchgeführt, kritisiert die Kommission. Eine solche Stichprobe hätte unabhängig von den Meldezahlen der Gesundheitsämter und der Testzentren ein wissenschaftlich fundiertes Bild schaffen können, wie viele Menschen sich unter welchen Umständen ansteckten. Oder wenigstens einen Ausschnitt, der sich mit weiteren Ausschnitten in ein Bild gefügt hätte. Hätte, hätte, Polymerase-Kette.

Damit die politischen Entscheider und Verantwortungsträger dem Pandemieverlauf in den nächsten Monaten – oder Jahren, wer weiß das schon – mehr entgegensetzen können als Maßnahmenbündel auf gut Glück, muss die Wissenschaft gestärkt werden. Deutschland braucht ein flächendeckendes System, mit dem Fachleute nach klaren wissenschaftlichen Vorgaben die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen erheben und in verlässlichen Modellen abbilden können. Und Deutschland braucht eine Infrastruktur für Forschungsdaten – eine digitale.

So gesehen kommt der Bericht des Sachverständigenausschusses doch zu einem klaren Urteil, wenn auch zu keinem überraschenden. Dass Deutschland bei der Digitalisierung lahmt, ist nichts Neues. Doch die Dringlichkeit scheint immer noch nicht so richtig angekommen zu sein. Wie der »Tagesspiegel Background«  im März berichtete, kann man den Haushaltsplänen des Bundesfinanzministers Christian Lindner entnehmen, wo sich bei vielen Digitalisierungsprojekten im Gesundheitswesen noch etwas Geld sparen lässt – zum Beispiel mehr als 15 Millionen Euro bei Mitteln für die »Entwicklung, Bereitstellung und Erprobung von bundeseinheitlichen digitalen Verfahren zum effektiven Infektionsschutz«.

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