Coronafolge Boom bei Botox und Lidstraffungen bereitet Fachärzten Sorgen

Im Pandemiejahr ist die Zahl der minimalinvasiven Eingriffe gestiegen – vor allem im Gesicht. Experten führen das auf Videokonferenzen und Social Media zurück.
Kleinere Schönheitskorrekturen nehmen zu

Kleinere Schönheitskorrekturen nehmen zu

Foto: Getty Images

Hand aufs Herz: Schauen Sie bei Videokonferenzen manchmal Ihr eigenes Bild an, statt die kleinen Kacheln mit den Kolleginnen und Kollegen? Denken Sie dann manchmal: »Ach du Schreck, im Spiegel sah ich nicht so verknittert aus«?

Einigen Menschen scheint es so zu gehen, zumindest wenn man ästhetisch-plastischen Chirurginnen und Chirurgen glaubt, die den Anstieg der Schönheitsoperationen und Korrekturen im Gesicht im vergangenen Jahr auf die Videokonferenzen im Homeoffice zurückführen.

»Die Aufnahmequalität bei diesen Programmen ist ja negativer als das Spiegelbild«, sagte der Präsident der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC), Jörg Blesse, der Nachrichtenagentur dpa zufolge. »Viele denken sich dann: Oh, das bin ja ich da!«

Auch die Maskenpflicht habe die Aufmerksamkeit in Richtung Augen gelenkt. Der diesjährigen DGÄPC-Patientenbefragung zufolge waren Eingriffe zur Verschönerung des Gesichts ohne größere Schnitte deshalb deutlich gefragter als in den Vorjahren – genauso wie Operationen, um die Augenlider straffen zu lassen.

Das sei auch in der Statistik der größten deutschen Fachgesellschaft, der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) , erkennbar, sagte deren Präsident Steffen Handstein. Die »intensivere Beschäftigung mit dem eigenen Selbstbild« habe die Zahl solcher Eingriffe steigen lassen, Botox und Faltenunterspritzen seien inzwischen »in der Mitte der Gesellschaft angekommen«.

Mit den Augen lächeln

Einer Umfrage zufolge, die im Juni veröffentlicht wurde, haben die ästhetischen Behandlungen im Pandemiejahr 2020 um 2,81 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Allein bei den Gesichtsbehandlungen war eine Steigerung von 50.395 im Vorjahr auf 60.384 zu verzeichnen.

Die minimalinvasiven Maßnahmen zur Faltenbehandlung mit Botulinumtoxin – geläufig als Botox – werden mit 40,11 Prozent aller Gesichtsbehandlungen am stärksten nachgefragt, dicht gefolgt von Hyaluron mit 31,08 Prozent. Im Coronajahr neu ist die Oberlidstraffung mit 7,09 Prozent auf Platz drei, welche die Lippenkorrekturen auf den vierten Platz verdrängt. »Für die Patientinnen und Patienten ist ein strahlendes Lächeln mit den Augen zum elementaren Kommunikationsmittel avanciert«, sagt VDÄPC-Präsident Handstein. »Durch die Maskenpflicht lächeln die Menschen auch mit den Augen, nicht nur mit dem Mund.«

Instagram verzerrt das Bild

Das bereitet den Fachärzten und Fachärztinnen Sorgen. Die Hemmschwelle für solche minimalinvasiven Eingriffe sei viel niedriger als bei aufwendigen Operationen, sagte DGÄPC-Präsident Harald Kaisers. »Wir sehen vor allem die Darstellung solcher ästhetisch-plastischer Behandlungen auf Social Media sehr kritisch. Da wird viel informiert, aber nicht aufgeklärt.« Dazu trügen auch Influencerinnen auf Plattformen wie Instagram bei, die solche Behandlungen als Lifestyleprodukt und nicht als medizinischen Eingriff darstellten.

Wer sich Botox oder Hyaluronsäure spritzen lassen will, muss sich dafür nicht unbedingt an einen Facharzt wenden. Solche »Filler-Materialien« gegen Falten seien Medizinprodukte, sagte VDÄPC-Präsident Handstein. »Jeder kann sie erwerben. Das ist eine ganz bizarre Situation. Es gibt viele Stellen, die das legal machen dürfen, obwohl sie mögliche Komplikationen nicht behandeln könnten.« Auf Plattformen wie YouTube gebe es sogar Videoanleitungen, sich Hyaluronsäure selbst zu spritzen, sagte DGÄPC-Präsident Kaisers. »Dabei können Sie erblinden, wenn Sie das falsch spritzen.«

Die beiden Verbände fordern deshalb, das Geschäft mit solchen Behandlungen stärker zu beschränken. »Das gehört in die Hände von Fachärzten«, sagte Kaisers. Denn der Trend hin zu solchen kleinen Eingriffen werde wohl auch nach Corona »ungebrochen bleiben«.

kry/dpa
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