Priorisierung von Lehrern und Erziehern Chef der Impfkommission warnt vor »Vergabe von Impfungen nach Gutsherrenart«

Seit Mittwoch können auch Lehrerinnen und Erzieher vorrangig gegen Covid geimpft werden. Sie zu priorisieren, widerspreche wissenschaftlichen Kriterien, moniert der Chef der Impfkommission.
Impfung gegen Covid: Todesfälle vermeiden, Lebensjahre gewinnen

Impfung gegen Covid: Todesfälle vermeiden, Lebensjahre gewinnen

Foto: Robert Michael / dpa

Der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko) in Deutschland, Thomas Mertens, warnt davor, die Impfreihenfolge weiter zu verändern. Seit Mittwoch können auch Grundschullehrerinnen und Kita-Erzieher in Deutschland vorrangig geimpft werden. Dies weiche von der Reihenfolge ab, die die Impfkommission aufgrund wissenschaftlicher Kriterien empfohlen habe, sagte Mertens dem rbb-Sender Radioeins .

»Ich warne davor, eine Priorisierung nach diesen evidenzbasierten Kriterien ganz aufzugeben, weil dies (...) zu einem Chaos und einer Vergabe von Impfungen nach Gutsherrenart führen würde«, so Mertens weiter.

Wie lassen sich die meisten Todesfälle verhindern?

Unter anderem Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hatte sich in den vergangenen Wochen dafür ausgesprochen, Lehrer und Erzieherinnen priorisiert zu impfen. Da nach der Empfehlung der Stiko der Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca nur an Menschen unter 65 Jahren verabreicht werden soll, könnte diese Vakzine »schon bald für Lehrer und Erzieher angeboten werden«, sagte Karliczek den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Zwar liegen mit der Vakzine von AstraZeneca Hunderttausende Impfdosen bei den Ländern auf Halde, die nun eingesetzt werden können. Dennoch ist der Impfstoff weiterhin so knapp, dass die Länder entscheiden müssen, wer innerhalb der Gruppe zwei zuerst geimpft wird.

Für Menschen mit Vorerkrankungen sei es zum Teil schwer verständlich, wenn sie durch eine geänderte Priorisierung nun noch länger auf eine Impfung warten müssten, sagte Mertens. Lehrkräfte und Erzieherinnen hätten kein höheres Risiko für eine schwere Covid-Erkrankung – außer wenn sie unter einer Vorerkrankung litten. Dann könnten sie aber schon nach den bisherigen Plänen vorrangig geimpft werden. Bei Beibehaltung der bisher gültigen Impfreihenfolge könnten auch die meisten Todesfälle vermieden und insgesamt die meisten Lebensjahre in der Bevölkerung gewonnen werden, so Mertens.

Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission in Deutschland

Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission in Deutschland

Foto: Stefan Boness / IPON / imago images

Die Länder haben die Möglichkeit, die Impfreihenfolge auf Basis der geänderten Impfverordnung sowie den Empfehlungen der Impfkommission selbst zu bestimmen. In Baden-Württemberg beispielsweise können seit Wochenbeginn auch viele medizinisch Beschäftigte, Menschen mit einer geistigen Behinderung sowie das pädagogische Personal von Schulen und Kitas Impftermine vereinbaren – nicht aber Patientinnen und Patienten mit Krebs oder anderen schweren Vorerkrankungen.

Auch viele Eltern wünschen sich, dass Lehrer geimpft werden

Die höchste Priorität bei den Impfungen hatten deutschlandweit Menschen über 80 Jahren, Pflegebedürftige und Pflegekräfte in Heimen sowie bestimmtes medizinisches Personal. Jetzt geht es darum, wer nach ihnen geimpft wird. Anfang Februar war die darauffolgende Impfgruppe, die sogenannte Gruppe zwei, durch eine Änderung der Impfverordnung bereits deutlich erweitert worden.

Demnach war vorgesehen, dass in dieser Gruppe unter anderem über 70-Jährige geimpft werden, aber auch Menschen mit Demenz oder geistigen Behinderungen, einer aktiven Krebserkrankung, chronischen Lungen-, Leber- oder Nierenkrankheiten, schwerem Diabetes, Adipositas sowie Kontaktpersonen von Schwangeren und Pflegebedürftigen zu Hause. Auch Polizisten, Angehörige bestimmter Gesundheitsberufe sowie Menschen, die in Obdachlosen- und Asylbewerberunterkünften untergebracht sind, zählen zur Gruppe zwei. Mit der jüngsten Änderungen kamen die Grundschullehrkräfte sowie die Erzieherinnen und Erzieher noch hinzu.

Auch viele Eltern wünschen sich, dass Lehrerinnen und Erzieher geimpft werden, damit ihre Kinder wieder Schule und Kita besuchen können. Für die Verbreitung von Sars-CoV-2 allerdings bleibt das Problem bestehen, dass die Kinder das Virus untereinander weitergeben und nach Hause zu den Eltern und Großeltern tragen können.

irb/AFP/dpa
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