Schutz vor Delta-Variante Sollte man den Impfabstand verringern?

Weil eine Erstimpfung kaum vor der Delta-Variante schützt, prüfen Forscher, ob der Abstand zwischen erster und zweiter Impfung verkürzt werden könnte. Auch eine dritte Impfung für ältere Menschen wird diskutiert.
Je nach Impfstoff liegen zwischen erster und zweiter Dosis sechs bis zwölf Wochen – noch.

Je nach Impfstoff liegen zwischen erster und zweiter Dosis sechs bis zwölf Wochen – noch.

Foto: Yulia Reznikov / Getty Images

Eine erste Coronaimpfung allein bietet noch keinen ausreichenden Schutz vor einer Ansteckung mit Covid-19. Gerade vor der besonders infektiösen Delta-Variante, der Mutante B.1.617, schützt erst die Zweitimpfung wirklich. Deshalb diskutieren Fachleute aktuell darüber, ob es sinnvoll wäre, den Abstand zwischen erster und zweiter Impfung zu verkürzen.

Was spricht dafür? Und was dagegen?

Argumente gebe es für beide Seiten, sagt Thomas Mertens, Leiter der Ständigen Impfkommission (Stiko). Er warnt vor vorschnellen Entscheidungen: »Das ist nicht trivial«, sagte er dem SPIEGEL am Telefon. »Wenn Sie die Abstände verkürzen, vermindern Sie die Wirksamkeit.«

Mit ihrer aktuellen Empfehlung ruft die Stiko dazu auf, die zwei Impfungen nicht mit dem gemäß der Zulassung kleinstmöglichen Abstand zu verabreichen. Denn bisherigen Studien zufolge erhöht ein größerer Abstand zwischen erster und zweiter Impfung die Wirksamkeit des Impfstoffes.

Für den Vektor-Impfstoff von AstraZeneca zeigen Daten, die im Februar im Fachmagazin »The Lancet«  veröffentlicht wurden, dass das Risiko für eine Covid-19-Erkrankung um rund 80 Prozent sinkt, wenn die zwei verabreichten Dosen die von der Stiko empfohlenen zwölf Wochen auseinander liegen. Bei einem Abstand von sechs Wochen oder weniger konnte die Impfung das Risiko nur um 55 Prozent reduzieren.

Grundsätzlich erlaubte es die Zulassung auch, die zweite Dosis AstraZeneca schon nach vier Wochen zu verimpfen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums steht es Impfwilligen mittlerweile frei, den Abstand im Rahmen des vorgegebenen Zeitraums individuell mit den impfenden Ärztinnen und Ärzten zu vereinbaren.

Für die mRNA-Impfstoffe der Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna beträgt der empfohlene Abstand sechs Wochen. Theoretisch erlaubt ist auch hier, die zweite Dosis schneller zu verimpfen: bei Biontech bereits nach drei Wochen, bei Moderna nach vier Wochen.

Wie wird der verfügbare Impfstoff am besten verteilt?

Neben der erhöhten Wirksamkeit nach einem größeren Impfabstand wurde aber auch die Verfügbarkeit der Impfstoffe als Argument dafür angeführt, den Abstand zu strecken – damit zunächst möglichst viele Menschen mit einer Erstimpfung versorgt werden können. Die Verteilung der Impfstoffmenge, sagt der Stiko-Chef Mertens, sei immer noch relevant: Durch ein Verkürzen des Abstands entzöge man dem Impfvorgehen schließlich Impfstoff. Die Stiko müsse nun auf der Grundlage valider Daten prüfen, ob mögliche Vorteile kürzerer Abstände mögliche Nachteile überwiegen. Wann eine Entscheidung getroffen werden kann, lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehen.

Gegen ein Verkürzen des Abstands zum Schutz vor der Delta-Variante sprach sich auch der Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) aus. In der Fernsehsendung »Morgenmagazin« sagte er: Die Herausforderung sei es zunächst, dass jeder Mensch ab zwölf Jahren eine Chance zur Erstimpfung bekomme. Außerdem sei die Impfwirkung entscheidend. »Wir wissen eben, dass ein gewisser Abstand die Wirksamkeit der Impfung verbessert«, sagte er.

In anderen Ländern, in denen sich die Delta-Variante bereits stärker ausgebreitet hat, wurde als Reaktion der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung allerdings schon verkürzt: In Großbritannien etwa können sich Menschen über 50 und Personen, die als besonders gefährdet gelten, nun nach acht Wochen zum zweiten Mal mit AstraZeneca impfen lassen.

Auch in Deutschland wächst der Anteil der Delta-Variante: Aktuell gehen rund 15 Prozent der Covid-19-Fälle auf die Variante zurück. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte allerdings, dass die Delta-Variante über den Sommer auch in Deutschland die Oberhand gewinnen werde. Das sei eher eine Frage von Wochen als von Monaten.

Braucht es eine dritte Impfung?

Längerfristig gibt es auch eine weitere Überlegung zum Impfschutz: Im Gespräch ist eine dritte Impfung. Derzeit prüfen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ob Ältere oder Menschen mit einem geschwächten Immunsystem im Herbst eine dritte Covid-19-Schutzimpfung erhalten sollen.

»Wir müssen die nächste Phase beim Impfen jetzt schon andenken«, sagte dazu etwa Leif Erik Sander, Infektionsimmunologe an der Berliner Charité, der Nachrichtenagentur dpa. »Ich gehe davon aus, dass wir bei älteren Menschen, die zu Beginn dieses Jahres ihre Erst- und Zweitimpfung erhalten haben, eine nachlassende Immunantwort sehen werden.« Bis zum Herbst und Winter würden sich aber vermutlich Virusmutanten – wie die Delta-Variante – durchsetzen, vor denen bisherige Impfstoffe mitunter etwas schlechter schützen. Es sei also denkbar, dass es ohne Auffrischungsimpfungen im Winterhalbjahr zum Beispiel in Alten- und Pflegeheimen zu zusätzlichen Infektionen kommen könnte – Sander sprach von »einem gewissen Jo-Jo-Effekt«.

Auch Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sagte der dpa: »Es ist überfällig, zu reagieren. Ich sehe aber weder bei Bund noch in den Ländern eine groß angelegte Initiative zu diesem Thema. Als Grund vermute ich Sorge vor einer Verteilungsdiskussion.«

Der Stiko-Leiter Mertens formulierte es der Nachrichtenagentur zufolge vorsichtiger: »Die Daten dazu, wer wann erneut geimpft werden sollte, sind noch etwas unsicher«, sagt er. »Wir erwarten mehr Anhaltspunkte zur Dauer der Immunantwort nach einer Impfung bis zum August.«

Ethisch nicht vertretbar, medizinisch fragwürdig

Für jüngere, gesunde Menschen sei eine dritte Impfung derzeit aber nicht notwendig. »Ich glaube nicht, dass wir uns alle zum Winter hin ein drittes Mal impfen lassen müssen«, sagte Sander dazu. Die Impfstoffe seien sehr gut wirksam. Sie bauten auch ein Immungedächtnis auf, das zumindest beim Großteil der Bevölkerung nicht so schnell nachlassen werde. Und er fügte hinzu: »Ich fände es unter diesen Voraussetzungen auch ethisch problematisch, wenn wir in Deutschland für alle an eine dritte Impfung denken würden und ein Großteil der Welt ist noch nicht einmal das erste Mal geimpft

Es gibt aber nicht nur ethische, sondern auch medizinische Argumente gegen eine dritte Impfung für alle: Bei mRNA-Impfstoffen ist die Impfreaktion bereits nach einer zweiten Impfung eher stark – viele Geimpfte klagen etwa über Fieber und Gliederschmerzen. Bei einer dritten Impfung mit einem mRNA-Impfstoff könnte die Impfreaktion aber so stark ausfallen, dass der Impfstoff in der Risiko-Nutzen-Abwägung nicht mehr klar überzeugt.

Bei Vektor-Impfstoffen besteht wiederum die Möglichkeit, dass sich die Wirksamkeit bei einer Drittimpfung verringert . Das Problem ist das Vektorvirus, das den genetischen Bauplan für die Virusproteine in die Körperzellen transportiert: Mit jeder Impfdosis wird es wahrscheinlicher, dass das Immunsystem beginnt, das Vektorvirus zu bekämpfen. Der Körper entwickelt sozusagen eine Immunität gegen das Vektorvirus. Man könnte dann einen anderen Vektor nutzen, was die Impfstoffanpassung aber wieder verkompliziert.

vki
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