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SPIEGEL

Veronika Hackenbroch

Corona-Empfehlungen des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin Planlos durch die Pandemie

Liebe Leserin, lieber Leser,

evidenzbasierte Medizin ist die beste Medizin, die wir haben. Sie richtet sich nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft, statt falschen Versprechungen der Pharmaindustrie zu folgen oder gar esoterischen Therapien wie der Homöopathie. Ärzte, die evidenzbasierte Medizin betreiben, wissen genau, mit welchen Tricks mickrige Studienergebnisse als vermeintlicher Durchbruch dargestellt werden und nutzlose Vorsorgeuntersuchungen als scheinbar unverzichtbar. Unermüdlich üben sie Kritik - und helfen so, die Qualität der medizinischen Versorgung erheblich zu verbessern.

Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. hat sich sehr verdient gemacht darum, diese Art von Medizin gegen viele Widerstände populär zu machen. Doch das Netzwerk hat auch eine Stellungnahme zur Corona-Pandemie  verfasst, die jetzt heftig in die Kritik geraten ist. "Polemisch und emotional", nennt Charité-Virologe Christian Drosten  auf Twitter das Papier, in dem Maßnahmen wie Massentests, Maskenpflicht und Abstandsregeln als falsch, überflüssig oder fragwürdig dargestellt werden. Haben die evidenzbasierten Mediziner recht mit ihrer Kritik? Oder spielen ausgerechnet die wissenschaftlichsten aller Ärzte mit falschen Argumenten Corona-Leugnern in die Hände? 

Leider scheint eher Letzteres der Fall zu sein. Die Autoren der Stellungnahme scheinen nicht ganz begriffen zu haben, dass eine Pandemie ein hoch dynamisches Geschehen ist, bei dem sich die Situation innerhalb von Wochen dramatisch ändern kann. Zudem machen sie handwerkliche Fehler, die ihre Beurteilung der Lage grotesk falsch werden lassen. Was wissenschaftlich klingt, ist in Wahrheit planlos.

Zwar liegen die evidenzbasierten Mediziner nicht mit allen Kritikpunkten daneben; so ist es natürlich absolut berechtigt, bessere Forschung zu fordern. Doch gleich zu Anfang machen sie etwas, was sie sonst immer der Pharmaindustrie vorwerfen: Sie betreiben "Rosinenpickerei" - suchen nicht nach objektiven Qualitätskriterien die besten aller vorhandenen Studien zusammen, um deren Ergebnisse auszuwerten, sondern picken sich nur diejenigen Untersuchungen heraus, deren Resultate ihnen in den Kram passen. 

Statt etwa bei der Angabe der Sterblichkeit große, qualitativ hochwertige Studien heranzuziehen, etwa eine landesweite Antikörperstudie aus Spanien  und eine Antikörper-Untersuchung an 100.000 Menschen in Großbritannien , die eine Infektionssterblichkeit von 0,8 und 0,9 Prozent ergaben - rund acht- bis neunmal höher als bei Influenza -, berufen sie sich lediglich auf aktuelle Zahlen und Untersuchungen wie die umstrittene und vergleichsweise winzige  "Heinsberg-Studie" , die auf 0,36 Prozent kommt. Würde jemandem so ein Fehler bei Krankheiten wie Krebs oder Herzinfarkt unterlaufen, gingen die evidenzbasierten Mediziner - völlig zu Recht - sofort auf die Barrikaden.  

Schild zum Hinweis auf Maskenpflicht am Biergarten auf dem Münchner Viktualienmarkt

Schild zum Hinweis auf Maskenpflicht am Biergarten auf dem Münchner Viktualienmarkt

Foto: Ralph Peters / imago images

Die Teststrategie, die ohnehin längst korrigiert wurde, kritisieren sie mit den gleichen Argumenten, mit denen sie sonst die Brustkrebs-Früherkennung oder das PSA-Screening auseinandernehmen. Dabei ist längst klar, dass der Anteil der falsch positiven Corona-Tests verschwindend gering ist  - und die Konsequenzen, sollte ein PCR-Test doch einmal falsch positiv ausfallen (maximal zwei Wochen Quarantäne), mit denen eines falsch positiven Brustkrebsscreenings (OP, Chemo, Bestrahlung) nicht zu vergleichen sind. 

Geradezu gefährlich ist die Empfehlung, einen Mundschutz erst bei hohen Infektionszahlen vorzuschreiben. Die evidenzbasierten Mediziner argumentieren, als ginge es darum, Patienten vor der Einnahme unnötiger, nebenwirkungsreicher Medikamente zu bewahren - und übersehen völlig, dass es darum geht, die Ausbreitung eines Virus zu verhindern. 

Schade, dass die Stellungnahme ausgerechnet zu dem Thema schweigt, wo Kritik wirklich angebracht und wo die hohe Expertise evidenzbasierter Mediziner dringend vonnöten wäre: Die oft katastrophal schlechte Qualität von Covid-19-Therapiestudien anzuprangern. 

Mit den besten Grüßen

Veronika Hackenbroch

P.S.: Am Freitag veröffentlichte das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin eine ergänzende Information zur Stellungnahme . Darin heißt es unter anderem: "Das EbM-Netzwerk wünscht sich einen offenen wissenschaftlichen Diskurs. Wir werden die wesentlichen Kritikpunkte prüfen und beantworten."

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Immer wieder fordern Leser von uns "mehr Ausgewogenheit" in der Berichterstattung und meinen damit, wir sollten auch abseitigen wissenschaftlichen Meinungen eine Plattform geben. Doch das sei ein "journalistischer Kernfehler", so Dirk Steffens, Moderator von "Terra X" im Interview .

  • Auch eine Folge des Klimawandels: In Süd- und Mittelamerika bedroht "Kaffeerost" , ein Pilz, die Kaffee-Ernte.

  • Kann man dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland auch etwas Gutes abgewinnen? Ja, meint mein Kollege Philip Bethge.

  • Reifenabrieb ist eine der wichtigsten Feinstaub-Quellen . Eine Art Staubsauger, der rund 60 Prozent der Partikel während der Fahrt absaugen kann, hat jetzt den James Dyson Award gewonnen.

  • Wurde bei der Veröffentlichung der ersten Studiendaten des russischen Impfstoffs "Sputnik V" manipuliert?

  • Quantencomputer sind so schnell, dass bisherige Methoden der Daten-Verschlüsselung nicht mehr funktionieren werden. Wie könnte eine "Post-Quanten-Kryptografie"  aussehen?

  • Mundschutz wird noch lange zu unserem Alltag gehören. Hat es manchmal auch Vorteile, wenn Emotionen nicht so leicht zu erkennen sind? Über die Psychologie des Maskentragens .

Quiz*

1. Wer war die erste Frau im All?

2. Was ist pinker Wasserstoff?

3. Welche Farbe hat ein Sonnenuntergang auf dem Mars?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: NASA

115 Tage Schwerelosigkeit durfte die US-Astronautin Kathleen Rubins vor vier Jahren erleben; dabei sequenzierte sie erstmals überhaupt DNA im Weltraum. Am 14. Oktober wird sie jetzt erneut zur Internationalen Raumstation ISS aufbrechen. Während sie mit über 27.000 Kilometern pro Stunde um die Erde rast, soll sie dort oben am 2. November mit ihren zwei russischen Kollegen das 20-jährige Jubiläum der ersten Langzeitbesatzung der ISS feiern.

Fußnote  

500 Milliarden US-Dollar staatlicher Subventionen werden schätzungsweise weltweit jedes Jahr in Projekte gesteckt, die Artenvielfalt mindern. Damit ist laut dem fünften Globalen Biodiversitätsbericht, der gerade erschienen ist, das vor zehn Jahren gesteckte Ziel komplett verfehlt worden. Wenige Länder würden potenziell schädliche Investitionen - etwa in der Fischerei oder bei der Abholzung von Wäldern überhaupt identifizieren, so das ernüchternde Fazit.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

  • Gespräch:  Der Biologe Meldrin Sheldrake erklärt, wie umfassend unser Leben von Pilzen bestimmt wird

  • Karrieren:  Ein Professor schadet der Wissenschaft mit unseriösen Veröffentlichungen - am laufenden Band

  • Protokoll:  Kann Corona bei Jugendlichen Diabetes auslösen?

  • Geschichte:  Ein Fund in Mainz eröffnet Einblicke in die seltsame Sammelleidenschaft Karls des Großen

*Quizantworten  
1. Die sowjetische Kosmonautin Walentina Tereschkowa, die 1963 die Erde umkreiste.
2. Wasserstoff, der mithilfe von Atomstrom gewonnen wird.
3. Blau.

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