Corona-Pandemie Das Impfstoff-Duell

Ein Impfstoff ist die wichtigste Waffe im Kampf gegen das Coronavirus. Während auf der ganzen Welt geforscht wird, macht US-Präsident Trump aus der medizinischen Herausforderung einen Wettlauf mit dem Rivalen China.
Donald Trump: "Krieg gegen den unsichtbaren Feind"

Donald Trump: "Krieg gegen den unsichtbaren Feind"

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Doug Mills/ MediaPunch/ imago images

Donald Trumps wichtigste, wenn nicht einzige Agenda ist seine Wiederwahl im November. Diese Sorge zieht sich durch alle seine Aktionen, vor allem im Hinblick auf die Coronakrise .

Während Trumps Umfragewerte zu Beginn der Pandemie noch leicht nach oben gingen, sinken sie inzwischen spürbar. Deshalb profiliert er sich nun als Retter der Nation, wenn nicht der Welt. Seine täglichen Pressekonferenzen im Weißen Haus dienen weniger der Information als der Inszenierung eines neuen Mythos: Die USA, so behauptet Trump, hätten den "Krieg gegen den unsichtbaren Feind" schon so gut wie gewonnen - im nationalen Alleingang und unter seiner Führung.

Bei diesen leicht zu widerlegenden PR-Shows spielt die Suche nach einem Corona-Impfstoff eine zentrale Rolle. Die USA würden einen solchen "sehr bald finden", proklamierte Trump noch Anfang März. Dem widersprachen aber selbst seine eigenen Berater: Ein Durchbruch sei frühestens Ende des Jahres zu erwarten, die meisten gehen von 18 Monaten aus, trotz beispiellos beschleunigter Forschungsprojekte in den USA.

Bevor ein Impfstoff auf den Markt kommt, müssen Forscher verstehen, wie das Virus funktioniert . Erst wenn klar ist, wie der Körper den Erreger abwehrt, lässt sich die Immunantwort künstlich nachstellen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden weltweit mehr als 70 Impfstoffkandidaten getestet. In China und den USA laufen bereits erste Versuche an Menschen.

Immer wieder gibt es Berichte über aussichtsreiche Impfstoffkandidaten, die angeblich schon in wenigen Monaten verfügbar sein sollen. Dahinter stecken jedoch entweder Marketingschwindel oder falsch verstandene Pressemitteilungen. Zuletzt machte ein geplanter Impfstoff der Oxford University Schlagzeilen, der schon im September verfügbar sein soll.

Im Video: China testet Impfstoff

DER SPIEGEL

Tatsächlich arbeiten die Forscher an der Weiterentwicklung eines Impfstoffs gegen den eng mit dem Coronavirus verwandten Erreger Mers. Tests mit Freiwilligen sollen bald anlaufen. Bis September, so die Forscher, könnten sie dann wissen, ob das Mittel wirkt wie erhofft und unbedenklich ist. Das heißt aber nicht, dass es sofort Millionen Menschen auf der Welt gespritzt werden kann.

Denn der Versuch an Freiwilligen reicht nicht aus. Damit ein Impfstoff zugelassen wird, muss er in größeren klinischen Studien beweisen, dass er wirksam und unbedenklich ist. Das in so kurzer Zeit zu schaffen, ist unwahrscheinlich. Und: Der Impfstoff müsste erst mal produziert werden. Experten sind sich sicher, dass ein Impfstoff frühestens in einem Jahr, eher in anderthalb Jahren verfügbar sein wird - wenn überhaupt.

"Deshalb dauert es länger"

Auch Trump hat seine Erklärungen mittlerweile abgemildert. "Die Impfstoffe müssen getestet werden", sagte er am Mittwoch, als höre er selbst das zum ersten Mal, "deshalb dauert es länger".

Wie wichtig die Impfstoff-"Trophäe" für Trump ist, zeigte auch die Episode vom März, als Trump die deutsche Firma CureVac angeblich für eine Milliarde Dollar kaufen wollte. Will Trump andere Staaten bei der Impfstoffforschung ausbremsen, um den Preis für sich zu beanspruchen?

Trumps Obsession mit dem Nobelpreis, der Barack Obama verliehen worden war, ist zumindest bekannt. "Trump optimistisch, den Nobelpreis für Medizin zu gewinnen", witzelt der Satiriker Andy Borowitz jetzt im "New Yorker" - ein Jux, der der Realität nicht allzu fern liegt. Das Impfstoffrennen zwischen Trump und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping steuere auf ein Patt zu, prophezeit die Immunologin und Autorin Laurie Garrett im "New Republic": "Am Ende könnte es sein, dass sich diese zwei machthungrigen Egomanen den Friedensnobelpreis teilen."

Ausbremsen bei der Impfstoffsuche will Trump vor allem China. Die Hassliebe, die Washington und Peking während des Handelskriegs bisher verband, ist seit der Coronakrise zu tiefer Abneigung mutiert. Republikanische Senatoren und Abgeordnete, Fox-News-Kommentatoren und rechte Kolumnisten spornen Trump immer lauter an, sich wegen der Coronakrise außenpolitisch komplett von China zu lösen. Motto: "Hard decoupling from China" - harter Bruch mit China. Dabei sind die beiden Länder bisher am weitesten mit der Impfstoffentwicklung.

Impfstoffe gegen das Coronavirus, an denen gerade geforscht wird:

Forscher können mit Hilfe von Gentechnik harmlose Viren als das neuartige Coronavirus "verkleiden". Dafür tauschen sie bestimmte Eiweiße an deren Oberfläche gegen typische Bestandteile des Krankmachers aus. Diese sogenannten Vektorviren gaukeln dem Köper eine Infektion vor, machen aber nicht krank. Die Idee: Wer mit solchen Vektorviren geimpft ist, bildet Antikörper, die auch vor einer echten Infektion schützen. Der erste zugelassene Impfstoff gegen Ebola funktioniert so.

In den USA werden genbasierte Mittel getestet. Sie enthalten Teile des Virenerbguts, die - einmal in den menschlichen Körper injiziert - die Produktion von Erregerfetzen auslösen sollen. Diese wären ungefährlich, aber ausreichend, damit das Immunsystem Antikörper bildet, die auch vor einer echten Infektion mit dem Coronavirus schützen, so zumindest die Theorie.

Der Vorteil: Solche Impfdosen lassen sich schnell im großen Stil produzieren. Das Problem: Ob das Verfahren tatsächlich funktioniert, ist unklar. Die Technologie hat nach mehr als 20 Jahren Forschung noch keinen einzigen zugelassenen Impfstoff hervorgebracht.

China setzt in ersten Versuchen an Menschen auf Impfstoffe mit gentechnisch veränderten Vektorviren, auf deren Oberflächen Eiweiße des Coronavirus gepflanzt wurden. Sie gaukeln dem Körper eine Infektion vor, machen aber nicht krank. Wer mit solchen Vektorviren geimpft ist, bildet Antikörper, die auch vor einer echten Infektion schützen, so die Idee. Der erste zugelassene Impfstoff gegen Ebola funktioniert nach diesem Prinzip.

Welcher Ansatz am besten funktioniert, ist unklar. Wissenschaftler weltweit drängen deshalb darauf, mehrere Impfstoffe zu entwickeln und international zu kooperieren. Zudem ist nicht klar, wie zuverlässig ein Impfstoff tatsächlich vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen wird oder ob der Wirkstoff ständig angepasst werden müsste, weil sich das Virus durch Mutationen verändert.

Doch unter Trump zerrissen die meisten offiziellen Forschungsstränge zwischen den USA und China, die unter Obama und dessen Vorgänger George W. Bush mühsam geknüpft worden waren. Während Bush und Obama für die Dauer der Sars-Epidemie und bei der Bekämpfung von Ebola eng mit Peking zusammenarbeiteten, tut Trump jetzt genau das Gegenteil.

Er demontierte seine Pandemie-Expertenteams schon früh und reduzierte die Präsenz der US-Behörden NIH und CDC in Peking - weshalb die USA den Ausbruch der Coronakrise verschliefen und bis heute weltweit hinterherhinken.

Produktion von Impfstoffen soll starten, bevor klar ist, ob sie wirken

Schon fürchten US-Insider, dass die Chinesen als erstes Land einen Corona-Impfstoff finden könnten. Unabhängige Experten raten Trump deshalb dringend zur Kooperation mit China und anderen internationalen Gruppen, etwa der Impfallianz Gavi und der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations, kurz CEPI, an der sich Deutschland mit 65 Millionen Euro beteiligt. Weitere 140 Millionen sind zugesagt.

Allerdings müssten möglichst viele der 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt geimpft werden, um das Coronavirus auszurotten. Doch üblicherweise wird der Wirkstoff erst dann im großen Stil produziert, wenn er sich in klinischen Studien bewährt hat.

Im Fall des Coronavirus soll die Produktion von Impfstoffen möglichst schnell starten, selbst wenn noch nicht klar ist, ob sie tatsächlich wirken. Außerdem arbeitet die WHO derzeit an einem Plan zur gerechten Verteilung von Impfstoffen.

Das Bundesgesundheitsministerium erwägt, Herstellern aussichtsreicher Kandidaten Abnahmegarantien zu geben. So könnten Pharmakonzerne die Produktion schon während der wissenschaftlichen Entwicklung vorbereiten, das finanzielle Risiko läge beim Bund.

Ähnliche Pläne hat auch die Gates Foundation. Die Stiftung will mehrere Milliarden Dollar in die Produktion von sieben Impfstoffkandidaten stecken. "Auch wenn wir am Ende nur zwei auswählen, wollen wir Fabriken für alle sieben möglichen Impfstoffe finanzieren", sagte Gründer Bill Gates. "Einfach, damit wir keine Zeit verlieren und erst fragen müssen: Okay, welcher Impfstoff könnte wirken und erst dann die Fabriken bauen." Weitere 255 Millionen Dollar sollen in die Entwicklung von Corona-Medikamenten fließen.

Das sind Summen, die Trump bisher anscheinend nicht auszugeben bereit ist.