Wissenschaftliche Auswertung zu Corona-Fehlinformationen Superspreader Trump

US-Präsident Donald Trump vertritt immer wieder krude Corona-Theorien. Eine Analyse von Wissenschaftlern zeigt nun, wie rasch sich seine Fehlinformationen verbreiten.
Donald Trump bei einem Auftritt im US-Bundesstaat Wisconsin

Donald Trump bei einem Auftritt im US-Bundesstaat Wisconsin

Foto: Bloomberg / Bloomberg via Getty Images

Wenn sich Donald Trump in der Coronakrise mit offensichtlichen Fehlinformationen zu Wort meldete, mussten sich Medien weltweit fragen: Sollen wir darüber berichten? Auch beim SPIEGEL wurde diese Frage in vielen Konferenzen diskutiert. Die Krux: Wiederholt man die Aussagen des US-Präsidenten, verbreiten sie sich womöglich noch mehr, selbst wenn sie im Text widerlegt werden. Lässt man sie so stehen, könnte das jedoch gefährlich werden.

Ein Beispiel: In einer Pressekonferenz im April hatte Trump angeregt zu prüfen, ob Desinfektionsmittel das Coronavirus womöglich aufhalten kann, wenn man es spritzt. US-Behörden berichteten im Anschluss von mehreren Fällen, bei denen sich Menschen mit Desinfektionsmittel vergiftet hatten.

Ob das tatsächlich auf die Aussagen des US-Präsidenten zurückging, ist unklar. Doch die von Trump ins Spiel gebrachte Prozedur wäre höchstwahrscheinlich lebensgefährlich, und wenn sie der mächtigste Mann der Welt anspricht, verbreitet sie sich rasant.

DER SPIEGEL

Laut einer Analyse ist Trump in der Coronakrise der größte einzelne Treiber von Fehlinformationen, der Superspreader in einer Infodemie. Ein Forschungsteam der gemeinnützigen Organisation Cornell Alliance for Science hatte 38 Millionen englischsprachige Berichte in Onlinemedien, Fernsehen, Radio, Blogs und Podcasts analysiert. Knapp drei Prozent der Beiträge enthielten Fehlinformationen, heißt es in vorläufigen Studienergebnissen, die die "New York Times" vorab veröffentlicht hat. 

Von diesen 1,1 Millionen Beiträgen standen mehr als ein Drittel demnach in direktem Bezug zu Trump. "Wir waren überrascht, dass der größte Treiber von Fehlinformationen der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist", sagte Studienautorin Sarah Evanega der "New York Times". "Das ist besorgniserregend, weil das schwerwiegende gesundheitliche Auswirkungen haben kann."

"Die größte Maske, die ich je gesehen habe"

Das Forschungsteam hat elf Themen zu Fehlinformationen identifiziert, darunter Verschwörungstheorien, das Virus habe sich durch den Verzehr von Fledermaussuppe verbreitet oder der Erreger sei zeitgleich mit Trumps Impeachment-Verfahren von Demokraten in Umlauf gebracht worden.

Doch kein Thema erregte so große Aufmerksamkeit wie vermeintliche Wundermittel gegen Covid-19. Allein im Zusammenhang mit scheinbar unerklärlichen Heilungen verbreiteten sich laut den Forschern so viele Fehlinformationen wie zu allen anderen zehn Themen zusammen. Nur 16 Prozent der analysierten Beiträge waren Faktenchecks, die Fehlinformationen bewerteten.

Welche Folgen das haben kann, zeigte sich beispielsweise bei dem von Trump beworbenen Malaria-Mittel Hydroxychloroquin - eines von vielen bereits zugelassenen Mitteln, das als möglicher Therapieansatz gegen Covid-19 getestet wurde. Durch Trump erhielt es jedoch eine solche Aufmerksamkeit, dass unabhängige Forschung kaum möglich war (Mehr dazu lesen Sie hier). Auch in Deutschland wurde Hydroxychloroquin zumindest zeitweise auffallend häufig verschrieben .

Die Analyse ist noch nicht von unabhängigen Forschern analysiert worden. Die Autoren haben sie laut eigenen Angaben bei einem Fachblatt eingereicht, jedoch wieder zurückgezogen, nach eigenen Angaben, weil der Bewertungsprozess zu lange gedauert hätte, sie aber ihre Informationen schnell teilen wollten. Für Trump könnte das ein Argument sein, die Analyse sei ein weiterer haltloser Versuch, ihn zu diskreditieren.

Allerdings offenbart die Studie ein grundsätzliches Problem, seitdem Donald Trump die USA regiert. Wie umgehen mit einem Präsidenten, der Fehlinformationen verbreitet, Misstrauen sät und damit kokettiert, das Wahlergebnis nicht anzuerkennen, sollte er nicht erneut zum mächtigsten Mann der Welt gewählt werden?

Wie schwierig die Situation ist, zeigte sich beim Schlagabtausch mit Herausforderer Joe Biden, den Trump unter anderem für dessen Maske verspottete. ("Er tritt mit der größten Maske auf, die ich je gesehen habe.") Der Moderator des TV-Duells, Chris Wallace, sagte später: "Ich bin ein Profi. So etwas habe ich noch nie durchgemacht."

koe
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