Coronavirus Zahl der Infizierten in Gangelt fünfmal höher als bekannt

Forscher haben eine erste Version der Heinsberg-Studie veröffentlicht. Demnach haben sich deutlich mehr Menschen mit dem Coronavirus angesteckt als bekannt - besonders Karnevalisten erkrankten.
In Gangelt hatten offenbar fünfmal mehr Menschen eine Corona-Infektion als bekannt

In Gangelt hatten offenbar fünfmal mehr Menschen eine Corona-Infektion als bekannt

Foto: Christoph Reichwein / imago images

Das Forschungsteam, das im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen den Ausbruch des neuartigen Coronavirus untersucht, hat eine erste Version der Studie  veröffentlicht. Die Angaben bekräftigen vorherige Zwischenergebnisse, laut denen die Sterblichkeitsrate in der untersuchten Ortschaft Gangelt bei 0,37 Prozent liegt. Das heißt, dass im Schnitt 37 von 10.000 Patienten sterben, bei denen das Coronavirus nachgewiesen wird.

Die sogenannte Infektionssterblichkeit (kurz IFR) beschreibt, wie hoch der Anteil der Verstorbenen an allen tatsächlich Infizierten ist. Der Wert lässt sich für das neuartige Coronavirus bisher nur schwer abschätzen, weil vor allem Patienten mit Symptomen getestet werden. Er ist aber wichtig, um einschätzen zu können, wie gefährlich der Erreger ist. Die Sterblichkeitsrate steht deshalb im Zentrum der sogenannten Heinsberg-Studie. In der Gemeinde Heinsberg hatten sich nach einer Karnevalssitzung Mitte Februar viele Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Die Region gilt daher als Epizentrum des Ausbruchs.

Erhöht Singen das Ansteckungsrisiko?

Für die Analyse ist entscheidend, dass möglichst alle Infektionen erkannt werden. Ein Forschungsteam um den Bonner Virologen Hendrik Streeck hat deshalb in einer repräsentativen Stichprobe Menschen aus der besonders betroffenen Ortschaft Gangelt auf eine akute oder überstandene Infektion mit dem Coronavirus untersucht - unabhängig davon, ob sie Symptome hatten oder nicht. Die Forscher verwendeten sowohl den gängigen PCR-Test, mit dem akute Infektionen erfasst werden, als auch Antikörpertests. Diese zeigen, wer eine Infektion hatte und zumindest zeitweise immun sein könnte.

Demnach hatten sich 15 Prozent von 919 Probanden mit dem Coronavirus infiziert. Der Wert lag damit fünfmal höher als die offiziellen Zahlen des Gesundheitsamts. "Mit unseren Daten kann nun zum ersten Mal sehr gut geschätzt werden, wie viele Menschen nach einem Ausbruchsereignis infiziert wurden", sagte Studienleiter Streeck.

Erste Zwischenergebnisse der Studie waren Anfang April veröffentlicht worden, kurz bevor über mögliche Lockerungen der Corona-Kontaktbeschränkungen entschieden werden sollte. Studienleiter Streeck hielt Lockerungen damals für möglich. Andere Forscher monierten jedoch, die Studienergebnisse gäben eine solche Einschätzung nicht her. Zudem gab es Kritik, dass kaum Details über die Methodik der Studie bekannt waren und dass die Heinsberg-Forscher mit einer PR-Agentur zusammenarbeiten. (Mehr dazu lesen Sie hier). Die aktuelle Veröffentlichung ist ausführlicher, jedoch noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet worden.

Die Ergebnisse sind laut den Forschern nicht repräsentativ für andere Regionen. Mit der Sterblichkeitsrate lässt sich jedoch abschätzen, wie viele Menschen tatsächlich infiziert sein müssten, um die Anzahl der Toten zu erklären. Hochgerechnet auf ganz Deutschland könnten sich demnach 1,8 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben. Das Robert Koch-Institut meldete für Montagmorgen dagegen nur 163.175 bestätigte Fälle. Wenn die Angaben aus Heinsberg stimmen, könnte die Dunkelziffer bei den Infektionen demnach um das Zehnfache höher liegen. Auch andere Studien gehen von ähnlichen Werten aus.

Allerdings basiert die Hochrechnung aus Heinsberg nur auf sieben Todesfällen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion. "Ein Todesfall mehr oder weniger, der erfasst wird, fällt da richtig ins Gewicht", sagte Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, der nicht an der Studie beteiligt ist. Er empfiehlt deshalb, die Todesursache genauer zu untersuchen. Die Ergebnisse aus Gangelt ließen sich zudem nur schwer auf Deutschland übertragen. Womöglich sei die Sterblichkeitsrate in Gangelt zu niedrig eingeschätzt worden, weil kaum Seniorenheime betroffen waren.

Gemessen an allen nachgewiesenen Corona-Infektionen schätzt das Robert Koch-Institut (RKI) die Sterberate für ganz Deutschland derzeit auf 3,8 Prozent. Doch auch das RKI geht von einer Dunkelziffer bei den Infektionszahlen aus und plant Antikörperstudien, die zeigen sollen, wie viele Menschen sich in Deutschland tatsächlich infiziert haben.

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Weitere Ergebnisse der "Heinsberg-Studie" im Überblick:

  • Jede fünfte bekannte Infektion verlief ohne Symptome.

  • Zu den auffälligsten Symptomen gehörten Geruchs- und Geschmacksverlust.

  • Alter und Geschlecht schienen bei der Infektion keine Rolle zu spielen.

  • Das Risiko, sich im eigenen Haushalt mit dem Coronavirus anzustecken, war laut den Forschern zwar erhöht, allerdings steckte sich längst nicht jedes Familienmitglied bei einem positiv Getesteten an. Demnach stieg das Risiko, sich anzustecken, von etwa 15 Prozent auf etwa 43 Prozent, wenn in einem Zweipersonenhaushalt ein Mensch lebte, der das Coronavirus in sich trug. Bei einem Vierpersonenhaushalt lag das Ansteckungsrisiko sogar nur bei etwa 18 Prozent. Warum das so ist, können die Forscher noch nicht sagen.

Auffällig war auch, dass gerade die Menschen Symptome bekamen, die sich bei der Karnevalssitzung angesteckt hatten. Womöglich, weil sie besonders eng zusammensaßen oder durch lautes Sprechen und Singen viele Tröpfchen in die Luft geschleudert werden, über die das Virus übertragen werden kann. Die Heinsberg-Forscher planen weitere Untersuchungen, die das Infektionsrisiko aufklären sollen.

"Dass offenbar jede fünfte Infektion ohne wahrnehmbare Krankheitssymptome verläuft, legt nahe, dass man Infizierte, die das Virus ausscheiden und damit andere anstecken können, nicht sicher auf der Basis erkennbarer Krankheitserscheinungen identifizieren kann", sagte Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit und Co-Autor der Studie. Deshalb sei das Einhalten der Abstands- und Hygieneregeln so wichtig. "Jeder vermeintlich Gesunde, der uns begegnet, kann unwissentlich das Virus tragen. Das müssen wir uns bewusst machen und uns auch so verhalten", so der Hygiene-Experte.

Die Heinsberg-Studie war im Auftrag der NRW-Landesregierung entstanden. Zu möglichen Lockerungen äußerte sich Streeck diesmal nicht. "Welche Schlüsse aus den Studienergebnissen gezogen werden, hängt von vielen Faktoren ab, die über eine rein wissenschaftliche Betrachtung hinausgehen", sagte der Virologe. "Die Bewertung der Erkenntnisse und die Schlussfolgerungen für konkrete Entscheidungen obliegen der Gesellschaft und der Politik."

koe/dpa