Drosten zu Kritik an Impfstrategie »Es ist praktisch unmöglich, das im Nachhinein zu bewerten«

Haben EU und Bundesregierung bei der Beschaffung von Impfstoff versagt? Virologe Christian Drosten hält eine Beurteilung im Rückblick für abwegig – und dringt auf eine schnelle Zulassung des AstraZeneca-Vakzins.
Virologe Christian Drosten (Archivbild): »Erste Jahreshälfte wird sehr kompliziert werden«

Virologe Christian Drosten (Archivbild): »Erste Jahreshälfte wird sehr kompliziert werden«

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Anders als etliche Kritiker der Impfstrategie von EU und Bundesregierung hält der Virologe Christian Drosten es nicht für möglich, das Vorgehen rückblickend einzuordnen. »Es ist jetzt praktisch unmöglich, das im Nachhinein zu bewerten«, sagte er der »Berliner Morgenpost« .

Zuvor hatten sich Kritikerinnen und Kritiker aus der Wissenschaft und Politik zu Wort gemeldet. So sprach die Leopoldina-Forscherin Frauke Zipp mit Blick auf die Bestellstrategie von »einem groben Versagen der Verantwortlichen«. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bemängelte, die EU habe zu wenig Impfstoff bestellt und auf die falschen Hersteller gesetzt.

Drosten sagte, die Beschaffung sei eine komplexe Angelegenheit: »Man musste den Impfstoff mit Monaten Vorlauf bestellen – und wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob der betreffende Impfstoff auch funktionieren würde.«

Der Wissenschaftler verwies darauf, dass in Großbritannien der AstraZeneca-Impfstoff bereits zugelassen sei. »Da sollte man in der EU ganz schnell hinterherkommen, denn dieser Impfstoff kann auch in normalen Arztpraxen geimpft werden. Bei diesem Impfstoff hat man nicht die besondere Kühlpflicht.«

Der Wissenschaftler erwartet in der Coronakrise für 2021 herausfordernde erste sechs Monate. »Ich schaue schon optimistisch auf das neue Jahr, aber ich glaube, dass die erste Jahreshälfte sehr kompliziert werden wird«, sagte Drosten. Es werde sehr viele Diskussionen beispielsweise um Lockerungen oder die Impfung geben.

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»Die Zahlen gehen derzeit nicht nach unten«

»Wir werden in eine Situation kommen, wo wir große Teile der Risikogruppen geimpft haben und es dann Kräfte geben wird, die sagen, dass es jetzt keinen Grund mehr gibt für Einschränkungen«, sagte der Forscher. Das allerdings werde eine Fehleinschätzung sein. Denn: »Wir dürfen grundsätzlich keine sehr hohen Inzidenzen zulassen. Auch nicht bei den Jüngeren.«

Er gehe davon aus, dass erst ab der zweiten Jahreshälfte eine Entspannung eintreten könnte – »aber nur, wenn man es schafft, ganz viele Personen in den ersten sechs Monaten zu impfen«.

Mit Blick auf die Diskussion über eine Verlängerung des Shutdowns in Deutschland sagte der Virologe, derzeit lägen keine belastbaren Daten vor. Die Labors hätten weniger getestet, viele Kranke seien nicht zum Arzt gegangen. Der Anteil der positiven Tests zeige jedoch, »dass die Zahlen derzeit nicht nach unten gehen. Das ist nicht gut«. Erst Mitte Januar könne gesagt werden, ob der Shutdown bis in den Februar hinein verlängert werden müsse.

jpz/dpa
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