Genanalysen Auf der Spur des Präsidenten-Virus

Wie konnte sich das Coronavirus ausgerechnet im Weißen Haus ausbreiten? Offizielle Vertreter halten den Ursprung des Ausbruchs für unaufklärbar. Forscher sehen das anders und haben nun eine Analyse vorgelegt.
Die Veranstaltung im Rosengarten zur Nominierung von Richterin Amy Coney Barrett gilt als mögliches Superspreader-Event

Die Veranstaltung im Rosengarten zur Nominierung von Richterin Amy Coney Barrett gilt als mögliches Superspreader-Event

Foto: Alex Brandon / AP

Während Donald Trump wieder auf Wahlkampftour durch die USA zieht, bleiben viele Fragen seiner Covid-19-Erkrankung offen. Wie konnte es zu dem Ausbruch im Weißen Haus kommen? Auch offizielle Stellungnahmen der Regierung konnten diese Frage nicht überzeugend klären. Ein Forscherteam hat deshalb in Kooperation mit der "New York Times"  versucht, den Ausbruch auf eigene Faust zu rekonstruieren.

Die notwendigen Indizien lieferte das Virengenom, das zwei infizierte Journalisten in sich trugen. Beide hatten Ende September engen Kontakt zum Weißen Haus. Einer von ihnen war zusammen mit Trump und anderen Mitreisenden am 26. September an Bord der Air Force One unterwegs. Er hatte auch unmittelbaren Kontakt zum US-Präsidenten, der sich ihm auf etwa anderthalb Meter näherte. Eine Maske trug Trump dabei nicht. Ob sich der Journalist womöglich gar beim Präsidenten angesteckt hat, ist jedoch unklar.

Der andere Journalist war am selben Tag bei der Veranstaltung im Rosengarten zur Nominierung von Richterin Amy Coney Barrett anwesend, das als mögliches Superspreader-Event gilt. Mindestens elf Teilnehmer der Veranstaltung, die nicht nur im Freien stattfand, wurden später positiv getestet – darunter Trump. Mittlerweile stehen knapp 50 Infektionen in Verbindung mit dem Ausbruch im Weißen Haus.

Auch die beiden Journalisten wurden wenige Tage nach ihrem Kontakt zum Weißen Haus positiv getestet. Auffällig: Sie trugen dieselbe Virusvariante in sich. Das spricht dafür, dass sich die beiden innerhalb eines Clusters infiziert haben. In den Wochen vor ihrer Infektion hatten sie sich nach eigener Aussage jedoch nicht persönlich getroffen.

Die Spur führt ins Weiße Haus

Es ist zwar nicht auszuschließen, dass sich die Journalisten woanders angesteckt haben. Ihre offensichtliche Gemeinsamkeit ist jedoch die Verbindung zum Weißen Haus. Ein Forschungsteam um den Genetiker Trevor Bedford hält es deshalb für wahrscheinlich, dass sich die Journalisten im Zusammenhang mit dem Ausbruch im Weißen Haus angesteckt haben.

Bedford fahndet schon seit dem Beginn der Pandemie gemeinsam mit Wissenschaftlern weltweit im Genom des Virus nach Hinweisen, wie sich der Erreger ausbreitet. Um sich zu vermehren, muss sich das Erbgut des Virus ständig kopieren. Dabei passieren zufällige Fehler, sogenannte Mutationen. Sie haben meist keinen Effekt, doch über sie lässt sich die Verwandtschaft zwischen den einzelnen Viren bestimmen, bis zum Ursprung. Durchschnittlich zwei Mutationen pro Monat verzeichnen die Experten auf jedem Pfad des Virenstammbaums. Die Mutationen hinterlassen also ähnlich wie im Märchen Hänsel und Gretel Brotkrumen auf dem Weg des Erregers, die Forscher nur aufpicken müssen.

160.000 Virengenome sind inzwischen weltweit verfügbar. Über sie lässt sich beispielsweise rekonstruieren, dass der Erreger wahrscheinlich mehrmals in Russland eingeschleppt wurde, vermutlich von Westeuropa aus.

Vertreter des Weißen Hauses hatten indes von vornherein wenig Hoffnung gemacht, die Quelle des Ausbruchs auszumachen. An der Veranstaltung im Rosengarten hätten viele Gäste teilgenommen, die vielleicht zunächst negativ und später positiv getestet worden seien, teilte ein Sprecher des Weißen Hauses mit. Die Frage nach dem Ursprung sei nicht aufzuklären.

Ganz so unaufklärbar, wie das Weiße Haus die Sache darstellt, ist sie jedoch nicht, wie die Genanalysen weltweit zeigen. Die Virengenome, die aus den Proben der Journalisten gewonnen wurden, passen zusammen wie Puzzleteile, berichten Bedford und Kollegen in ihrer nun veröffentlichten Analyse  – eine Begutachtung von unabhängigen Wissenschaftlern steht jedoch noch aus.

Das Weiße Haus scheint kein Interesse an Aufklärung zu haben

"Diese Mutationen sind selten in den USA", sagte Bedford, der am Fred Hutchinson Cancer Research Center und der University of Washington arbeitet, der "New York Times". "Ich bin ziemlich sicher, dass diese Viren aufgrund ihres Genoms aus demselben Ausbruch oder Cluster stammen."

Der wahrscheinliche Vorfahre dieser Virusvariante kursierte im April und Mai in den US-Bundesstaaten Connecticut, Florida, New York, Texas, Washington sowie in Kanada und Neuseeland. Was in den sechs Monaten seitdem passiert ist, bleibt unklar.

Ob sich die Journalisten tatsächlich im Weißen Haus angesteckt haben, könnten letztlich nur weitere Genanalysen klären. Sie wären auch wichtig, um den Forschern noch wichtigere Erkenntnisse zu liefern: Welchen Weg das Virus von dort aus genommen und wie stark es sich verbreitet hat. Doch daran scheint das Weiße Haus kein Interesse zu haben.

DER SPIEGEL

Welche Folgen kleinere Ausbrüche haben könnten, zeigt eine Analyse aus Boston vom Februar. Dort hatte sich eine bestimmte Virusvariante, die erstmals im Zusammenhang mit einer Konferenz bekannt geworden war, im weiteren Verlauf auch im Rest des US-Bundesstaates Massachusetts ausgebreitet.

Aktuell gibt es keinen Hinweis, dass das Weiße Haus versucht, den Ausbruch anhand von Genanalysen zurückzuverfolgen. Dabei hätte es die notwendigen Mittel. So hatte die US-Gesundheitsbehörde CDC vor Kurzem mithilfe von Gendaten  einen Ausbruch an einer Schule in Wisconsin rekonstruiert.

Schon in der Vergangenheit hatte sich das Weiße Haus kaum um Aufklärung bemüht, Kontakte wurden offenbar nicht konsequent nachverfolgt. Auch wurde nicht mitgeteilt, wann Trumps regelmäßige Corona-Tests vor seiner nachgewiesenen Infektion zuletzt negativ ausgefallen waren.

Wissenschaftler, die nicht an der aktuellen Analyse beteiligt waren, halten es für plausibel, dass sich die Journalisten im Weißen Haus angesteckt haben. "Diese Virengenome werden wahrscheinlich identisch oder nahezu identisch mit dem Genom sein, das den Präsidenten infiziert hat", sagte Michael Worobey, Evolutionsbiologe an der University of Arizona, der "New York Times". Er bezweifelt die Darstellung des Weißen Hauses, der Ursprung des Ausbruchs lasse sich nicht aufklären. "Viele Dinge sind unmöglich zu wissen, wenn man keinen Versuch macht, etwas über sie herauszufinden, und dieser Fall gehört in diese Kategorie", so Worobey.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wird das Rosengarten-Event als Veranstaltung zur Amtseinführung benannt, es handelte sich aber um eine Feierlichkeit anlässlich ihrer Nominierung. Wir haben die entsprechende Textstelle korrigiert.

koe