Corona-Frühwarnsystem "Wie ein Bewegungsmelder für das Virus"

In Jena soll es eine neue Teststrategie geben, um schneller zu erkennen, wenn ein Ort zum Corona-Hotspot zu werden droht. So könnte man größere Ausbrüche verhindern, erklärt die Ärztin Petra Dickmann.
Ein Interview von Katherine Rydlink
Marktplatz in Jena: In der Stadt in Thüringen soll eine neue Corona-Teststrategie erprobt werden

Marktplatz in Jena: In der Stadt in Thüringen soll eine neue Corona-Teststrategie erprobt werden

Foto: Christoph Worsch / imago images

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie gibt es inzwischen so viele unterschiedliche Strategien, dass man fast die Übersicht verliert. Die größten Hoffnungen, das Virus in Schach zu halten, stecken sicherlich in der Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs. Doch es könnte noch einige Monate dauern, bis ein Vakzin in Deutschland zugelassen wird, bis zur Herstellung vermutlich noch länger.

In der Zwischenzeit müssen wir uns damit abfinden,

  • uns an die AHA-Regeln zu halten,

  • auf Großveranstaltungen zu verzichten

  • und uns vermutlich hin und wieder Corona-Tests zu unterziehen.

Eine gute Teststrategie gilt noch immer als einer der wichtigsten Eckpfeiler in der Virusbekämpfung. Dabei wurde bereits mehrfach daran gefeilt, welche Teststrategie am sinnvollsten ist, um das Virus unter Kontrolle zu halten.

Der Wissenschaftliche Beirat der Landesregierung in Thüringen hat nun eine Teststrategie entwickelt, mit der Neuinfektionen erkannt werden sollen, noch bevor ein Ort zum Hotspot wird und möglicherweise ein lokaler Lockdown droht. Das Projekt soll zunächst in Jena erprobt werden. Laut dem Gesundheitsministerium in Thüringen soll es noch in diesem Jahr starten, derzeit werden letzte Details geprüft. Die Projektleiterin Petra Dickmann erklärt, wie ihr Frühwarnsystem funktionieren soll und warum es bald überall in Deutschland eingesetzt werden könnte.

Zur Person
Foto: A. Günther / FSU Jena

Petra Dickmann ist Ärztin und Sozialwissenschaftlerin und leitet den Bereich Public Health an der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin des Uniklinikums Jena. Sie forscht und arbeitet unter anderem zu globalem Pandemie- und Ausbruchsmanagement.

SPIEGEL: Frau Dickmann, Sie haben gemeinsam mit Ihrer Forschungsgruppe an der Uniklinik Jena ein Corona-Frühwarnsystem entwickelt, das demnächst erprobt werden soll. Kann das die Pandemie stoppen?

Dickmann: Das kann es nicht, aber es verschafft uns einen viel besseren Überblick über das Pandemiegeschehen - und damit Anhaltspunkte, wann und wie wir die Maßnahmen anpassen müssen. Schon im April haben wir uns gedacht, dass es sinnvoll wäre, die Eindämmungsmaßnahmen nicht erst einzuführen, wenn es bereits viele Kranke gibt. Wir wollten ein Instrument entwickeln, mit dem man schon viel früher das Infektionsgeschehen aufzeigen kann, selbst wenn es viele asymptomatische Patienten gibt.

SPIEGEL: Wer keine Symptome hat, lässt sich vermutlich auch nicht testen. Außerdem zahlt die Krankenkasse dann auch nur in bestimmten Fällen einen Corona-Test. Wie wollen Sie da die Asymptomatischen finden?

Dickmann: Unsere Teststrategie soll weg von der Individualtestung und hin zu einem Public-Health-Ansatz: also einem Perspektivenwechsel von der Einzeltestung eines Individuums zu einer Pool-Lösung, bei der eine große Gruppe von Menschen getestet wird.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: Also so, wie die Massentestungen, etwa beim Fleischverarbeiter Tönnies?

Dickmann: Nicht ganz. Bei Tönnies wurden alle getestet, und alle Tests wurden einzeln ausgewertet. Wir wollen nun systematisch und strategisch an sensiblen Orten testen und diese Tests in sogenannten Pools zusammenfassen. Damit können wir so etwas wie einen Bewegungsmelder für das Infektionsgeschehen generieren.

SPIEGEL: Das müssen Sie bitte etwas genauer erklären.

Dickmann: : Nach unserer bisherigen Hypothese werden wir in wöchentlichen Abständen an drei Orten testen, die gesellschaftlich und infektiologisch relevant sind: Schulen und Kitas, Alten- und Pflegeheime sowie Bevölkerungsanteile, die Superspreader-Events begünstigen, wie etwa Hochzeitsfeiern, Chorproben oder Schlachthöfe. Da nehmen wir dann insgesamt jede Woche 1200 Tests und fassen diese jeweils in Zehner-Pools zusammen. Pro Pool wird dann ein PCR-Test durchgeführt. Falls ein Pool ein positives Ergebnis hat, werden noch einmal alle Einzelproben nachgetestet. Uns interessieren dabei nicht individuelle Testergebnisse, sondern wie viele positive Testergebnisse wir in diesem Bevölkerungsausschnitt sehen. Mit diesem Ansatz wollen wir eine sinnvolle Aussage über das Infektionsgeschehen in dieser Bevölkerung treffen.

SPIEGEL: Statt zehn Tests einzeln im Labor auszuwerten, werden sie also zusammengemischt. Und nur wenn diese Pool-Probe positiv ist, werden die darin enthaltenen Einzelproben ausgewertet. Wenn sie negativ ist, muss ein Labor also nur 120-mal statt 1200-mal eine PCR durchführen. Das würde also die Laborkapazitäten enorm entlasten, oder?

Dickmann: Ja, das wäre noch ein weiterer Effekt des Projekts: Wir könnten systematisch die Labordiagnostik anpassen und besser aufstellen. Wenn Labore wissen, dass pro Tag eine bestimmte Anzahl von PCR-Tests auf jeden Fall reinkommt, können sie entsprechend Personal und Reagenzien bereitstellen. Zudem sollen Labornetzwerke gegründet werden, die sich gegenseitig je nach Bedarf aushelfen können. Das Frühwarnsystem ist also gleichzeitig ein ressourcenschonendes Verfahren und eine Möglichkeit, das Ausbruchsgeschehen frühzeitig zu beurteilen.

SPIEGEL: Und warum macht man solche Pool-Lösungen nicht schon heute, etwa für Reiserückkehrer oder bei Massentests wie bei Tönnies?

Dickmann: Das frage ich mich ehrlich gesagt auch. Ich erkläre mir das so, dass die Routine die Einzeltestung ist. Ein Public-Health-Ansatz, bei dem man über ganze Gruppen und Bevölkerungsteile nachdenkt, ist noch nicht in der Praxis verbreitet. Es sind nicht nur die Gesundheitsämter schlecht ausgestattet, sondern auch konzeptionell hinkt man in dieser Pandemie hinterher.  

SPIEGEL: Derzeit werden nur die Tests von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, die einen Grund haben, zum Beispiel weil Menschen Symptome habe oder einen begründeten Verdacht, sich angesteckt zu haben. Beim Frühwarnsystem werden ja kategorisch bestimmte Gruppen getestet - wer übernimmt dafür die Kosten?

Dickmann: Das kommt drauf an. In Alten- und Pflegeheimen tragen ja auch jetzt schon die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Tests, weil es sich um Risikogruppen handelt. Für die anderen Tests kommt erst mal das Land Thüringen auf, im Rahmen des Aufbaus von Testkapazitäten.

SPIEGEL: Wie könnte eine Stadt davon profitieren?

Dickmann: Nehmen wir zum Beispiel ein Altenheim: Angenommen, wir testen dort wöchentlich alle Bewohnerinnen und Bewohner. Jeweils zehn Tests werden dann in einem Pool zusammengefasst, zum Beispiel von einem Stockwerk in dem Altenheim. Wenn der Pool jetzt positiv ist, weiß man, dass mindestens einer der Bewohner infiziert ist und kann schon einmal Public-Health-Maßnahmen einführen - noch bevor die Einzeltests ausgewertet sind. Das kann man nun auch auf andere sensible Orte übertragen, etwa Schulklassen oder potenzielle Superspreading-Events. Damit kann eine Stadt schnell auf einen möglichen Anstieg der Infektionszahlen reagieren. Wir wollen ein Infektionsgeschehen abbilden, kein Krankheitsgeschehen.

SPIEGEL: Die PCR ist ein vergleichsweise zuverlässiges Testverfahren. Doch sie ist aufwendig und dauert lange. Inzwischen hat etwa die Firma Roche einen Antigen-Schnelltest auf den Markt gebracht, der in nur 15 Minuten erkennen soll, ob jemand infiziert ist. Wäre das nicht sinnvoller für ein solches Frühwarnsystem?

Dickmann: Das könnte man in Erwägung ziehen, sobald geklärt ist, wie zuverlässig diese Tests sind, und sie kostengünstig zur Verfügung stehen. Der große Vorteil der Antigen-Tests liegt meiner Meinung nach allerdings darin, dass er bei symptomatischen - also kranken - Patienten direkt anzeigen kann, ob sie nun eine Erkältung, die Grippe oder Corona haben.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.