Zu hohe Infektionszahlen Wissenschaftler fordern neue Corona-Strategie für Europa

Der Shutdown light in Deutschland ist gescheitert. Renommierte Wissenschaftler verlangen nun, die Infektionszahlen in Europa drastisch zu drücken. Andere Länder zeigen: Die Strategie kann funktionieren.
Stephansplatz in Wien: Eine Kerze für jeden Covid-19-Toten

Stephansplatz in Wien: Eine Kerze für jeden Covid-19-Toten

Foto: ROLAND SCHLAGER / AFP

»Es ist wie bei einem gigantischen Fußballspiel«, sagt Viola Priesemann. Die Physikerin vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation ist darauf spezialisiert, Ausbreitungsprozesse – etwa die von Krankheitserregern – zu simulieren. Schon seit Monaten verfolgt sie den Weg, den sich das Coronavirus rund um die Welt bahnt. »Jedes Mal, wenn die Virus-Mannschaft ein Tor schießt, bekommt sie bis zu drei neue Spieler«, sagt Priesemann. Die Abwehr der anderen Mannschaft gerät dadurch in Unterzahl, die Viren-Mannschaft schießt ein Tor nach dem anderen, die Zahl ihrer Spieler wächst und wächst.

Genau das hat Deutschland in den vergangenen Monaten erlebt. Die Tore stehen für jeden Menschen, den das Coronavirus neu befallen hat. Jeden, der eine Infektionskette in Gang gesetzt und damit unbeabsichtigt neue Viren-Spieler auf den Platz geschickt hat.

Aktueller Spielstand: mehr als 33.000 Neuinfektionen

Die Abwehr Deutschlands bilden Gesundheitsämter, Labors und die AHA-L-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften). Denn konsequente Kontaktnachverfolgung, umfangreiche Tests und das Verhalten jedes Einzelne kann Infektionen verhindern. In der Spielsituation hieße das: Wird ein Angriff abgewehrt, muss ein Viren-Spieler vom Platz, seine Mannschaft schrumpft.

Doch wenn die Viren-Mannschaft wächst und wächst, kann die Abwehr kaum mehr etwas ausrichten. Der Spielstand zur Halbzeit in Deutschland: mehr als 33.000 gemeldete Neuinfektionen an nur an einem Tag. In vielen Ländern Europas sieht es nicht viel besser aus.

Renommierte Forscherinnen und Forscher aus Europa fordern deshalb in einer von Priesemann initiierten gemeinsamen Stellungnahme im Fachblatt »Lancet« , die Fallzahlen in ganz Europa drastisch zu senken. Unterschrieben haben mehr als 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – darunter das Who-is-who der deutschen Corona-Experten:

  • Christian Drosten von der Berliner Charité, Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie an der Uniklinik Frankfurt, Melanie Brinkmann sowie Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

  • Und besonders beachtlich, weil er sich in der Coronakrise bisher nicht mit Positionspapieren hervorgetan hat: Lothar Wieler, der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI).

Die Forscher schlagen einen Richtwert von maximal zehn Neuinfektionen pro eine Million Einwohner und Tag vor – und zwar für ganz Europa. Für Deutschland wären das maximal etwa 830 Neuinfektionen pro Tag. So niedrige Fallzahlen hatte es hierzulande zuletzt im Sommer gegeben. Ab August hatten sich wieder mehr Menschen in Deutschland infiziert. Zunächst begann das Wachstum schleichend, spätestens ab Oktober stiegen die Fallzahlen rasant. Aktuell ist die Zahl der bekannten Infektionen so hoch wie noch nie.

»Wir haben wirklich nach möglichen Vorteilen von hohen Infektionszahlen gesucht«, versichert Priesemann während einer Pressekonferenz des Science Media Center am Freitag. »Aber wir haben keinen einzigen gefunden.« Es sei ein Irrglaube, hohe Infektionszahlen erlaubten mehr Freiheiten. Das Gegenteil sei der Fall.

Ein Blick in Länder wie China, Australien, Neuseeland und Taiwan zeigt: Wo alle Infektionen konsequent nachverfolgt, Infektionsketten unterbrochen konnten und verhindert werden konnte, dass sich das Virus im großen Stil ausbreitet, erholte sich die Wirtschaft schneller , weniger Menschen erkrankten oder starben. Das öffentliche Leben läuft vielerorts nahezu uneingeschränkt weiter. »Null Covid«, so lässt sich der Weg zusammenfassen, den diese Länder gewählt haben.

Deutschland und viele andere westliche Länder haben dagegen versucht, sich mit dem Virus zu arrangieren. Viele hangeln sich nun an der Kapazitätsgrenze der Krankenhäuser entlang, mit wiederkehrenden regionalen oder landesweiten Shutdowns, wenn es gar zu brenzlig wird.

Niedrige Infektionszahlen haben laut dem Positionspapier dagegen mehrere Vorteile:

  • Leben retten: Wenn sich weniger Menschen infizieren, erkranken weniger Menschen oder sterben. Bisher ist es keinem Land gelungen, Risikogruppen zu schützen, wenn sich das Virus erst ausgebreitet hatte.

  • Leichtere Kontrolle: Sind die Fallzahlen niedrig, kommen begrenzte Kapazitäten nicht so schnell an ihre Grenzen. Das konsequente Testen, Nachverfolgen und Isolieren von Verdachtsfällen sowie die Einhaltung der AHA-L (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften) können reichen, um einen erneuten Anstieg der Fallzahlen zu verhindern.

  • Bessere Planbarkeit: Bleiben die Fallzahlen stabil, braucht es keine überhasteten zusätzlichen Beschränkungen. Die Planungssicherheit nützt der Wirtschaft.

»Niedrige Fallzahlen haben nur Vorteile«, sagt Priesemann. »Das ist wissenschaftlicher Konsens in der Virologie, Epidemiologie, Wirtschaft und Soziologie.« Anders gesagt: Was der Gesundheit nützt, nützt auch der Wirtschaft. Tatsächlich gehören längst nicht nur Virologen und Epidemiologen zu den Unterzeichnern des Positionspapiers, sondern auch bekannte Wirtschaftswissenschaftler wie Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts.

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Wie der Versuch, Milch köcheln zu lassen

Die Mahnung aus der Wissenschaft ist nicht die erste Forderung nach einer gesamteuropäischen Strategie. Devi Sridhar hatte schon im Sommer im Interview mit dem SPIEGEL  dazu gedrängt. Sie ist Professorin für globale öffentliche Gesundheit an der University of Edinburgh und berät Schottland in Pandemiefragen. Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung sagt sie: »Der Versuch, das Virus auf einem akzeptablen niedrigen Niveau köcheln zu lassen, ist das Rezept für eine Katastrophe, weil es Regierungen angesichts der Infektiosität und der Hospitalisationsrate von Sars-CoV-2 in immer neue Lockdowns zwingt.« Das sei wie der Versuch, Milch köcheln zu lassen.

Sridhar plädiert dafür, die Infektionszahlen komplett auf null zu senken. »Die Länder müssen sich entscheiden, ob sie mit dem Virus und den Einschränkungen des täglichen Lebens leben wollen. Oder ob sie es eliminieren wollen, wie Länder in Ostasien und dem Pazifik, und wieder zum alltäglichen Leben zurückkehren, mit eingeschränkter internationaler Mobilität.«

Bisher hatten europäische Länder immer wieder den Weg des Shutdowns gewählt, um die Infektionskurve zu drücken, allerdings nie gleichzeitig. Dadurch konnte das Virus immer wieder eingeschleppt werden. »Angesichts offener Grenzen kann kein Land allein die Infektionszahlen niedrig halten, daher ist ein gemeinsames Ziel und abgestimmtes Handeln essenziell«, heißt es im aktuellen Positionspapier.

Die Zahlen müssten also in ganz Europa deutlich runter, denn auch Impfstoffe werden die Situation in absehbarer Zeit nicht spürbar verbessern. Nur wie? Die unbequeme Wahrheit ist: Niemand kann genau sagen, wo sich die Menschen anstecken. (Mehr dazu lesen Sie hier .) Die meisten nachweisbaren Ausbrüche treten zwar in Familien auf, doch die sind denkbar leicht aufzudecken, schließlich wohnen die Betroffenen zusammen. Ob dagegen Geschäfte, Bus oder Bahn die Treiber der Pandemie sind, kann niemand genau sagen. Wer weiß schon, wer im Bus neben einem hustet oder an der Supermarktkasse niest?

Statt differenziert Bereiche zu schließen, in denen das Infektionsrisiko besonders hoch ist, bleibt deshalb nur der Rundumschlag eines Lockdowns. Dass die Fallzahlen dann auch im Winter sinken, hat beispielsweise Irland gezeigt.

»Wir haben im Herbst die Chance verpasst, die Zahlen wieder zu drücken«

Auch in anderen Ländern konnte der Reproduktionsfaktor durch Shutdowns in den Herbst- und Wintermonaten nach einer Anlaufzeit auf 0,7 gedrückt werden. Ab diesem Wert halbiere sich die Zahl der Neuinfektion pro Woche in etwa, sagt Priesemann. Die Wissenschaftler halten es deshalb für realistisch, dass Europa schon im Frühjahr den angepeilten Richtwert von weniger als zehn Neuinfektionen pro eine Million Einwohner erreichen könnte. In Regionen mit einer Inzidenz von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner reichten wenige Wochen, sobald der R-Wert erst auf 0,7 gesunken ist.

»Wir haben im Herbst die Chance verpasst, die Zahlen wieder zu drücken«, sagt Priesemann. Das sei ein Fehler gewesen. »Wir haben gehofft, der Shutdown light würde ausreichen, um die Fallzahlen deutlich zu senken. Doch das ist nicht gelungen.« Die Zahl der schwer Erkrankten und Todesfälle ist sogar konsequent gestiegen. »Da hat der Shutdown light fast nichts gebracht«, so Priesemann. Spätestens als Ende November klar geworden sei, dass die Maßnahmen kaum Wirkung zeigen, hätte gegengesteuert werden müssen.

Wie die Infektionswelle die Politik überrollte, zeigt die Diskussion über Grenzen bei der Zahl der Neuinfektionen von Mitte Oktober. Allerspätestens bei 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tage sollte entschlossen gehandelt werden, einigte man sich damals. Doch immer mehr Regionen rissen die Marke, drastische Einschränkungen gab es vielerorts trotzdem nicht.

Dann sickerte ein Entwurf der Bundesregierung durch: Es sollten schon Ende November härtere Beschränkungen beschlossen werden. Die Länderchefs reagierten brüskiert, die realitätsferne Idee, Kinder sollten sich nur noch mit einem Spielkameraden treffen dürfen, dominierte die Diskussion. Am Ende kam der Shutdown light.

Doch anders als beim ersten Shutdown verhallten die Mahnungen offenbar. Waren die Fallzahlen im Frühjahr schon vor dem Shutdown gesunken, weil die Menschen offenbar von sich aus Kontakte massiv eingeschränkt hatten, steigen sie aktuell weiter an. Die Sieben-Tage-Inzidenz für ganz Deutschland liegt inzwischen bei 185, in einigen Regionen sogar bei mehr als 600.

Kritiker wie der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen bezweifeln trotzdem , der erneute Shutdown könne die Fallzahlen nachhaltig senken. Entscheidend sei der Schutz der Risikogruppen. Ein Shutdown sei keine langfristige Strategie.

»Das hat auch niemand behauptet«, sagt Priesemann. »Natürlich müssen wir Risikogruppen schützen, doch dafür müssen wir die Fallzahlen erst mal deutlich unter 50 senken.« Bisher ist das in jedem Land gelungen, das einen Shutdown beschlossen hatte. Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass es ausgerechnet jetzt anders sein sollte. Sind die Fallzahlen erst auf niedrigem Niveau, seien deutlich spürbare Lockerungen möglich, Geschäfte könnten öffnen, Kinder wieder in die Schule. Lokale Ausbrüche müssten rigoros eingedämmt werden mit Reisebeschränkungen, gezielten Tests und möglicherweise regionalen Lockdowns. »Wir müssen die niedrigen Fallzahlen diesmal verteidigen«, mahnt Priesemann. Ansonsten verspiele man den Erfolg.

Mitarbeit: Veronika Hackenbroch

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