Infektionsrisiko ÖPNV Wie sicher sind Bus und Bahn?

Die einen fuhren mit dem Auto, die anderen mit der Bahn: Laut einer neuen Analyse erhöht der öffentliche Nahverkehr nicht das Risiko für eine Coronainfektion. Allerdings ist die Datenbasis mickrig.
U-Bahn in Berlin (Symbolbild)

U-Bahn in Berlin (Symbolbild)

Foto: Reuhl / Fotostand / imago images

Laut einer neuen Studie  ist die Infektionsgefahr für Pendler in Bussen und Bahnen nicht höher als im Individualverkehr. Das teilte der Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) mit, der die Studie in Auftrag gegeben hatte. Ein Tochterunternehmen der Berliner Charité hatte die Untersuchung durchgeführt, die finanziell von elf Bundesländern unterstützt wurde. Die Analyse hat allerdings einige Schwächen.

Für die Untersuchung hatte die Charité Research Organisation 681 Pendler zwischen 16 und 65 Jahren ausgewählt. Sie wurden vor Studienbeginn negativ auf das Coronavirus getestet und hatten auch keine Antikörper gegen den Erreger im Blut. Beides spricht dafür, dass sie sich bisher noch nicht mit dem Coronavirus infiziert hatten. Zudem war keiner der Teilnehmer im Studienzeitraum gegen Covid-19 geimpft.

Individualreisende infizierten sich vergleichbar häufig

Die Probanden wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei annähernd gleich große Gruppen eingeteilt: Die einen fuhren vier Wochen lang mit dem Auto oder dem Fahrrad zur Arbeit, Schule oder Ausbildung, die anderen mit dem öffentlichen Nahverkehr im Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV). Pro Strecke verbrachten die ÖPNV-Pendler 15 bis 30 Minuten in Bus und Bahn.

Nach der Testphase wurden alle Studienteilnehmer mittels PCR- und Antikörpertest auf eine akute oder überstandene Infektion mit dem Coronavirus hin untersucht. Eine weitere Untersuchung erfolgte fünf Wochen später für den Fall, dass sich jemand im Untersuchungszeitraum angesteckt hatte, aber Tests wegen der Inkubationszeit erst später positiv ausfallen würden.

In einem Tagebuch notierten die Probanden außerdem, mit wem sie Kontakt hatten, ob sie Symptome bekamen und ob sie sich an die geltenden Bestimmungen gehalten hatten. So galt zum Zeitpunkt der Untersuchung die Pflicht, im Nahverkehr eine FFP2-Maske zu tragen.

Ergebnis der Studie: Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, steckte sich nicht häufiger an. Allerdings basiert der Risikovergleich auf sehr niedrigen Zahlen. So wurden in der Gruppe Individualverkehr im Untersuchungszeitraum 14 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet, bei den ÖPNV-Pendlern waren es zwölf, teilte der VDV dem SPIEGEL auf Nachfrage mit. Die Statistik ist somit mit großen Unsicherheiten behaftet.

Zwei Infektionen mehr oder weniger sind bei solch geringen Fallzahlen mit großer Wahrscheinlichkeit ein zufälliges Ergebnis. Anders gesagt: Darüber, wie hoch das Infektionsrisiko tatsächlich im Auto im Vergleich zum Individualverkehr ist, lässt sich anhand der Daten zuverlässig nichts sagen – zumal der Transport nicht der einzige Ort ist, an dem es zu Ansteckungen kommen kann. Auch ist denkbar, dass Studienprobanden die FFP-Masken konsequenter und korrekter anwendeten, als es allgemein der Fall ist.

Was bisherige Studien sagen

Grundsätzlich steigt das Infektionsrisiko überall dort, wo Menschen eng zusammenkommen, längere Zeit in wenig belüfteten Räumen verbringen und gesprochen wird. Deshalb galten öffentliche Verkehrsmittel schon seit Beginn der Pandemie als mögliche Infektionsherde. Eine höhere Taktung, Abstandsregeln, Hygienemaßnahmen und das Tragen medizinische Masken sollen für mehr Sicherheit sorgen.

Wie hoch das Ansteckungsrisiko wirklich ist, lässt sich jedoch nur schwer einschätzen. Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte in einer Untersuchung  vom vergangenen Herbst kaum Ausbrüche in öffentlichen Verkehrsmitteln registriert. Demnach waren bis zum August 2020 nur 13 Ausbrüche in Bussen bekannt, bei denen sich im Schnitt fünf Menschen ansteckten. Für die Bahn gab es bis dahin keinen einzigen Nachweis einer Infektion, allerdings verweist das RKI explizit darauf, dass Ansteckungen dort möglicherweise schlicht nicht erfasst wurden.

Die meisten Ausbrüche wurden im häuslichen Umfeld gemeldet, allein für diese Kategorie wurden mehr als 3900 Ausbrüche erfasst. Diese sind deutlich leichter zu entdecken, weil bei einem nachweislich Infizierten auch häufig die direkten Kontaktpersonen getestet werden. In öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Rückverfolgung deutlich schwieriger, weil nicht klar ist, wer mit wem wie lange unterwegs war. Die Corona-Warn-App dokumentiert zwar Risikobegegnungen, aber nicht, wann und mit wem genau diese stattgefunden haben.

Deshalb nutzen Forschungsteams sogenannte Kohortenstudien wie die aktuelle Untersuchung. Sie ist nicht die erste dieser Art. Schon im vergangenen Herbst hatte die Deutsche Bahn eine Studie vorgestellt , nach der sich Zugbegleiter und Zugbegleiterinnen im Fernverkehr nicht häufiger infizierten als Kollegen ohne direkten Kontakt zu Reisenden. Ob sich das auf andere öffentliche Verkehrsmittel wie U-Bahnen, S-Bahnen oder Busse übertragen lässt, ist jedoch unklar und hängt womöglich auch von der individuellen Auslastung und technischen Ausstattung, etwa den Belüftungsanlagen, ab.

Die Verkehrsbetriebe sehen ihre aktuelle Untersuchung dennoch als Zeichen, dass Reisen im öffentlichen Nahverkehr auch in der Coronakrise sicher ist. »Ich möchte aber auch deutlich darauf hinweisen, dass die Ergebnisse der Studie gewisse Rahmenbedingungen hatten, die weiter gewährleistet sein müssen«, sagte Maike Schaefer, Senatorin für Mobilität der Freien Hansestadt Bremen und Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz. »Abstand halten, Maske tragen, Durchlüften und natürlich trägt auch die geringere Auslastung dank Homeoffice dazu bei, dass der ÖPNV weiter zuverlässig funktioniert.«

Bund und Länder mahnen zudem auch weiterhin, auf nicht dringend notwendige Reisen zu verzichten, egal mit welchem Verkehrsmittel.

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