Weitreichende Lockerungen in den USA Wo Geimpfte wieder gemeinsam feiern können

Während in Deutschland über Privilegien für Geimpfte gestritten wird, sind die USA schon viel weiter: Wer voll immunisiert ist, darf sich wieder mit anderen treffen – drinnen, ohne Maske. Kritiker halten das für gefährlich.
Geimpfte Senioren in Florida

Geimpfte Senioren in Florida

Foto: Maria Alejandra Cardona / REUTERS

Einkaufsbummel, Geburtstagsfeier, Konzertbesuch, viele versprechen sich mehr Freiheiten, wenn sie sich gegen Covid-19 impfen lassen. Schließlich müssen sie dann nicht mehr fürchten, dass sie das Coronavirus ernsthaft krank macht. In Deutschland wurden solche Privilegien bislang ausgeschlossen. Doch ein Blick in die USA zeigt, was künftig möglich sein könnte.

Denn die US-Seuchenschutzbehörde CDC hat die Coronaregeln für Geimpfte nun deutlich gelockert :

  • Geimpfte dürfen sich demnach wieder miteinander treffen, auch drinnen und ohne Maske. An Abstandsregeln müssen sie sich nicht mehr halten.

  • Selbst Besuche bei Nichtgeimpften eines weiteren Haushalts sind erlaubt, wenn diese ein niedriges Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung haben.

  • Geimpfte müssen auch nicht mehr in Quarantäne, wenn sie Kontakt zu einem akut Infizierten hatten und selbst keine Symptome bekommen. Sie müssen sich in dem Fall auch nicht auf das Virus testen lassen.

»Wir wissen, dass sich die Menschen impfen lassen wollen, damit sie wieder die Dinge tun können, die sie genießen – mit den Menschen, die sie lieben«, sagte CDC-Direktorin Rochelle Walensky. »Nun können vollständig geimpfte Menschen bestimmte Aktivitäten in den eigenen vier Wänden wieder aufnehmen.« Allerdings müssten sich auch Geimpfte in der Öffentlichkeit weiter an die Regeln halten.

9,2 Prozent der Bevölkerung in den USA schon vollständig geschützt

Als vollständig geimpft gelten alle, deren finale Impfdosis mindestens zwei Wochen zurückliegt. Im Fall der Impfstoffe von Biontech und Pfizer gilt die Zeitspanne ab der zweiten Dosis. Beim Impfstoff von Johnson & Johnson ist dagegen nur eine Dosis vorgesehen. Die Freiheiten gelten dementsprechend schon zwei Wochen nach der Impfung. Auch die EU hat Millionen Dosen des Impfstoffs von Johnson & Johnson bestellt, noch in dieser Woche wird mit einer Zulassung gerechnet.

Laut Schätzungen sind in den USA bereits 31 Millionen Menschen vollständig gegen Covid-19 geimpft worden, das entspricht etwa 9,2 Prozent der Bevölkerung. Täglich werden mehr als zwei Millionen Dosen verabreicht. US-Präsident Joe Biden hatte erst kürzlich das Impfversprechen um zwei Monate vorgezogen. Demnach sollen schon bis Ende Mai alle Erwachsenen in den USA die Chance bekommen, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen.

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Möglich machte das ein ungewöhnlicher Deal zwischen eigentlich rivalisierenden Pharmakonzern, den die US-Regierung unterstützt. Pharmariese Merck, der selbst bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19 gescheitert war, wird nun das Produkt von Johnson & Johnson herstellen. Dadurch stehen den USA deutlich mehr Dosen zur Verfügung als bislang gedacht.

Kommt nun die »Impfeuphorie«?

Kritiker fürchten dagegen eine »Impfeuphorie«. Die Lockerungen könnten die Menschen in falscher Sicherheit wiegen und dazu führen, dass sie Corona-Beschränkungen nicht mehr konsequent einhalten. Als besonders riskant gilt dabei, dass Geimpfte auch Nichtgeimpfte treffen können sollen. Denn bislang ist noch unklar, wie gut die Impfstoffe vor einer Infektion schützen.

Im schlimmsten Fall könnten Geimpfte weiter ansteckend sein und das Virus unbeabsichtigt weiterverbreiten. Erste Daten aus Israel deuten zwar darauf hin, dass der Impfstoff von Biontech auch Ansteckungen zuverlässig verhindern kann, aber weitere Untersuchungen stehen noch aus.

Auch führende US-Experten hatten sich zunächst skeptisch gegenüber Privilegien für Geimpfte gezeigt. Chefvirologe Anthony Fauci hatte noch im Februar gemahnt, Geimpfte sollten noch mit einem Besuch im Restaurant oder Kino warten.

Einige Gesundheitsexperten hatten daraufhin befürchtet, die Bereitschaft sich impfen zu lassen, könnte sinken, berichtet die Nachrichten-Website Statnews, die sich auf die Berichterstattung zu Gesundheitsthemen spezialisiert hat. Die nun geltenden Maßnahmen könnten eine Reaktion darauf sein.

Ein Freifahrtschein sind die Impfungen jedoch auch in den USA nicht. Lockerungen bei Reisen gibt es beispielsweise bislang nicht. Geimpfte sollten zudem weiterhin Maske tragen und Menschenansammlungen meiden.

Auch in Deutschland wird über Privilegien für Geimpfte diskutiert. Schon in den kommenden drei Monaten soll ein europäischer Impfpass kommen. Unklar ist jedoch, welche Erleichterungen damit verbunden sein werden.

»Der Staat wäre schlecht beraten, wenn er sich einmischen würde«

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) hatten sich klar gegen Privilegien für Geimpfte ausgesprochen. Spahn fürchtet unter anderem um den Zusammenhalt im Land. Die Pandemie könne man nur gemeinsam überwinden, sagte er Ende Dezember. »Viele warten solidarisch, damit einige als Erste geimpft werden können. Und die noch nicht Geimpften erwarten umgekehrt, dass sich die Geimpften solidarisch gedulden.« Keiner solle Sonderrechte fordern, solange nicht alle die Chance auf eine Impfung gehabt hätten. Die SPD sieht das ähnlich.

Reiseveranstalter wie TUI stellten dagegen in Aussicht, der Impfpass könnte die Basis für Reisen im Sommer schaffen. Auch der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, glaubt, dass sich Lockerungen für Geimpfte nur schwer verhindern lassen werden.

»Bei Dingen, die einer freien Vertragsgestaltung unterliegen, vom Konzertbesuch bis zu einer Reise, wäre der Staat schlecht beraten, wenn er sich einmischen würde«, sagte Mertens der »Augsburger Allgemeinen« . Er nannte aber einen entscheidenden Unterschied: »Elementare Dinge des Alltags müssen auch ohne Impfschutz möglich sein, die ÖPNV-Nutzung oder der Aufenthalt in einem Krankenhaus.«

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