Impfstoff-Erprobung Darf man Menschen absichtlich mit Sars-CoV-2 infizieren?

Sind Human-Challenge-Studien ethisch vertretbar, um früher einen Impfstoff zu haben? Selbst Medizinethiker sind sich da uneinig. Hat nicht jeder Freiwillige das Recht, sein Leben für den Fortschritt zu riskieren?
Ein Interview von Katherine Rydlink
Ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 gilt als große Hoffnung im Kampf gegen die Pandemie: Doch wie weit darf man bei der Forschung gehen?

Ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 gilt als große Hoffnung im Kampf gegen die Pandemie: Doch wie weit darf man bei der Forschung gehen?

Foto: Michaela Dusikova/ iStockphoto/ Getty Images

Die ganze Welt hofft auf einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2. Mehr als einhundert Forschungsteams sind weltweit auf der Suche nach einem wirksamen Mittel, die Weltgesundheitsorganisation hält immerhin sieben bis acht Projekte für vielversprechend. Doch selbst wenn es tatsächlich klappen sollte, ist die Entwicklung eines Impfstoffs in jedem Fall teuer und langwierig.

Sogenannte Human-Challenge-Studien könnten den Prozess beschleunigen. Das sind klinische Studien, die vorsehen, gesunde Menschen zunächst zu impfen und sie dann mit dem entsprechenden Krankheitserreger - in diesem Fall Sars-CoV-2 - zu infizieren, um zu testen, ob der Impfstoff wirkt. Aber darf man die Gesundheit eines Menschen absichtlich gefährden, auch wenn es für einen guten Zweck ist?

Claudia Wiesemann war acht Jahre lang Mitglied im Deutschen Ethikrat, vier Jahre davon als stellvertretende Vorsitzende, Georg Marckmann ist Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin. Im Gespräch mit dem SPIEGEL* erläutern sie das Für und Wider von Human-Challenge-Studien.

SPIEGEL: Frau Wiesemann, Herr Marckmann, wenn wir einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 haben, könnten wir die Pandemie stoppen, die sich mittlerweile auf fast alle Lebensbereiche auswirkt. Was spricht dagegen, wenn sich Menschen freiwillig für das Allgemeinwohl infizieren lassen wollen?

Marckmann: Ich würde solche Challenge-Studien nicht kategorisch ausschließen. Der gesellschaftliche Nutzen solcher Studien kann beträchtlich sein, da man deutlich schneller die Wirksamkeit eines neuen Impfstoffs testen kann - und im Erfolgsfall dann viele Todesfälle und schwere Verläufe mit bleibenden gesundheitlichen Schäden verhindern könnte. Zum aktuellen Zeitpunkt haben wir allerdings noch nicht genügend Wissen über die Risiken von Sars-CoV-2, dass solche Studien infrage kämen.

Wiesemann: Wir können nicht einfach gesunde Menschen infizieren, wenn wir noch gar nicht wissen, wie gefährlich das Virus ist. Das Wichtigste bei klinischen Studien ist, die Probanden über die Risiken aufzuklären – das kann man momentan noch gar nicht, da wir diese nicht ausreichend kennen. Es muss außerdem sichergestellt werden, dass Menschen freiwillig teilnehmen.

SPIEGEL: Das könnte man ja sicherstellen, indem sich die Teilnehmer selbst melden oder einen entsprechenden Vertrag unterschreiben.

Wiesemann: Das stimmt zwar, aber kann man noch von Freiwilligkeit sprechen, wenn den Probanden dafür Geld angeboten wird? In den USA zum Beispiel ist das Gesundheitssystem schlecht und die Arbeitslosigkeit gerade sehr hoch. Wenn einem Studienteilnehmer nun eine Gratis-Behandlung winkt, wenn er mitmacht, dann ist das nur noch bedingt freiwillig.

Marckmann: Menschen in Notsituationen für solche Studien zu gewinnen, wäre wirklich ein ethisches No-Go. Gleichzeitig finde ich es gerechtfertigt, dass Probanden eine Aufwandsentschädigung bekommen, wenn sie an der Impfstoffentwicklung mitwirken – die ja dann im Nachhinein besonders für die Pharmafirmen viel Geld bringen wird.

SPIEGEL: Bleibt es nicht ethisch fragwürdig, dass jemand im schlimmsten Fall sein Leben aufs Spiel setzt, um ein anderes Leben zu retten, selbst wenn es freiwillig geschieht? Menschenleben gegen Menschenleben quasi?

Marckmann: Gesellschaftlich ist es akzeptiert, dass Menschen ein gewisses Risiko auf sich nehmen, wenn es jemand anderem zugutekommt. Feuerwehrmänner etwa oder Bergretter riskieren teilweise ihr Leben, um andere zu retten. Im Fall der Corona-Pandemie geht es ja sogar darum, zur Rettung vieler Menschenleben beizutragen.

Wiesemann: Ich bin da anderer Meinung: Wenn ein Virus Menschen tötet, ist niemand unmittelbar daran schuld. Wenn Mediziner Menschen gezielt mit einem potenziell tödlichen Virus infizieren, tragen sie dafür die Verantwortung.

SPIEGEL: Wenn Sie es so formulieren, erinnert es an die Experimente im "Dritten Reich", wo in Konzentrationslagern Menschenversuche zu medizinischen Zwecken durchgeführt wurden.

Wiesemann: Und genau wegen dieser historischen Verantwortung nimmt gerade Deutschland noch einmal eine Sonderrolle ein.

Marckmann: Für mich wäre bei der Abwägung vielmehr die Vertretbarkeit für die Versuchspersonen entscheidend. Challenge-Studien werden ja auch bei anderen Infektionskrankheiten bereits durchgeführt, etwa mit Malaria-Erregern. Dabei ist das gesundheitliche Risiko für die Versuchspersonen aber besser abschätzbar und vom Ausmaß her gering.

SPIEGEL: Wäre es nicht auch ein Dilemma, wenn Deutschland sich aus ethischen Gründen gegen Challenge-Studien entscheidet, andere Länder sie aber durchführen – und wir wiederum von dem Impfstoff profitieren?

Marckmann: Tja, das ist tatsächlich nicht so einfach. Wenn andere das machen würden und wir die Medikamente übernähmen, dann würde das den Anreiz verstärken, solche Studien wieder durchzuführen. Man würde mit einer ethisch nicht vertretbaren Forschung einen Weltmarkt bedienen. Das wäre nicht akzeptabel! Wir müssen daher sicherstellen, dass wir weltweit einheitliche Standards haben, die auch eingehalten werden.

SPIEGEL: Unter welchen Bedingungen wären Challenge-Studien in Deutschland denkbar?

Marckmann: Meiner Meinung nach müssten drei wichtige Faktoren erfüllt sein, damit man über Challenge-Studien nachdenken könnte: Erstens müssten wir ein verlässlicheres Wissen über die Sterblichkeit von Covid-19 haben. Wenn wir sicher wissen, dass die Sterberate niedriger ist, als sie gerade erscheint - etwa aufgrund einer hohen Dunkelziffer der Erkrankungen -, könnte das Risiko für die Probanden vertretbar sein. Zweitens bräuchten wir wirksame Medikamente gegen Covid-19. Wenn die Infizierten dann trotz Impfung erkranken, könnte man sie sofort effektiv behandeln. Und drittens müssten wir wissen, welche Patienten einen schweren Verlauf haben, um diese ausschließen zu können. Wenn sich dann Personengruppen mit einem sehr geringen Risiko für schwere Verläufe identifizieren ließen, könnte man diese für Challenge-Studien in Erwägung ziehen.

Wiesemann: Wir dürfen auch nicht das doppelte Risiko vergessen: Zum einen durch die Infektion und zum anderen durch den nicht ausreichend getesteten Impfstoff. Denn auch die Risiken des Impfstoffs wären noch nicht bekannt, und eine Potenzierung der Wirkung wäre denkbar.

Wer würde in Deutschland Challenge-Studien bewilligen?

Human-Challenge-Studien sind Forschungen, bei denen Freiwilligen absichtlich ein Krankheitserreger injiziert wird, um die Wirksamkeit eines Medikaments oder eines Impfstoffs zu testen. Solche absichtlichen Infektionen sind höchst umstritten und nur unter bestimmten Bedingungen umsetzbar.

In Deutschland müssten sowohl das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als auch eine Ethikkommission solchen Studien zustimmen. PEI-Präsident Klaus Cichutek schloss vor Kurzem im Gespräch mit dem SPIEGEL Challenge-Studien zum derzeitigen Zeitpunkt aus.

SPIEGEL: Wie viel Risiko wäre denn vertretbar?

Marckmann: Dafür gibt es leider keine allgemein akzeptierte Schwelle. Man müsste sich an weithin akzeptierten Risiken aus anderen Bereichen, wie etwa der Nierenlebendspende, orientieren. Unterhalb dieser Schwelle ist das Risiko zudem mit dem gesellschaftlichen Nutzen abzuwägen.

SPIEGEL: Der ja bei der Corona-Pandemie auf der Hand liegt: Es geht darum, Menschenleben zu schützen.

Wiesemann: Es müssen in solche Entscheidungen immer auch Aspekte einfließen, die über die Rettung von Menschenleben hinausgehen. Das muss dann abgewogen werden. Denn wirtschaftliche Folgen können auch für existenzielle Probleme sorgen …

Marckmann: … die sich wiederum auf die Gesundheit und die Lebenserwartung von Menschen auswirken können. Auch die indirekten Folgen der Pandemie müssen im Blick behalten werden.

SPIEGEL: Angenommen, wir bekommen eine zweite Welle – die Folgen könnten katastrophal sein, für alle Lebensbereiche. Ändert sich die ethische Bewertung, wenn die Dringlichkeit steigt?

Wiesemann: Meine Risikobewertung würde sich erst ändern, wenn es eine wirksame Therapie gegen Covid-19 gäbe. Allerdings weiter unter dem Vorbehalt der sorgfältigen Einschätzung des zusätzlichen Risikos durch den Impfstoff und der Gewährleistung der Freiwilligkeit der Versuchsperson.

Marckmann: Sofern die erwähnten ethischen Voraussetzungen erfüllt sind, wären Challenge-Studien bei einer zweiten Welle jedenfalls eher zu rechtfertigen - denn der Mehrwert für die Menschheit wäre groß.

*Die Gespräche wurden jeweils einzeln geführt und anschließend zusammengetragen. Das Interview wurde von den Beteiligten in dieser Form gelesen und autorisiert.