Expertin über Impfstoff-Vorstoß "Das sind sehr erfreuliche erste Signale"

Die Pandemie endet, sobald wir einen Impfstoff haben? Ein Trugschluss, sagt Expertin Marylyn Addo. Die Zwischenergebnisse von Biontech seien zwar erfreulich - doch fehlten noch exakte Daten.
Ein Interview von Katherine Rydlink
Die Zulassung eines Corona-Impfstoffs steht kurz bevor (Symbolbild)

Die Zulassung eines Corona-Impfstoffs steht kurz bevor (Symbolbild)

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Christian Charisius / DPA

SPIEGEL: Frau Addo, vor knapp einem Monat haben Sie die ersten Probandinnen und Probanden mit Ihrem Corona-Impfstoff MVA-Sars-2-S geimpft. Müssen sich die Studienteilnehmer nun weniger Sorgen machen, in der zweiten Welle zu erkranken?

Marylyn Addo: Leider jetzt noch nicht. Denn Antikörper gegen das Virus bilden sich erst nach ein paar Wochen. Der Zeitraum ist derzeit noch zu kurz, als dass der Schutz jetzt schon groß genug sein kann. Vielleicht aber zu einem späteren Zeitpunkt in der sogenannten zweiten Welle. Zudem wissen wir noch nicht, ob der Impfstoff vollständig vor einer Infektion schützt. Vielleicht schützt er auch nur vor schweren Verläufen. Das müssen die Wirksamkeitsstudien zeigen, aber da gibt es ja seit heute erste positive Signale.

Zur Person
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Marylyn Addo, 50, ist die leitende Infektiologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). 2014 war sie an der Entwicklung eines Ebola-Impfstoffs beteiligt. Auch an der Erforschung eines Impfstoffs gegen das Mers-Virus wirkte sie mit. Anfang Oktober startete sie am UKE die Phase-I-Studie des Covid-19-Impfstoffkandidaten MVA-Sars-2-S. Es ist der dritte Impfstoff, der in Deutschland eine Zulassung für klinische Studien erhalten hat.

SPIEGEL: Sie meinen die ersten Zwischenergebnisse, die Biontech und Pfizer von ihrer finalen klinischen Studie veröffentlicht haben?

Addo: Ja. Das sind sehr erfreuliche erste Signale. Leider liegen uns zurzeit noch keine Primärdaten vor und eine geprüfte Peer-review-Publikation steht derzeit noch aus. Um eine solide Einschätzung zu der Wirksamkeit des Impfstoffes zu geben, müssen wir die exakten Daten abwarten, beispielsweise um abschätzen zu können, wie die Wirksamkeit in den einzelnen Altersgruppen aussieht.

SPIEGEL: Die Pharmahersteller behaupten, ihr Präparat schütze 90 Prozent der Geimpften. Reicht das, um eine Pandemie zu stoppen?

Addo: In den vergangenen Wochen und Monaten hat es leider manchmal Missverständnisse in der Kommunikation gegeben. Es hieß immer wieder, sobald ein Impfstoff da ist, können wir wieder sofort zur Normalität zurückkehren: Karneval feiern, ins Stadion oder auf die Wiesn gehen. Das ist ein Trugschluss. Die Impfstoffe, die demnächst zugelassen werden könnten, sind nur eine weitere wichtige Säule, die uns in Kombination mit den anderen Maßnahmen helfen werden, die Pandemie einzudämmen. Je mehr Menschen geimpft werden, desto geringer wird das Infektionsgeschehen mit der Zeit dann hoffentlich sein, bis die Pandemie dann irgendwann besiegt ist.

SPIEGEL: Sars-1 ist nach der Pandemie 2002/2003 wieder komplett verschwunden – ohne Impfstoff. Können wir bei Sars-CoV-2 nicht auch darauf hoffen?

Addo: Das halte ich für unwahrscheinlich, wenn man sich die starke globale Ausbreitung ansieht. Wir werden mit dem Virus leben müssen. Vielleicht wird es uns, wie andere Coronaviren, weiter saisonal begleiten. Wir sollten uns in jedem Fall an den Gedanken gewöhnen, dass wir noch mindestens das kommende Jahr Masken tragen und Abstand halten müssen.

SPIEGEL: Ihr Hamburger Kollege vom Bernhard-Nocht-Institut, der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, gehört zu denjenigen, die die aktuellen Maßnahmen der Regierung kritisieren. Gemeinsam mit Hendrik Streeck und einigen Vertretern der Ärzteschaft hat er sich gegen einen Shutdown ausgesprochen. Stimmen Sie ihm zu?

Addo: Nein, ich persönlich befürworte den "Soft-Lockdown". Wir haben alle mit einem starken Anstieg der Fallzahlen im Herbst gerechnet. Der kam jetzt noch viel früher als schon befürchtet und auch mit einer größeren Vehemenz als gedacht. Ich glaube, es ist notwendig, dass wir nun die Kurve abflachen, um durch den Winter zu kommen. Nur Gebote auszusprechen, war bisher kaum wirksam. Das haben wir vor dem Shutdown gesehen. Dennoch bin ich der Meinung, dass wir auch langfristige Strategien brauchen.

SPIEGEL: Welchen Beitrag wird Ihr Impfstoffkandidat zur Pandemiebekämpfung leisten?

Addo: Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Hier müssen wir die Studien abwarten.

SPIEGEL: Sie haben einen Vektor-Impfstoff entwickelt. Das bedeutet, es werden Sars-CoV-2-Erbinformationen mit abgeschwächten Vektor-Viren in die menschlichen Zellen eingeschleust.

Addo: Ja, genau. Unser Impfstoff basiert auf einem Pockenimpfvirus und befindet sich jetzt in Phase I der klinischen Studie. Bisher sieht die Verträglichkeit bei den Geimpften sehr gut aus, es sind keine ungewöhnlichen Ereignisse eingetreten. Wir starten wahrscheinlich noch in diesem Jahr mit Phase II und dann 2021 mit Phase III. Erst dann können wir sehen, wie gut die Immunantwort ist und wie gut der Impfstoff dementsprechend schützt. Wir haben aber schon Erfahrungen mit diesem Vektor für andere Coronaviren wie Mers-CoV. Hier wurden mit dem gleichen viralen Vektor eine gute Verträglichkeit und gute Antikörperantworten gesehen.

SPIEGEL: Andere Projekte, etwa eben von Pfizer und Biontech, Moderna oder AstraZeneca, sind da schon weiter.

Addo: Genau, das ist sehr spannend für uns Wissenschaftler. Aufgrund der beschleunigten Prozesse könnten wir dann schon Ende des Jahres eine Zulassung haben.

SPIEGEL: Was halten Sie von dieser historisch schnellen Impfstoffentwicklung?

Addo: Natürlich darf die Schnelligkeit der Impfstoffentwicklung nicht auf Kosten der Sicherheit gehen – das ist auch nicht passiert. Es werden hauptsächlich Prozesse drumherum beschleunigt. Zum Beispiel die Dateneinreichung: Normalerweise reicht man die erhobenen Studiendaten nach Abschluss der Studie gebündelt bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA ein. Bei den Corona-Impfstoffen können bereits die Zwischenergebnisse eingereicht werden, während die klinischen Studien noch laufen, sodass die Begutachtung bei den Regulatoren zügig erfolgen kann.

SPIEGEL: Schon als Sie 2015 an einem Ebola-Impfstoff geforscht haben, musste es sehr schnell gehen. Damals haben Sie gefordert, dass es eine Impfstoffplattform geben soll und dass potenzielle Vakzine schon ein Stück weiter erforscht werden sollen, um zukünftig schneller auf Epidemien reagieren zu können. Sehen Sie Ihre Forderungen erfüllt?

Addo: Teilweise schon. Die Impfstoffforschung der vergangenen Jahre hat uns viel für die Covid-19-Impfstoffentwicklung gebracht. Unser Impfstoff basiert zum Beispiel auf demselben Vektor wie der, den wir damals für die Studie zum Mers-Impfstoff verwendet haben. Nun forschen wieder dieselben Wissenschaftler am Impfstoff für Covid-19. Das ist dann wie ein Legobaustein. Wenn wir wissen, dass ein Vektor funktioniert, dann können wir einfach einen Baustein austauschen und müssen im Forschungsprozess nicht wieder ganz von vorne anfangen.

SPIEGEL: In Dänemark ist eine gefährliche Mutation von Sars-CoV-2 in Nerzen aufgetreten. Bereits mehr als 200 Menschen haben sich infiziert. Die dänische Regierung begründete ihre drastischen Gegenmaßnahmen damit, dass durch diese Mutation ein jetzt entwickelter Impfstoff weniger wirksam sein könnte. Machen Sie sich auch diese Sorgen?

Addo: Nein, das ist zu diesem Zeitpunkt verfrüht. Hier müssen wir erst weitegehende Daten evaluieren, ob diese Mutation tatsächlich Einfluss auf die Wirksamkeit der in der Entwicklung befindlichen Impfstoffe hat. Für andere Mutationen ist ja schon gezeigt worden, dass sie die Wirksamkeit der Impfstoffe nicht beeinflussen.

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