Entwicklung eines Corona-Impfstoffs Russland nimmt die Abkürzung

Russland hat am Dienstag den weltweit ersten Corona-Impfstoff zugelassen. Die finale Sicherheitsprüfung hat das Land dabei offenbar einfach übersprungen. Was ist von dem Stoff zu halten?
Impfung gegen Sars-CoV-2 (Illustration): Angst vor einem Schnellschuss

Impfung gegen Sars-CoV-2 (Illustration): Angst vor einem Schnellschuss

Foto: Cadu Rolim/ Fotoarena/ imago images

Staaten, Biotechnologieunternehmen und Forschungseinrichtungen weltweit arbeiten seit Monaten an einem Impfstoff gegen das Coronavirus Sars-CoV-2. Viele der Wettbewerber berichten Fortschritte, doch ein Staat will nun alle anderen in den Schatten stellen: Russland hat am Dienstag bekannt gegeben, den ersten Impfstoff zugelassen zu haben.

Andere Experten, etwa von der deutschen Impfstoffzulassungsbehörde, des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), gingen dagegen bislang davon aus, dass es frühestens Ende dieses Jahres, Anfang nächsten Jahres einen Impfstoff geben wird. Was also ist dran an Russlands Erfolgsmeldung? Um was für einen Impfstoff geht es? Und wie weit sind andere Staaten? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Wie funktioniert Russlands zugelassener Impfstoff?

Das Mittel trägt den kryptischen Namen Gam-COVID-Vac Lyo und wurde am Gamaleja-Institut für Epidemiologie in Moskau entwickelt. Bekannt ist, dass Gam-COVID-Vac Lyo ein sogenannter Vektorimpfstoff ist. Das Konzept wird seit einiger Zeit in der Impfstoffforschung angewendet.

Basis sind Viren, die dem Menschen nicht gefährlich werden können, sogenannte Vektoren. Sie dienen als Träger für charakteristische Erbgutabschnitte des Erregers, gegen den geimpft werden soll. Der Körper erkennt das Erbgut als fremd und bildet Antikörper, die bei einem tatsächlichen Zusammentreffen mit dem Virus eine Infektion verhindern - so die Theorie.

Im Fall von Gam-COVID-Vac Lyo kommen als Vektoren zwei verschiedene Adenoviren zum Einsatz. Diese Virenfamilie wird häufiger in der Impfentwicklung genutzt - auch im Zusammenhang mit anderen Coronaviren wie Mers. Bekannte Vektoren zu nutzen, hat den Vorteil, dass ihre Sicherheit schon in früheren Studien geprüft wurde.

Bei Vektorimpfstoffen besteht grundsätzlich das Risiko, dass das Immunsystem auch die Vektoren bekämpft und es dadurch zu Nebenwirkungen kommt oder die Impfung nicht funktioniert. Dieses Risiko sinkt durch den Einsatz bekannter Stoffe.

Was halten Fachleute von der Zulassung?

Experten sind besorgt, dass Russland im Wettlauf um den ersten Corona-Impfstoff ein zu hohes Risiko eingeht und Sicherheitsstandards vernachlässigt. US-Seuchenexperte Anthony Fauci sagte Anfang des Monats etwa, er hoffe, dass die Russen ihre Impfstoffe testeten, bevor sie sie der Bevölkerung verabreichten.

Fachleute fürchten, dass ein leichtfertig zugelassenes Mittel, das sich später als unwirksam oder zu riskant herausstellt, das Vertrauen in einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 und Impfungen im Allgemeinen schwächen würde. Die bisher bekannten Informationen über Russlands Vorhaben wecken Zweifel, dass das Mittel nach medizinischen Standards gut genug für eine Zulassung getestet wurde.

Wie sicher ist der Impfstoff aus Russland?

Ergebnisse klinischer Prüfungen am Menschen wurden bislang nicht veröffentlicht. Es ist lediglich bekannt , dass der Impfstoff seit Mitte Juni an 76 Probanden erprobt wird. Laut russischen Nachrichtenagenturen und dem Gamaleja-Institut gab es dabei keine Nebenwirkungen. Das ist allerdings unwahrscheinlich.

Bei im Grunde allen Impfungen, die injiziert werden, kommt es mindestens zu Schmerzen oder auch Rötungen an der Einstichstelle. Zwar sind das keine dramatischen Komplikationen, sie müssen aber dokumentiert werden. Es stimmt skeptisch, wenn dies nicht geschieht.

Um die Sicherheit seines Mittels zu unterstreichen, behauptet der Entwickler des russischen Impfstoffs, Alexander Ginzburg, das Mittel bereits an sich selbst getestet zu haben. Über die Verträglichkeit und Wirksamkeit bei der Anwendung in der gesamten Bevölkerung, bei Menschen mit Vorerkrankungen und Alten sagt das allerdings nichts aus. Tests, die diese belegen würden, fehlen bislang.

Erst nach der Zulassung des Stoffs, will Russland ihn an einer größeren Gruppe Menschen testen. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Interfax hat der russische Gesundheitsminister Michail Muraschko angekündigt, dass rund 800 Personen teilnehmen sollen, um die Ergebnisse aus der ersten Studie zu bestätigen. Später wurde die Zahl auf 1000 und mehr erhöht. Die nachträgliche Durchführung zentraler Sicherheitstests widerspricht dem anerkannten Vorgehen bei der Impfstoffentwicklung.

Wie werden Impfungen normalerweise getestet?

Üblicherweise sind nach Prüfungen im Labor und an Tiermodellen drei Testphasen im Menschen nötig, bevor ein Impfstoff zugelassen wird. In Phase I erhält eine kleine Gruppe gesunder Freiwilliger das Mittel. An ihnen wird untersucht, ob das Immunsystem reagiert und welche Nebenwirkungen auftreten. Auch verschiedene Dosierungen können getestet werden.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

In Phase II werden Impfungen auch an Menschen mit Vorerkrankungen erprobt, und es wird geprüft, ob das Medikament tatsächlich die gewünschte Krankheit verhindert. Teils werden Phase I und Phase II kombiniert, um Zeit zu sparen. Das ist auch bei der ersten, russischen Corona-Impfstoffstudie der Fall.

Entscheidend dafür, ob ein Mittel breit angewendet werden kann, ist letztlich aber das Ergebnis aus sogenannten Phase-III-Studien. Hier bekommt eine große Gruppe Freiwilliger den Impfstoff verabreicht, um seine Wirkung und Sicherheit zu bestätigen. Dabei werden teils Zehntausende Probanden geimpft.

Das ist wichtig, um auch seltenere Nebenwirkungen zu erfassen und sicherzustellen, dass die Vakzine, also der Impfstoff, verlässlich schützt. Zur Einordnung: Wenn eine Nebenwirkung unter einem von 10.000 Menschen auftritt, fällt das in kleinen Studien nicht auf, beim Einsatz in der gesamten Bevölkerung wären aber Zigtausende davon betroffen - hochgerechnet auf die Bevölkerung in Deutschland beispielsweise mehr als 8000 Personen.

Wie ist der Stand bei anderen Impfstoffen?

Russland ist ein Land unter vielen, in dem es Fortschritte bei der Impfentwicklung gegen Sars-CoV-2 gibt. Tatsächlich sind einige Staaten aber sogar weiter als das Land. Ende Juli hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine grobe Übersicht über Corona-Impfstoffe  in klinischen Tests veröffentlicht - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

26 Kandidaten sind dort aufgelistet, bei sechs sind Phase-III-Studien geplant oder laufen derzeit. Darunter befindet sich ein anderer Vektorimpfstoff, der an der britischen Oxford University in Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelt wurde. Außerdem sind zwei RNA-Impfstoffe der US-Biotechfirmen Moderna und Biontech/Pfizer vertreten (mehr dazu lesen Sie hier).

In China haben zudem drei Totimpfstoffe Phase-III-Prüfungen erreicht. "Ein Totimpfstoff ist das Einfachste, was man machen kann, wenn man einen Impfstoff entwickeln will", erklärte der Virologe Christian Drosten bereits Ende April im NDR-Podcast . Allerdings kann es auch dabei zu unverhältnismäßig starken Nebenwirkungen kommen.

In welchem Ausmaß das im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 der Fall und wie hoch der Nutzen ist, müssen nun die Phase-III-Studien klären. Auch wenn der russische Impfstoff nun frühzeitig zugelassen wurde, ist auch seine Prüfung nach allem, was derzeit bekannt ist, noch lange nicht abgeschlossen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, der Impfstoff werde seit Mitte Juni an 38 Probanden erprobt. Tatsächlich sind es 76. Wir haben die Angabe korrigiert.

Dieser Artikel wurde am 10. August veröffentlicht. Am 11. August haben wir den Text leicht verändert, um die Information zu ergänzen, dass der Stoff inzwischen von Russland offiziell zugelassen wurde.

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