AstraZeneca und Uni Oxford Der Impfstoff für Pragmatiker

Die Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca erscheint mit 70 Prozent vergleichsweise gering. Doch das könnte noch nicht alles gewesen sein, zumal das Mittel klare praktische Vorteile hat.
Eine Analyse von Julia Merlot
Ampulle mit Corona-Impfstoff: Vorteil einfache Handhabung

Ampulle mit Corona-Impfstoff: Vorteil einfache Handhabung

Foto: John Cairns / University Of Oxford / dpa

Am Montag hat der dritte Corona-Impfstoff-Hersteller erste Ergebnisse aus größeren Untersuchungen am Menschen bekannt gegeben. Demnach könnte die Vakzine, die der britische Pharmahersteller AstraZeneca in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford entwickelt hat, zu etwa 70 Prozent vor einer Covid-19-Erkrankung schützen. Die Angaben zur Wirksamkeit schwanken je nach Impfschema – also der Art und Weise, mit welcher Dosierung geimpft wird – allerdings stark.

In einer Pressemitteilung  teilten die Entwickler Zwischenergebnisse aus zwei klinischen Studien mit. In einer kombinierten Phase-II- und Phase-III-Prüfung erhielten 2741 Probanden im Vereinigten Königreich den Impfstoff oder ein wirkungsloses Placebo. Geimpft wurde in zwei Schritten. Zunächst verabreichten Ärzte den Probanden in der Impfgruppe eine halbe Dosis des Wirkstoffs und einen Monat später eine volle Dosis.

Wirksamkeit zwischen 60 und 90 Prozent

Laut Pressemitteilung konnten auf diese Weise 90 Prozent der Covid-19-Fälle in der Impfstoffgruppe verhindert werden. Allerdings ist nicht klar, wie viele Covid-19-Erkrankungen es absolut unter den mit dem Wirkstoff Geimpften im Vergleich zur Placebogruppe gab. Die Daten sollen in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Erst dann lässt sich sagen, auf welcher Datenbasis die Zahl fußt.

Klinische Prüfung der Impfstoffentwicklung in drei Phasen

Bis ein Impfstoff zugelassen wird, muss er in drei Phasen klinisch geprüft werden. Damit das Paul-Ehrlich-Institut einen potenziellen Impfstoff für eine klinische Studie am Menschen zulässt, muss ein Hersteller zunächst Daten vorlegen, dass der Stoff bereits ausreichend präklinisch getestet wurde – etwa in Tierversuchen.

Phase I: Der Impfstoff wird einer kleinen Gruppe von freiwilligen Gesunden verabreicht. Es wird beobachtet, ob das Mittel den Zielbereich im Körper erreicht und dabei keine akuten Nebenwirkungen auftreten.

Phase II: Erst wenn die Phase I erfolgreich war, kann der Impfstoff in Phase II einer größeren Teilnehmerzahl verabreicht werden, die der Risikogruppe entstammen. Im Fall von Covid-19 wären das ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen. In dieser Phase werden die Wirksamkeit des Impfstoffs bei der Verhinderung der Krankheit und die geeignete Dosierung getestet.

Phase III: Danach kann der Impfstoff an einer repräsentativen Gruppe von Freiwilligen getestet werden – bis zu 10.000 Probanden werden dabei geimpft. In Phase III werden die Wirksamkeit, die Sicherheit sowie die Dosierung der Impfung bestätigt. Unerwünschte Ereignisse, wie etwa ein besonders schwerer Krankheitsverlauf durch die Gabe des Impfstoffs, können ausgeschlossen werden.

Eine Wirksamkeit von 90 Prozent würde sich in einer ähnlichen Größenordnung bewegen, wie sie auch die Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna für ihre Impfstoffe reklamieren. Sie nennen eine Wirksamkeit von bis zu 95 Prozent (mehr dazu lesen Sie hier und hier), Biontech und Pfizer haben in den USA bereits Notfallzulassungen beantragt.

In einem zweiten Impfschema schnitt der AstraZeneca/Uni-Oxford-Impfstoff allerdings deutlich schlechter ab. So verabreichten die Fachleute in einer Phase-III-Studie mit 8898 Probanden in Brasilien zwei volle Impfdosen. Die Wirksamkeit lag hier bei rund 60 Prozent. Das würde gerade reichen, um die etwa von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für notwendig befundenen mindestens 50 Prozent Wirksamkeit zu erreichen. Sie könnte die Ausbreitung des Virus deutlich verlangsamen.

Im Mittel ergebe sich für den Impfstoff aus beiden Studien bislang eine Wirksamkeit von 70 Prozent, so das Unternehmen. Die Zahlen basieren auf insgesamt 131 Covid-19-Fällen in beiden Studien, die zum größeren Teil in der Placebo-Gruppe aufgetreten sind, aber öfter als in den Studien der anderen Hersteller auch die mit dem Wirkstoff Geimpften betrafen.

Keine schwerwiegenden Nebenwirkungen

Biotech/Pfizer und Moderna hatten die Daten aus ihren Corona-Impfstudien nach einer ähnlichen Fallzahl öffentlich gemacht. Sie haben jedoch insgesamt bereits mehr Menschen geimpft, sodass sie etwa bezüglich Nebenwirkungen über einen größeren Datensatz verfügen.

Dennoch ist AstraZeneca zuversichtlich: Unter den Geimpften seien keine schwerwiegenden Nebenwirkungen aufgetreten, hieß es. Das Unternehmen hatte seine Impfstudien zuvor zwei Mal unterbrechen müssen, weil Probanden erkrankten, allerdings fanden Fachleute keinen ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung.

Das Unternehmen will ebenfalls bald Zulassungen in mehreren Staaten weltweit beantragen und den Impfstoff bei der WHO für den schnellen Einsatz in ärmeren Ländern registrieren. Die Phase-III-Studien sollen zudem so angepasst werden, dass das Impfschema mit der halben Dosis in größeren Untersuchungen geprüft wird.

Vorteil einfache Lagerung

Die Basis des AstraZeneca/Uni-Oxford-Impfstoffs namens AZD1222 oder ChAdOx1 nCoV-19 bildet ein abgeschwächtes Erkältungsvirus von Schimpansen. Es enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem der Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Kommt das Immunsystem mit diesem Protein in Kontakt, bildet es zielgerichtet Antikörper und T-Zellen.

Anders als Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna gehört das Mittel damit nicht zu den mRNA-Impfstoffen, sondern zu den sogenannten Vektorimpfstoffen. Das Prinzip ist lang bekannt und hat einen entscheidenden Vorteil: Der Impfstoff lässt sich lange im Kühlschrank lagern und braucht dafür im Gegensatz zu den mRNA-Produkten keine zweistelligen Minusgrade (mehr dazu lesen Sie hier ).

Das erleichtert die Lagerung und den Transport. Der Impfstoff könnte dadurch, selbst bei etwas geringerer Wirksamkeit, wichtig werden.

»AZD1222 ist robust und einfach in der Handhabung, gewissermaßen die Arbeitsbiene unter den potenziell verfügbaren Impfstoffen gegen Covid-19«, sagte Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing dem Science Media Center. Im Kühlschrank könne der Impfstoff für sechs Monate bei zwei bis acht Grad Celsius sicher liegen. »Dies dürfte Impfkampagnen in Ländern mit weniger Ressourcen für aufwendige Kühlketten erleichtern.«

Ohnehin komme die Welt mit einem Corona-Impfstoff nicht aus, erklärte der an der Impfprüfung beteiligte Impfstoffforscher Andrew Pollard von der Universität Oxford bei einem Pressebriefing. Keine Firma habe die Kapazitäten, um kurzfristig genug Impfstoff für die gesamte Weltbevölkerung zur Verfügung zu stellen.

AstraZeneca hat sich bereits darauf vorbereitet, seinen Impfstoff massenweise zu produzieren. Noch in diesem Jahr könnten 200 Millionen Dosen geliefert werden, so Produktionschefin Pam Cheng. 2021 sei die Herstellung von drei Milliarden Dosen möglich. Die Produktion kurzfristig in Teilen auf halbe Dosen umzustellen, sei kein Problem.

Details unklar

Wie bei den anderen Herstellern kann jedoch auch die AstraZenca-Studie nicht alle Fragen beantworten. So ist noch unklar, wie verlässlich die Impfstoffe nicht nur die Erkrankung Covid-19 verhindern, sondern auch Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2.

Laut einer Pressemitteilung  der Universität Oxford gibt es im Zusammenhang mit dem von ihr mitentwickelten Wirkstoff zwar erste Hinweise auf einen Infektionsschutz. Endgültige Ergebnisse liegen aber noch nicht vor.

Auch sind noch keine Daten öffentlich, die verraten, wie gut die Impfstoffe in verschiedenen Altersgruppen funktionieren. Eine in der vergangenen Woche von Oxford-Forschern im Fachmagazin »The Lancet « veröffentlichte Auswertung erster Ergebnisse ihrer Impfstudie in Großbritannien weckt aber zumindest die Hoffnung, dass der Impfstoff auch bei Älteren gut wirkt.

In der Phase-II-Studie habe es bei Teilnehmern sowohl unter als auch über 56 Jahren eine gute Immunantwort gegeben, schreiben die Forscher. Der Impfstoff sei von Älteren sogar besser vertragen worden als von Jüngeren. Den Angaben zufolge waren rund 240 der 560 in die Analyse eingeschlossenen gesunden Studienteilnehmer über 70 Jahre alt.

Nach Angaben von AstraZeneca und der Universität Oxford gab es in ihren Studien unter den mit dem Wirkstoff Geimpften keine schweren Covid-19-Verläufe. Wie viel seltener sie im Vergleich zur Placebogruppe waren, bleibt allerdings offen. Somit lässt sich nicht sagen, wie viele heftige Erkrankungen durch den Impfstoff verhindert wurden.

Die noch nicht öffentlichen vollständigen Daten zu den Studien dürften bald Antworten auf einige dieser Fragen liefern.

Rätsel um den Vorteil der halben Dosis

Forscher rätseln allerdings auch noch, warum sich ausgerechnet beim Impfschema mit einer halben Dosis zu Beginn eine bessere Wirksamkeit gezeigt hat. Das sei auf Anhieb nicht einleuchtend, erklärte Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik Köln dem Science Media Center. »Ist das ein rein zufälliger Effekt? Oder gibt es immunologische Faktoren, die dies begründen?«

Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing vermutet, dass das Immunsystem möglicherweise auf das vom Affen stammende Trägervirus reagiert und die Impfwirkung dadurch abgeschwächt wird. Ist die erste Impfdosis zu groß, kann es passieren, dass der Körper das Trägervirus bei der zweiten Impfung bekämpft.

Oxford-Impfforscher Pollard erklärte, dass auch Impfungen für Säuglinge, deren Immunsystem im Prinzip keine Krankheitserreger kenne, häufig mit einer geringeren Erstdosis effektiver seien. Es sei denkbar, dass das bei Erwachsenen, die mit einem ganz neuen Virus in Berührung kämen, ähnlich sei.

Die Experten sind sich jedoch einig, dass für eine klare Antwort mehr Daten nötig sind.

Mit Material von dpa
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