Julia Merlot

Zweifel am ersten Corona-Impfstoff Russisches Roulette

Julia Merlot
Ein Kommentar von Julia Merlot
Russland hat den ersten Impfstoff gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 zugelassen und damit großes Aufsehen erregt. Doch die Verkündung ist eine Mogelpackung - und riskant noch dazu.
Arbeit im staatlichen Gamaleya-Institut in Moskau: Wettrennen um den ersten Corona-Impfstoff

Arbeit im staatlichen Gamaleya-Institut in Moskau: Wettrennen um den ersten Corona-Impfstoff

Foto: Alexander Zemlianichenko Jr / DPA

Am 4. Oktober 1957 schoss die Sowjetunion mit "Sputnik" als weltweit erste Nation einen Satelliten in die Erdumlaufbahn - knapp ein Jahr früher, als von westlichen Experten prognostiziert worden war. Das Ereignis gilt als Beginn des Raumfahrtzeitalters, es war eine Revolution.

Jetzt, mehr als 60 Jahre später, wollen die Russen etwas Ähnliches geleistet haben: Das Land hat einen neuen "Sputnik". Doch statt des Wettlaufs ins All soll er ein im Jahr 2020 wichtiges Rennen für Russland gewonnen haben: Die weltweite Jagd nach einem ersten Impfstoff, der vor dem Coronavirus Sars-CoV-2 schützt.

Russland hat den Impfstoff "Sputnik V" am Dienstag zugelassen, als weltweit erster Staat und rund ein halbes Jahr früher, als westliche Experten mit einer Vakzine gerechnet hatten. Das Manöver könnte eine Revolution im Umgang mit der Corona-Pandemie einleiten. Eine Machtdemonstration ist es in jedem Fall.

Das Land, das als erstes einen Corona-Impfstoff zur breiten Anwendung bringt, kann Schutzmaßnahmen im Privatleben, in öffentlichen Einrichtungen und der Wirtschaft lockern und langfristig möglicherweise sogar ganz aufheben. Allerdings ist Russland noch längst nicht an diesem Punkt angelangt.

Machtgebaren auf Kosten der Gesundheit

Anders als beim "Sputnik"-Satelliten ist der Sieg im Rennen um den ersten Corona-Impfstoff eine Mogelpackung. Würden andere Staaten und Firmen jene Sicherheitskriterien bei der Zulassung anwenden, die Russland angesetzt hat, könnten wohl auch einige Wettbewerber bereits jetzt Corona-Impfstoffe zugelassen haben. Teils sind sie, nach allem, was bekannt ist , in der regulären Impfstoffprüfung sogar weiter als Russland.

Legt man international anerkannte Standards für die Entwicklung von Impfstoffen zugrunde, könnte man sogar sagen, dass Russland entgegen seiner eigenen Angaben noch keinen Impfstoff hat, zumindest keinen international anerkannten. Denn die russische Zulassung erfüllt nicht die eigentlich geltenden Kriterien. Ob das Land den Wettlauf tatsächlich gewonnen hat, wird sich erst noch zeigen.

Klinische Prüfung der Impfstoffentwicklung in drei Phasen

Bis ein Impfstoff zugelassen wird, muss er in drei Phasen klinisch geprüft werden. Damit das Paul-Ehrlich-Institut einen potenziellen Impfstoff für eine klinische Studie am Menschen zulässt, muss ein Hersteller zunächst Daten vorlegen, dass der Stoff bereits ausreichend präklinisch getestet wurde – etwa in Tierversuchen.

Phase I: Der Impfstoff wird einer kleinen Gruppe von freiwilligen Gesunden verabreicht. Es wird beobachtet, ob das Mittel den Zielbereich im Körper erreicht und dabei keine akuten Nebenwirkungen auftreten.

Phase II: Erst wenn die Phase I erfolgreich war, kann der Impfstoff in Phase II einer größeren Teilnehmerzahl verabreicht werden, die der Risikogruppe entstammen. Im Fall von Covid-19 wären das ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen. In dieser Phase werden die Wirksamkeit des Impfstoffs bei der Verhinderung der Krankheit und die geeignete Dosierung getestet.

Phase III: Danach kann der Impfstoff an einer repräsentativen Gruppe von Freiwilligen getestet werden – bis zu 10.000 Probanden werden dabei geimpft. In Phase III werden die Wirksamkeit, die Sicherheit sowie die Dosierung der Impfung bestätigt. Unerwünschte Ereignisse, wie etwa ein besonders schwerer Krankheitsverlauf durch die Gabe des Impfstoffs, können ausgeschlossen werden.

Bislang wurde der "Sputnik V" nur an wenigen Menschen getestet, eine Phase-III-Studie mit Zigtausenden Probanden hat nicht stattgefunden. Sie ist aber unbedingt nötig, um Nutzen und Risiken sicher abwägen zu können. Russland will sie trotzdem erst nach der Zulassung mit ein paar Tausend Probanden nachholen. 

Lehrer und Ärzte sollen schon vorher geimpft werden. In Massen hergestellt und an die breite Bevölkerung verteilt werden soll der Impfstoff dann Anfang 2021. Der Zeitpunkt gilt grob auch für die Zulassung anderer Impfstoffe als realistisch. Vielleicht hat Russland Glück, und sein Mittel erweist sich bis dahin als sicher und wirksam. Dann könnte man rückblickend sagen, der Staat hat alles richtig gemacht. Doch das wäre fatal.

Gefährliches Überholmanöver

Es gibt gute Gründe, warum in der Arzneimittelprüfung hohe Standards angesetzt werden. Immerhin kommen Substanzen zum Einsatz, die in den Körper eingreifen, nur so können sie wirken. Wo aber etwas wirkt, besteht immer auch das Risiko für Nebenwirkungen. Die müssen zwingend bekannt sein, um abzuwägen, ob der Nutzen eines Medikaments die Risiken übersteigt.

Diese Abwägung entscheidet, ob es ethisch vertretbar ist, ein Mittel in der breiten Bevölkerung, bei Menschen mit Vorerkrankungen, älteren Personen und Kindern anzuwenden. Das ist bei allen Arzneien unerlässlich, bei Impfstoffen aber insbesondere: Sie werden sehr breit angewendet und entfalten ihren vollen Nutzen auch erst dann, wenn sich ein Großteil der Bevölkerung immunisieren lässt.

Dazu braucht es Vertrauen in die verfügbaren Mittel. Und genau das ist durch das von Machtinteressen geleitete Vorgehen Russlands und den international betriebenen Wettstreit um den ersten Impfstoff gefährdet. Russland verhält sich wie ein Verkehrsrowdy, der unmittelbar vor einer Kurve auf der Landstraße zum Überholmanöver ansetzt.

Futter für Impfgegner

Das Vorgehen spielt jenen in die Karten, die seit Langem Zweifel an der Sicherheit von Impfungen schüren. Ist das russische Beispiel nicht ein Beleg dafür, dass Regierungen und Wissenschaftler bereit sind, die Gesundheit der Bevölkerung aufs Spiel zu setzen? Wer garantiert, dass nicht doch auch andernorts die Sicherheit zugunsten medienwirksamer Auftritte von Regierungschefs, die etwa auf ihre Wiederwahl hoffen, auf der Strecke bleibt?

Glücklicherweise halten Forscher und Behörden weltweit auch nach Russlands Auftrumpfen an den geltenden Standards fest. Die Kritik nationaler und internationaler Institutionen ist groß, die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das in Deutschland für die Impfstoffzulassung zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und das Bundesgesundheitsministerium haben zur Vorsicht gemahnt. Ihnen ist bewusst, dass ein Fehler der Impfbereitschaft der Bevölkerung auf Jahre schaden kann - auch mit Blick auf andere Krankheiten.

Dabei gibt es sogar eine Chance, dass das russische Überholmanöver gutgeht. Vielleicht dieses eine Mal, wer weiß das schon? Doch bereits der nächste Versuch mit einer schlecht geprüften Arznei könnte katastrophal enden. Wenn Prestige- und Konkurrenzdenken im Wettlauf um medizinischen Fortschritt mehr Gewicht haben als grundlegende wissenschaftliche Standards, wird das Menschenleben kosten.

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