Corona-Impfstoffe und Mutationen Was der AstraZeneca-Reinfall in Südafrika bedeutet

Gegen die in Südafrika verbreitete Corona-Variante B.1.351 bietet der AstraZeneca-Impfstoff keinen richtigen Schutz. Wie das Land damit umgeht – und was das für die Impfstoffentwicklung heißt.
Skyline von Kapstadt mit einem Landschaftsgemälde des französisch-schweizerischen Künstlers Saype im Rahmen des »Beyond Walls«-Projekts

Skyline von Kapstadt mit einem Landschaftsgemälde des französisch-schweizerischen Künstlers Saype im Rahmen des »Beyond Walls«-Projekts

Foto: Valentin Flauraud / EPA-EFE / Shutterstock

Die Nachricht ist keine gute: Laut einer aktuellen Studie schützt der Impfstoff von AstraZeneca möglicherweise nicht vor milden oder moderaten Covid-Verläufen, die von der neuen Virusvariante B.1.351 ausgelöst werden. Diese Variante war zuerst in Südafrika entdeckt worden, wo auch die Studie der Universitäten Oxford und Witwatersrand, Johannesburg, stattfand. Die Uni Oxford hat den Impfstoff ChAdOx1 nCoV-19 gemeinsam mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelt.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht und wurde noch nicht von anderen Forschenden begutachtet. Doch einige zentrale Ergebnisse sind nach einer Pressekonferenz  bekannt, an der neben Südafrikas Gesundheitsminister Zweli Mkhize mehrere Impfstoffspezialisten teilnahmen.

Der Impfstoff scheine zwar gegen den Originalstamm zu wirken, nicht aber im vollen Umfang gegen die Variante, sagte Mkhize am Sonntag. Zunächst wird deshalb in Südafrika mit dem Mittel nicht geimpft. Die Regierung werde die Empfehlung aus der Wissenschaft abwarten, wie man mit dem Impfstoff verfahren solle. Das Land hat rund eine Million Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs erhalten. Südafrika hat die meisten Coronavirus-Fälle auf dem afrikanischen Kontinent. Mehr als 1,4 Millionen Corona-Fälle und mehr als 46.000 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 sind dokumentiert.

In der Studie konnte die Wirksamkeit von ChAdOx1 nCoV-19 gegen die neue Virusvariante getestet werden, weil die Untersuchung lief, während sich B.1.351 ab Oktober zunehmend in Südafrika ausbreitete. Laut Shabir Madhi von der Universität Witwatersrand verursacht diese aktuell 90 Prozent der Neuinfektionen im Land. B.1.351 ist ansteckender als das herkömmliche Sars-CoV-2. Auch gab es schon vor dem Bericht zum AstraZeneca-Impfstoff Hinweise, dass eine durchgemachte Coronavirusinfektion nur einen mäßigen Schutz vor einer Ansteckung mit B.1.351 verleiht. Dies ließ befürchten, dass auch die Wirksamkeit der Impfstoffe verringert sein könnte.

Eine entscheidende Wissenslücke

1749 Probandinnen und Probanden erhielten in der Studie entweder den Impfstoff oder ein wirkstofffreies Placebo. Die Teilnehmenden waren zwischen 18 und 65 Jahre alt, Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf waren bei ihnen sehr selten. Menschen, die aufgrund ihres Alters ein hohes Risiko für einen schweren Covid-Verlauf hatten, waren nicht beteiligt.

Was sich zeigte: Bis Ende Oktober war die Wirksamkeit des Impfstoffs gut. In der Gruppe, die geimpft worden war, gab es drei Covid-19-Fälle mit milden bis moderaten Symptomen, in der Placebo-Gruppe waren es zwölf. Die Wirksamkeit lag damit bei rund 75 Prozent.

Das änderte sich mit dem Auftreten von B.1.351: Von insgesamt 42 Covid-Fällen mit milden bis moderaten Symptomen entfielen 23 auf die Placebogruppe und 19 auf die Impfstoffgruppe. Der Unterschied ist, mathematisch formuliert, statistisch nicht signifikant. Das heißt, es lässt sich daraus nicht ableiten, ob der Impfstoff vor B.1.351 schützt. 39 der Fälle gingen auf B.1.351 zurück.

Allerdings lässt die Studie eine entscheidende Wissenslücke: Weil es unter den relativ jungen Teilnehmenden überhaupt keine schweren Covid-19-Verläufe gab, sagt sie nichts darüber aus, ob der Impfstoff möglicherweise vor einer schweren Erkrankung durch B.1.351 schützt. Es ist also immer noch denkbar, dass der AstraZeneca-Impfstoff in dieser Hinsicht gegen B.1.351 hilft – aber bisher weiß man das nicht.

Etwas Hoffnung in diese Richtung gibt eine Studie mit einem anderen Impfstoff, dem Mittel von Johnson & Johnson. Dies ist ebenfalls ein sogenannter Vektorimpfstoff, der dem von AstraZeneca ähnelt. Auch dieser Impfstoff verliert zwar gegenüber der neuen Virusvariante an Wirksamkeit, aber er verhinderte immer noch zu rund 89 Prozent schwere bis tödliche Covid-19-Verläufe – trotz B.1.351, hieß es in der Pressekonferenz am Sonntag. Südafrika will jetzt die Einführung des Impfstoffs von Johnson & Johnson beschleunigen.

Wie geht es weiter?

Impfstoffexpertin Sarah Gilbert von der Universität Oxford beschreibt, dass bereits daran gearbeitet wird, eine neue Impfstoffgeneration zu entwickeln, die auch vor den neuen Coronavirusvarianten schützt. Diese könnte als Booster gegeben werden, also als spätere Impfung nach der Verabreichung des herkömmlichen Impfstoffs. Vergangenen Freitag hatte AstraZeneca berichtet, dass sein Impfstoff zumindest vor der britischen Variante B.1.1.7 ähnlich gut schützt wie vor dem ursprünglichen Sars-CoV-2.

Auch andere Hersteller bereiten sich darauf vor, ihre Impfstoffe anzupassen, falls dies nötig ist. Bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna ist dies vergleichsweise einfach umzusetzen.

»Wir könnten die genetische Information für das jetzige Virusantigen einfach durch die neue, mutierte ersetzen. Das alles geht sehr schnell und würde vielleicht sechs Wochen dauern«, sagte Biontech-Gründerin Özlem Türeci im SPIEGEL-Gespräch.  Die Frage sei, wie die Zulassungsbehörden damit umgingen, also ob erneut große Studien mit Zehntausenden Probanden nötig seien. Allerdings gibt es auch für den Grippe-Impfstoff, der jedes Jahr aufgrund veränderter Virusstämme angepasst werden muss, vereinfachte Verfahren.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Auch die Infektiologin und Impfstoffforscherin Marylyn Addo von der Hamburger Uniklinik Eppendorf betont im SPIEGEL , dass wir »gute Werkzeuge besitzen, potenziell problematischen Veränderungen des Virus etwas entgegenzusetzen«. Sars-CoV-2 verändere sich im Vergleich zu anderen Viren relativ langsam. »Wir haben derzeit die Chance, mit dem Virus Schritt zu halten. Dazu ist es aber auch wichtig, das Infektionsgeschehen zu verlangsamen.«

Während die Mehrheit der Menschen weltweit noch auf die erste Impfung wartet, stimmt die Aussicht auf nötige Booster-Impfungen wegen Virusmutationen zwar nicht optimistisch. Aber unterm Strich können Impfstoffe weiterhin einen sehr wichtigen Beitrag dabei leisten, diese Pandemie zurückzudrängen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.