Kombination von Impfstoffen Erst AstraZeneca, dann Biontech – ist das eine gute Idee?

Erste Studienergebnisse legen nahe, dass eine Kreuzimpfung gegen Sars-CoV-2 nicht nur möglich ist, sondern die Wirksamkeit sogar erhöhen könnte. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Eine zweite Impfung ist wichtig. Aber muss es auch derselbe Impfstoff sein?

Eine zweite Impfung ist wichtig. Aber muss es auch derselbe Impfstoff sein?

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / imago images/Sven Simon

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Es ist möglich, zwei verschiedene Impfstoffe gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 zu kombinieren: eine Erstimpfung mit AstraZeneca, eine zweite Dosis mit einem mRNA-Impfstoff, etwa von Biontech/Pfizer oder Moderna.

Einer Studie des spanischen Gesundheitsministeriums  zufolge ist eine Kreuzimpfung nicht nur möglich, sondern sogar sinnvoll, denn sie könnte sogar einen höheren Schutz vor einer Covid-19-Infektion bieten als zwei Impfungen mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca.

Was bedeutet das? Und für wen kommt eine Kombination zweier Impfstoffe überhaupt infrage? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Welche Impfstoffe kann man kombinieren?

In der Erhebung des spanischen Gesundheitsministeriums wurde untersucht, wie eine Kombination des Vektorimpfstoffs von AstraZeneca mit dem mRNA-Impfstoff des Herstellers Biontech/Pfizer wirkt. Vermutlich, sagt der Impfstoffexperte Leif Erik Sander von der Berliner Charité, könne als zweite Dosis genauso der mRNA-Impfstoff von Moderna verwendet werden. »Die Impfstoffe sind so ähnlich gemacht, dass ich keinen Unterschied erwarte«, sagt er. Sander leitet an der Charité Berlin die Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung.

Wird an weiteren Kombinationen geforscht?

An der Universität Oxford wird derzeit unter anderem erforscht, wie sich die Impfwirkung verändert, wenn – in umgekehrter Reihenfolge – zuerst ein mRNA-Impfstoff verabreicht wird und in der zweiten Dosis ein Vektorimpfstoff. Ergebnisse dazu liegen bislang noch nicht vor.

Neben den Impfstoffen von AstraZeneca, Biontech/Pfizer und Moderna ist ein vierter Sars-CoV-2-Impfstoff der Firma Johnson & Johnson in Deutschland zugelassen. Bei diesem Vektorimpfstoff besteht 28 Tage nach der ersten und einzigen Dosis Impfschutz. Ob sich auch bei Johnson & Johnson die Wirkung steigern lässt, wenn man das Präparat mit einem anderen Impfstoff kombiniert, ist noch nicht bekannt.

Wie verändert sich die Wirksamkeit, wenn auf AstraZeneca eine Dosis mit einem mRNA-Impfstoff folgt?

Die vorläufigen Ergebnisse der spanischen Studie mit 679 Probanden im Alter von 18 bis 59 Jahren zeigen, dass das Antikörperniveau bei einer zweiten Dosis mit Biontech zwischen 30- und 40-mal höher war als bei einer Kontrollgruppe, die nur eine Dosis AstraZeneca erhielt.

Leif Erik Sander erklärt das so: »Man umgeht ein Problem, das entsteht, wenn man zweimal denselben Vektorimpfstoff verabreicht.« Nach einer ersten Impfung mit AstraZeneca bildeten sich bereits Antikörper. Diese Antikörper bekämpften die Vektorviren, die mit der zweiten Dosis erneut in die Körperzellen eingebracht werden sollen. »Deshalb ist der Impfeffekt der zweiten Impfung viel geringer. Das nennt man Vektorimmunität.«

Er sei überzeugt, dass eine Kombination aus einem Vektorimpfstoff und einer mRNA-Impfung eine bessere Immunantwort hervorrufe als eine Zweifachimpfung mit einem Vektorimpfstoff.

»Ich rechne damit, dass die Immunantworten gut sein werden«

Leif Erik Sander, Charité Berlin

Allerdings steige die Immunantwort bei einer zweiten Dosis Biontech/Pfizer oder Moderna auch dann enorm an, wenn bereits die erste Impfung mit dem mRNA-Vakzin erfolgt ist. Es lasse sich aus der Studie des spanischen Gesundheitsministeriums nicht herauslesen, dass die Antwort nach einer Kreuzimpfung besser sei als nach zwei Dosen mit einem mRNA-Impfstoff. Weitere Studien werden folgen. Und Sander zeigt sich optimistisch: »Ich rechne damit, dass die Immunantworten gut sein werden«, sagt der Wissenschaftler.

Für wen kommt eine Kreuzimpfung infrage?

Menschen unter 60, die eine Erstimpfung mit AstraZeneca erhalten haben, werden ein Impfangebot mit einem mRNA-Impfstoff bekommen, meint Sander. So lautet auch die Empfehlung der Stiko, der Ständigen Impfkommission. Der Hintergrund: Wegen eines erhöhten Thromboserisikos wird der Impfstoff von AstraZeneca nur noch für Menschen über 60 Jahren empfohlen.

Gilt das auch für Menschen über 60 Jahren?

Nein, jedenfalls nicht bisher. Das Problem sei die Zulassung: »Für Menschen über 60 könnte man das auch machen«, sagt Sander, »aber die Kombination ist so nicht zugelassen. Die Impfstoffe sind so zugelassen, dass jeweils zweimal derselbe Impfstoff gegeben wird.«

Wenn eine Kreuzimpfung nicht zugelassen sei, entstehe ein haftungsrechtliches Problem für impfende Ärztinnen und Ärzte. Anders als für Menschen unter 60 gebe es für eine Kombinationsimpfung von über 60-Jährigen keine Stiko-Empfehlung. Dass sich daran bald etwas ändern wird, glaubt der Experte nicht.

Muss ich mich um etwas kümmern, wenn ich unter 60 bin und einen Termin für eine Zweitdosis mit AstraZeneca habe?

Dazu heißt es vom RKI: Jede und jeder unter 60-Jährige mit einem Termin für eine zweite Impfung solle daran festhalten. Im Impfzentrum erhalte er oder sie dann, gemäß der Empfehlungen der Stiko, das Impfangebot mit einem mRNA-Impfstoff. Das gelte auch, wenn auf dem Einladungs- oder Bestätigungsschreiben etwas anderes stehe.

Es sei in den Impfzentren nicht möglich, entgegen der Stiko-Empfehlung eine zweite Dosis AstraZeneca zu bekommen. Auch in Hausarztpraxen sollen Menschen unter 60, die bereits mit AstraZeneca geimpft worden sind, eine Zweitimpfung mit Biontech oder Moderna bekommen.

Wie verträglich ist eine Kombination zweier Impfstoffe?

Auch zur Verträglichkeit der Kombinationen wird derzeit geforscht: Eine Studie der Universität Oxford  hat gezeigt, dass Menschen nach einer Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff häufiger von leichten oder mittelschweren Impfreaktionen berichteten – zum Beispiel Kopfschmerzen oder Schüttelfrost. Die Reaktionen waren stärker als nach einer zweiten Dosis AstraZeneca.

Andere Studien – darunter auch eine aktuelle Studie der Charité, die dem SPIEGEL vorliegt – legten hingegen nahe, dass die Verträglichkeit deutlich besser werde, wenn ein längerer Abstand zwischen den Impfdosen eingehalten werde, sagt Sander. Bei einer zweiten Impfung nach zwölf statt nach vier Wochen fielen die Reaktionen deutlich milder aus.

Was heißt das für den Sommerurlaub?

Vorschläge, den Abstand zwischen einer ersten und zweiten Impfung zu verkleinern, hält Sander für »nicht sinnvoll«. Ein längerer Abstand verbessere nicht nur die Verträglichkeit, sondern vermutlich auch die Wirksamkeit. All das spreche dagegen, den Abstand zu verkürzen.

Aber: Da bereits Wochen nach einer ersten Impfung ein guter Schutz aufgebaut werde, sollte man trotzdem in den Urlaub fahren dürfen, sagt Leif Erik Sander – natürlich abhängig von den jeweiligen Vorschriften.

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