Impf-Strategie Die Gretchenfrage

Der Corona-Impfstoff ist knapp. In Großbritannien wird nun die zweite nötige Dosis mit größerem Abstand gegeben, damit mehr Menschen zeitnah eine erste Dosis erhalten können. Eine Entscheidung mit einigen Unbekannten.
Knappes Gut: Covid-19-Impfstoff

Knappes Gut: Covid-19-Impfstoff

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JEFF J MITCHELL / AFP

Eine neue, ansteckendere Virusvariante breitet sich aus, die Impfstoffe sind knapp, die Produktion kommt bei der gigantischen Nachfrage wohl über Monate nicht hinterher. Wie können die verfügbaren Impfstoff-Dosen unter diesen Bedingungen am meisten dazu beitragen, Menschen vor einer potenziell tödlichen Krankheit zu schützen?

Was sich wie eine Übungsaufgabe in Sachen Gesundheitsversorgung liest, ist gerade Realität: Während sich die offenbar ansteckendere Coronavirus-Variante B.1.1.7 ausbreitet, nehmen die Impfprogramme in den europäischen Staaten nur sehr langsam Fahrt auf.

Unter diesen Vorzeichen hat sich Großbritannien zu einem ungewöhnlichen Schritt durchgerungen: Menschen sollen die zweite Impfdosis der dort zugelassenen Produkte von Biontech/Pfizer und Astrazeneca nicht rund drei Wochen nach der ersten Dosis erhalten, sondern erst bis zu zwölf Wochen später.

»Die erste Impfdosis für so viele Menschen wie möglich zu priorisieren, schützt die größte Zahl von Menschen in der kürzestmöglichen Zeit und hat deshalb auch den größten Einfluss auf das Verhindern von Todesfällen, schweren Krankheitsverläufen und Klinikeinlieferungen«, schreibt  der britische Gesundheitsdienst NHS. "Praktisch heißt das, dass die zweite Impfstoffdosis am Ende des empfohlenen Impfschemas von bis zu zwölf Wochen gegeben wird.«

Die Idee ist also: Lieber möglichst viele Menschen einigermaßen zu schützen, als eine kleinere Zahl optimal – um so möglichst viel Leid zu verhindern. Ob die Rechnung aufgeht, lässt sich aber nicht vorhersagen.

Hersteller Pfizer warnte, dass die Phase-III-Studie untersucht habe, wie effektiv die Impfung nach zwei im Abstand von drei Wochen gegeben Dosen ist. Die Untersuchung zeige zwar, dass sich ein gewisser Schutz teilweise schon zwölf Tage nach der ersten Impfung aufbaue. Aber sie liefere keinerlei Daten über einen Zeitraum von 21 Tagen hinaus – weil in der Studie dann die zweite Impfung erfolgte.

Die Entscheidung erfolgt also in Abwesenheit sicherer Informationen. Auch wenn aktuell einige Zahlen kursieren, wie gut eine einzelne Impfdosis angeblich schützt: Niemand weiß heute genau, ob diese Werte nach zwei, drei oder sechs Monaten noch stimmen. Das lässt sich nur durch Studien herausfinden.

Sicher ist nur: Zwei Dosen sind effektiver als eine. Die zweite Impfung zu verschieben, könnte aber den falschen Eindruck erwecken, sie sei unwichtig – und so dazu führen, dass relativ viele Menschen den zweiten Impftermin dann nicht mehr wahrnehmen.

»Keine wesentlichen Abstriche bei der Wirkung zu erwarten«

Dennoch halten einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den britischen Ansatz in der aktuellen Situation für vernünftig. So sagte etwa der Impfstoffforscher Leif-Erik Sander von der Berliner Charité laut »Science Media Center«, aktuell halte er eine Strategie für effektiver, »bei der möglichst viele Menschen frühzeitig geimpft werden für effektiver, also ohne Impfstoffdosen für die zweite Impfung zurückzuhalten«. Laut der Empfehlung   der Ständigen Impfkommission hat die zweite Impfdosis von Menschen, die bereits die erste Dosis erhalten haben, Vorrang vorm ersten Impfen anderer – und dafür »soll entsprechend Impfstoff zurückgelegt werden«.

»Die Inkaufnahme eines eventuell verlängerten Intervalls bis zur zweiten Impfung ist zumindest für die mRNA-Impfstoffe aus meiner Sicht unbedenklich, da die Impfungen in den Studien schon etwa zehn Tage nach der ersten Injektion einen sehr hohen Schutz gegen Covid-19 zeigten«, sagt Sander. Die zweite Impfung könne problemlos etwas verzögert werden, »ohne dass wesentliche Abstriche bei der Wirksamkeit zu erwarten sind«. Das sei aber sicher nur eine vorrübergehende Strategie. Und es sei wichtig, dass alle Geimpften eine zweite Impfung erhalten.

Warum werden Impfungen überhaupt in mehr als einer Dosis gegeben? »Um die Menge, Qualität und Langlebigkeit der Anitkörper-Antwort zu steigern«, erklärt  die Immunologin Akiko Iwasaki. Die Expertin betont, sie sei weiterhin dafür, Menschen eine zweite Impfstoff-Dosis zu geben, aber wegen der aktuellen Dringlichkeit könne man die zweite Dosis verschieben, bis es mehr Impfstoff gebe. Die Ansteckungsrate der B.1.1.7-Variante habe sie davon überzeugt.

Auch Peter Kremser, Tropenmediziner an der Eberhard Karls Universität Tübingen hält laut »Science Media Center« den britischen Ansatz für »grundsätzlich sehr sinnvoll«. »Wie bei anderen Impfungen kann man die zweite Dosis wahrscheinlich gut auch nach zwei bis drei Monaten geben, da schon die erste Dosis anscheinend eine hohe Wirksamkeit erzielt. Wenn der Effekt der ersten Impfung mit der Zeit nicht schnell abnimmt, dann könnte die zweite Impfung auch noch später stattfinden, zum Beispiel erst nach sechs Monaten. Das wissen wir noch nicht.«

US-Immunologe Anthony Fauci sagte  dagegen am Freitag, die USA werde dem britischen Beispiel nicht folgen, und die Gabe der zweiten Impfdosis verzögern. Man kenne den optimalen Zeitpunkt für die zweite Dosis aus den klinischen Studien. Er sagte aber auch, es gebe Argumente für das Vorgehen der Briten.

Ganz praktische Kritik  am Vorgehen in Großbritannien hat der britische Ärzteverband, dessen Mitglieder nun bereits bestehende zweite Impftermine von Tausenden Menschen umbuchen müssen. Der logistische Aufwand sei enorm und das Verschieben würde für Risikopatienten schrecklich sein.

Einen vergleichsweise einfachen Weg, zeitnah mehr Menschen zu impfen, gibt es indes auch: Mit optimalem Werkzeug lassen sich aus einem Fläschchen des Biontech-Impfstoffs sechs statt nur fünf Impfdosen gewinnen. Bislang erlaubt die EU-Arzneibehörde Ema jedoch die Extraktion von fünf Impfdosen – und weist Ärzte in der Produktinformation für Comirnaty mehrmals an, den Rest wegzuwerfen, obwohl die Ema selbst auf SPIEGEL-Anfrage  bestätigte, dass Biontech sie vor der Zulassung auf die sechste Dosis hingewiesen hatte. Nun will die Behörde prüfen, ob sie die Produktinformation ändert. Durch die Änderung hätte Deutschland im Januar, falls die Entnahme von sechs Dosen konstant gelingt, pro Woche 800.000 anstatt bisher 670.000 Impfdosen, ganz ohne weitere Anstrengungen.

Und zusätzlich müssten in Deutschland erst einmal die bereits gelieferten Impfdosen verabreicht werden. Während bereits 1,3 Millionen Dosen geliefert  wurden, haben erst knapp 190.000 Menschen die erste Impfdosis erhalten.