Bilanz zum Impfstart in Deutschland Das läuft schief – und das macht Hoffnung

Zu wenig Impfstoff, die falsche Vakzine, schleppende Verteilung: Bundesregierung und EU-Kommission stehen wegen der Corona-Impfungen in der Kritik. Wo hakt es? Und ist Besserung in Sicht? Der Überblick.
Impfzentrum in der Festhalle Frankfurt: Bald sollen hier bis zu 4000 Menschen täglich geimpft werden

Impfzentrum in der Festhalle Frankfurt: Bald sollen hier bis zu 4000 Menschen täglich geimpft werden

Foto: Boris Roessler / picture alliance/dpa

Schon vor dem Start der Corona-Impfungen in Deutschland sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): »Es wird an der einen oder anderen Stelle auch mal ruckeln.« Als die Impfkampagne angelaufen war, sprach Spahn davon, trotz mancher Ruckler sei der Impfstart insgesamt gelungen.

Teilen wird diese Einschätzung eine Woche nach dem Start kaum jemand. Die Opposition wirft der Bundesregierung vor, bei der Vorbereitung versagt zu haben. Spahn steht wegen der Impf-Priorisierung in der Kritik. Und auch die EU-Kommission kriegt reichlich Schelte.

Worauf richtet sich die Kritik? Und wie ist der aktuelle Stand bei den Impfungen? Der Überblick.

Wie viel Impfstoff ist da – und wie viel davon wurde bereits genutzt?

Bislang wurden 1,3 Millionen Dosen des Impfstoffes der Mainzer Firma Biontech an die Bundesländer geliefert. Damit werden zunächst Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, Menschen über 80 Jahre sowie Pflegekräfte und besonders gefährdetes Krankenhauspersonal versorgt. Laut Robert Koch-Institut wurden in Deutschland bislang mehr als 238.000 Menschen gegen das Coronavirus geimpft (Stand Sonntag, 8 Uhr).

Viele Bürger und auch Experten beschweren sich, dass nicht genügend Impfstoff da sei. Aber selbst wenn man – wie manche Bundesländer es tun – die Hälfte der Dosen für die nötige zweite Impfung zurücklegt, wurde noch längst nicht die gesamte Menge aufgebraucht.

Warum geht es so langsam voran?

Experten sprechen bereits von einem groben »Versagen der Verantwortlichen«. Das Gesundheitsministerium verweist auf die Bundesländer, die die Impfungen organisieren. Ein Grund für den schleppenden Fortschritt könnte sein, dass zunächst vorrangig in Alten- und Pflegeheimen geimpft wird. Die Bewohner dort sind oft nicht mobil, Impfteams müssen in die Heime fahren. Das dauert länger als Massenimpfungen in einem Impfzentrum. Außerdem sind vor dem Impfen kurze Arztgespräche vorgesehen.

Wann kommt die nächste Impfstoff-Lieferung in den Ländern an?

Die nächste Charge des Biontech-Impfstoffs kommt am Freitag, dem 8. Januar. Bis Anfang Februar sind jeweils montags drei weitere Liefertermine vorgesehen. Bis einschließlich 1. Februar sollen weitere 2,68 Millionen Impfdosen an die Länder verteilt werden.

Noch im Januar könnte Impfstoff eines anderen Herstellers dazukommen: Die Bundesregierung rechnet für den 6. Januar mit der EU-Zulassung des Impfstoffs von Moderna. Spahn hat als Ziel ausgegeben, dass im Laufe des Januars alle Pflegeheimbewohner geimpft werden.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Wie bekommt man einen Impftermin?

Wie über 80-Jährige, die nicht in Altenheimen leben, an ihre Impfung kommen, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Baden-Württemberg etwa können sie bereits telefonisch Termine für die Impfzentren buchen, in Nordrhein-Westfalen geht das noch nicht. Wie das Gros der Bürger später informiert wird – ob etwa alle über 70-Jährigen von den Kommunen oder Versicherungen angeschrieben werden – ist noch nicht klar. Außerdem gibt es technische Probleme bei der Impfhotline.

Hinzu kommt, dass nach Ansicht mancher Experten die genaue Reihenfolge der zu Impfenden deutlich detaillierter festgelegt werden müsste. »Die Bundeskanzlerin sowie die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sind gefordert, dem Impf-Wirrwarr am Dienstag ein Ende zu setzen«, sagte Eugen Brysch, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Dann treffen sich die Länderchefs mit Angela Merkel, um über das weitere Vorgehen in der Coronakrise zu beraten, unter anderem über eine mögliche Verlängerung des Shutdowns.

Spahn habe bei der Impf-Priorisierung versagt, sagte Brysch. »Er kannte die logistischen Herausforderungen des Impfstoffes und seine begrenzte Verfügbarkeit. Es war sein Fehler, in der ersten Phase gleichberechtigt acht Millionen Menschen auf eine Stufe zu stellen.«

Welche Impfstoffe hat die EU-Kommission geordert?

Im November wurden bis zu 300 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffs bestellt, die nach Bevölkerungszahl auf die 27 EU-Staaten verteilt werden. Daneben gibt es Rahmenverträge mit fünf weiteren Herstellern.

Insgesamt hat die EU Bezugsrechte für knapp zwei Milliarden Impfdosen, mehr als genug für die 450 Millionen Menschen in der EU. Das Problem: Bisher hat nur Biontech/Pfizer die EU-Zulassung, der Moderna-Wirkstoff, von dem 160 Millionen Dosen gekauft wurden, könnte bald folgen. Die Vielfalt nützt also vorerst nur wenig.

Mit AstraZeneca vereinbarte die EU-Kommission schon im August den Kauf von bis zu 400 Millionen Dosen und hoffte auf Lieferung vor Jahresende. Dann gab es in Tests Rückschläge. In Großbritannien hat der sogenannte Oxford-Impfstoff nun die Notfallzulassung geschafft. In der EU könnte das Mittel möglicherweise einige Wochen nach Moderna auf den Markt kommen.

Der Virologe Christian Drosten befürwortet eine schnelle EU-Zulassung für den Impfstoff von AstraZeneca. Dieser könne in normalen Arztpraxen geimpft werden, weil man nicht die besondere Kühlpflicht habe. Der Impfstoff von Biontech etwa muss bei minus 70 Grad gekühlt werden und stellt damit die Hersteller vor logistische Herausforderungen (mehr dazu lesen Sie hier ). Der Impfstoff von AstraZeneca hingegen ist nicht nur einfacher herzustellen, sondern kann weniger aufwendig bei Kühlschranktemperaturen gelagert werden.

Warum ist die EU-Kommission so vorgegangen?

Lange war unklar, welcher Impfstoff zuerst bereitstehen würde. Mit ihrer Bestell- und Einkaufsstrategie wollte die EU-Kommission das Risiko streuen. Im SPIEGEL-Gespräch äußerte sich Biontech-Chef Uğur Şahin kritisch über die europäische Bestellstrategie. »Es gab die Annahme, dass noch viele andere Firmen mit Impfstoffen kommen. Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle.«

Warum zu welchem Zeitpunkt welche Mengen bei bestimmten Firmen bestellt wurden, ist nicht transparent, die Verträge sind geheim. Aus Brüssel ist aber zu hören, Biontech und Moderna seien für einige EU-Staaten zunächst nicht erste Wahl gewesen, wegen der neuartigen Technologie und wegen der Preise.

Diese sollten eigentlich geheim bleiben, doch eine belgische Staatssekretärin gab kürzlich auf Twitter zeitweise Einblick: Demnach ist das Mittel von AstraZeneca mit Abstand am günstigsten: Nur 1,78 Euro kostet eine Dosis. Zum Vergleich: Der Impfstoff des US-Unternehmens Moderna würde umgerechnet rund 14,60 Euro pro Dosis kosten. Der US-Konzern Johnson & Johnson würde rund sieben Euro verlangen. Der Biontech/Pfizer-Impfstoff liegt demnach bei zwölf Euro pro Dosis. Die Tübinger Firma Curevac verlangt offenbar zehn Euro, die Franzosen von Sanofi 7,56 Euro.

Hat die EU auf die falschen Impfstoffe gesetzt?

Dieser Meinung ist etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Er kritisiert, die EU habe zu wenig Impfstoff bestellt und auf die falschen Hersteller gesetzt. Konkret meint er das Biontech-Präparat: »Es ist schwer zu erklären, dass ein sehr guter Impfstoff in Deutschland entwickelt, aber woanders schneller verimpft wird.« Die SPD kritisiert, die EU habe nur 60 Prozent der angebotenen Impfdosen von Biontech/Pfizer bestellt .

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert, Europa habe nur wenig von dem Moderna-Impfstoff gekauft. »Schon sehr früh war klar, dass der Moderna-Impfstoff sehr stark wirkt und in Hausarztpraxen verwendet werden könnte«, sagte Lauterbach der »Rheinischen Post«. Wegen der geringen Menge werde der Moderna-Impfstoff wohl keine große Rolle spielen.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides weist Kritik zurück. »Das Nadelöhr ist derzeit nicht die Zahl der Bestellungen, sondern der weltweite Engpass an Produktionskapazitäten.« Das gelte auch für Biontech. Tatsächlich sagte Biontech-Chef Şahin im SPIEGEL-Interview: »Aber es ist ja nicht so, als stünden überall in der Welt spezialisierte Fabriken ungenutzt herum, die von heute auf morgen Impfstoff in der nötigen Qualität herstellen könnten.« Erst Ende Januar werde klar sein, ob und wie viel zusätzlich produziert werden könne.

Auch der Virologe Christian Drosten ist zurückhaltend mit einer Bewertung des Vorgehens bei der Bestellung von Impfstoffen. »Das ist so eine komplexe Angelegenheit. Man musste den Impfstoff mit Monaten Vorlauf bestellen – und wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob der betreffende Impfstoff auch funktionieren würde«, sagte er der »Berliner Morgenpost«. »Es ist jetzt praktisch unmöglich, das im Nachhinein zu bewerten.«

Kann die EU noch mehr Impfstoff von Biontech bekommen?

Voraussichtlich ja. Man sei »in fortgeschrittenen Diskussionen« über zusätzliche Lieferungen, sagte Şahin – also mehr als die bestellten 300 Millionen Dosen. Man arbeite mit der EU am Ausbau der Produktionskapazitäten.

Wann wird genug Impfstoff für alle da sein, die sich impfen lassen wollen?

Rechnerisch reicht die von der EU bestellte Menge der drei Mittel von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca – insgesamt 860 Millionen Dosen – für alle erwarteten Impfungen in Europa: 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit jeweils zwei Spritzen. Sobald alle drei Präparate die EU-Zulassung haben, dürfte es mit dem Nachschub schneller gehen. Dennoch wird die Impfkampagne Monate dauern, weil nur in Etappen geliefert wird.

Allein in Deutschland werden mindestens 100 bis 120 Millionen Impfstoffdosen benötigt, denn bis auf eine Ausnahme müssen bei allen Produkten zwei Dosen pro Patient geimpft werden, damit der Impfstoff ausreichenden Schutz bietet.

Warum setzt Deutschland auf Beschaffung über die EU und kauft nicht selbst ein?

Gesundheitsminister Spahn betont, Deutschland habe bewusst den europäischen Weg gewählt. Ein Wettrennen der 27 Mitgliedsländer um den knappen Impfstoff hätte die Staatengemeinschaft vor eine Zerreißprobe gestellt. Deutschland hätte sich der Kritik stellen müssen, kleine und weniger wohlhabende Staaten auszubooten.

Hinzu kommt die Marktmacht der EU-Kommission. Sie dürfte deshalb gute Preise bekommen. Laut Medienberichten sollen die USA für die ersten 100 Millionen Dosen Biontech-Impfstoff 19,50 Dollar pro Stück bezahlt haben, umgerechnet rund 16 Euro. In der EU waren es den belgischen Informationen zufolge 12 Euro.

ulz/dpa