Wartelistenprojekt in Potsdam Wohin mit den Impfstoffresten?

Der letzte Impfling ist gegangen, aber die Ampulle noch halb voll: Wie lassen sich Restdosen der begehrten Coronaimpfstoffe fair verteilen? Potsdam erprobt eine digitale Warteliste.
Dosen des Coronaimpfstoffs von AstraZeneca

Dosen des Coronaimpfstoffs von AstraZeneca

Foto: Pedro Fiuza / ZUMA Wire / imago images

Wenn irgendwo in Deutschland am Ende eines Tages noch Dosen der begehrten Coronavakzinen übrig bleiben, stellt sich die Frage: Wer soll damit geimpft werden? Die zufällig vorbeilaufende Fußgängerin? Das Securitypersonal im Impfzentrum? Politiker?

Weggeworfener Impfstoff nutzt niemandem, das ist klar. Doch viel zu oft entscheidet der Zufall, in welchem Arm Restdosen der Coronavakzinen landen. Vielfach wissen die Mitarbeitenden der Impfzentren gar nicht, wer als Nächstes an der Reihe wäre – und wie sie diese Person erreichen könnten.

Die Stadt Potsdam testet nun eine digitale Warteliste, um dieses Dilemma zu lösen. Über die Liste können kurzfristig Impftermine vergeben werden. Darauf kommt nur, wer derzeit berechtigt ist, eine Impfung zu erhalten. »Dadurch können wir Willkür verhindern«, erzählt Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) dem SPIEGEL. Aktuell gehören dazu Menschen mit der Priorität 1 und Priorität 2.

Konkret sind das:

  • über 70-Jährige

  • Berufsgruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko

  • Menschen mit bestimmten Behinderungen oder Vorerkrankungen

  • Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen und Schwangeren (eine komplette Liste der Impfberechtigten finden Sie hier )

Spritze in 30 Minuten

Wann immer in Potsdam wider Erwarten Dosen übrig bleiben, bekommen die auf der Liste registrierten Impfwilligen einen Anruf. Innerhalb von 30 Minuten müssen sie anschließend vor Ort sein, sonst rückt die nächste Person auf der Warteliste vor.

Der Andrang sei riesig, sagt Schubert. Allein in den ersten vier Tagen hätten sich mehr als 2000 Menschen auf der Liste registriert. »Wir hatten schon Sorge, die Plattform könnte zusammenbrechen, aber bisher funktioniert alles«, so der Bürgermeister.

Wie sieht es im Rest der Republik aus? Bisher gibt es keine bundesweit einheitliche Regel, was mit übrig gebliebenen Impfstoffen passieren soll. »Sowohl Terminvereinbarung als auch Organisation und Durchführung der Schutzimpfungen liegen in der Zuständigkeit der jeweiligen Länder«, teilte das Bundesgesundheitsministerium auf SPIEGEL-Anfrage mit. Projekte zur Verteilung kurzfristig übrig gebliebener Impfstoffe würden aber grundsätzlich positiv bewertet.

Wie viele Dosen landen wirklich im Müll?

Weggeworfen werden Coronaimpfdosen in Deutschland so gut wie nie, ergab eine Umfrage der Deutschen Welle  unter den einzelnen Bundesländern. In Bayern landeten demnach seit Beginn der Impfkampagne gut 3000 Dosen im Müll, das entspricht nur 0,2 Prozent der Lieferungen. Allein tausend Dosen mussten vernichtet werden, weil die Kühlkette unterbrochen worden war. In Berlin wurden nur fünf Dosen entsorgt, weil der Stoff zu lange aufgezogen in Spritzen herumgelegen hatte. In Bremen musste bisher keine einzige Dosis weggeworfen werden.

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD)

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD)

Foto: Metodi Popow / imago images

Sollte mal Impfstoff übrig bleiben, weil Termine kurzfristig abgesagt werden, gelieferte Fläschchen mehr Dosen enthalten als geplant oder der Stoff sonst unbrauchbar wird, gilt in der Regel weiterhin die Priorisierung, zeigt eine weitere Umfrage des Evangelischen Pressediensts  unter den Bundesländern.

Die meisten Regionen behelfen sich damit, dann Menschen der Kategorie 2 zu impfen, zum Beispiel Risikoberufe, die schnell erreichbar sind. In Hamburg werden in solchen Fällen diensthabende Rettungssanitäter, Polizisten oder Feuerwehrleute geimpft.

In einer Situation, in der Debatten über Lockerungen für Geimpfte geführt werden, ist eine geordnete Vergabe aber nicht nur bürokratische Hürde. Immerhin können Geimpfte möglicherweise bald wieder reisen, feiern, bummeln gehen. Andere hätten das Nachsehen.

Impfdrängler, also Menschen, die eigentlich noch nicht dran sind  und sich trotzdem Zugang zu Impfstoffen verschaffen, bergen gesellschaftlichen Zündstoff. In Halle (an der Saale) durchsuchten Polizisten die Diensträume der Stadtverwaltung, nachdem der Oberbürgermeister der Stadt, Bernd Wiegand (parteilos), unerwartet geimpft worden war. Der Stadtrat hat Wiegand wegen des Skandals am Mittwoch die Dienstgeschäfte entzogen.

In Hamburg zwackte ein Arzt Impfstoff für seine schwer kranke Frau ab. Das Impfzentrum entließ ihn daraufhin. CDU und SPD wollen gegen Impfdrängler ein Bußgeld von bis zu 25.000 Euro verhängen.

Wer schnell reagiert, ergattert die Spritze

Mit einer Liste wie in Potsdam könne sich niemand vordrängeln, argumentiert Bürgermeister Schubert. Es bekommen weiterhin diejenigen Vorrang, die laut den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) zuerst geimpft werden sollten. Gefeit vor Betrug ist die Warteliste jedoch nicht. Jeder kann selbst bestätigen, zu der Gruppe zu gehören, die mit höchster und hoher Priorität immunisiert werden sollen. Ein Klick genügt.

Ein Problem sieht der Bürgermeister darin nicht. »In Deutschland machen wir uns ja immer sehr viel Gedanken, wer das System wie austricksen könnte – und wundern uns dann, dass alles viel, viel länger dauert«, sagt Schubert und schmunzelt. Betrüger hätten ohnehin keine Chance auf Erfolg. Vor Ort würden die Berechtigungen dann nämlich kontrolliert.

Eine gewisse Flexibilität aber gestattet sich das Modell in Potsdam: Wer schnell reagiert, ergattert die Spritze – eine Unterscheidung zwischen Impfberechtigten mit höchster und hoher Priorität gibt es nicht. Entscheidend ist dann, wer sich zuerst auf der Liste eingetragen hat. Ein 80-Jähriger mit höchster Priorität könnte also durchaus nach einem 30-jährigen werdenden Vater drankommen, der als Kontaktperson einer Schwangeren nur mit hoher Priorität geimpft werden soll.

»Irgendwie mussten wir ja die Reihenfolge festlegen«, sagt Schubert. Sich nach dem Zeitpunkt der Registrierung zu richten, sei am einfachsten. »Wenn wir noch nach der Priorisierung unterschieden hätten, wäre es deutlich aufwendiger«, so der Bürgermeister. »Es ist auch nicht so, dass die Menschen wochenlang auf einen Termin warten.«

Tatsächlich haben sich seit dem Start Mitte März mehr als 5400 Menschen in Potsdam auf der Warteliste eingetragen, fast 2500 von ihnen haben einen Impftermin bekommen. Eingesetzt wurden jedoch nicht nur zufällig übrig gebliebene Impfdosen. Über die Warteliste werden auch Impftermine an der Potsdamer Klinik Ernst von Bergmann vergeben, wo zusätzlich zum städtischen Impfzentrum die Vakzinen verabreicht wird.

Eine Frage des Datenschutzes

»Wir wissen meist eine Woche im Voraus, wie viel Impfstoff die Klinik bekommen wird. Die Termine dort sind deshalb nicht ganz so kurzfristig«, erklärt Schubert. Zuletzt konnten dort pro Woche zwischen 450 und 500 Menschen immunisiert werden.

Entwickelt hat die Impfliste der E-Health-Anbieter Samedi, der Lösungen für die Koordination von Arztterminen vertreibt. Das Unternehmen arbeitet auch mit dem Krankenhaus Ernst von Bergmann in Potsdam zusammen. Darüber kam der Kontakt zustande, erzählt Bürgermeister Schubert. Die Liste sei innerhalb weniger Tage startklar gewesen. »Allein hätten wir das in so kurzer Zeit niemals stemmen können«, so Schubert.

»Die Datenübertragung entspricht sowohl der Datenschutzgrundverordnung als auch der ärztlichen Schweigepflicht«, sagt Samedi-Gründerin Katrin Keller dem SPIEGEL. Alle Informationen werden verschlüsselt weitergeleitet, nur der Endnutzer – in dem Fall die Impfzentren oder Kliniken – können auf die Daten zugreifen. Für die Nutzung verlangt das Unternehmen eine monatliche Gebühr, hinzu kämen Kosten für die Konfiguration. Einen genauen Betrag will Keller nicht nennen, aber es gehe nicht um Zehntausende Euro.

Rhein-Kreis Neuss vergibt Restimpfstoff per SMS

Im Moment, so hieß es aus mehreren Bundesländern, bleibt nur selten Impfstoff übrig. Das könnte sich aber in den kommenden Wochen ändern, wenn deutlich mehr Dosen in Deutschland eintreffen und auch immer mehr Hausärzte impfen. Wenn bei ihnen etwas übrig bleibt, könnten auch sie auf die Warteliste zugreifen, sagt Potsdams Bürgermeister Schubert. »Wir können das nur anbieten. Ob die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte das auch nutzen wollen, müssen sie selbst entscheiden.« Laut Samedi-Gründerin Keller bräuchten Arztpraxen nur einen Internetanschluss.

Andere Regionen arbeiten an ähnlichen Systemen. Der Rhein-Kreis Neuss vergibt Restimpfstoff per SMS. Für jede verfügbare Dosis bekommen drei registrierte Impfwillige eine Nachricht aufs Handy. Wer als Erstes mit Ja antwortet, bekommt den Stoff. Hat nach 30 Minuten keiner der drei Angeschriebenen geantwortet, dreht sich das Impf-Glücksrad erneut – die nächsten drei bekommen eine SMS. Das System »Impfbrücke« eines Kölner Start-ups wurde zuvor in Duisburg getestet.

»Ich will nicht sagen, wir hätten den Stein der Weisen erfunden«, sagt Schubert über die digitale Warteliste in Potsdam. »Aber: Es ist ein verdammt gutes Gefühl, wenn man zumindest hinter das Problem einen Haken setzen kann.«

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