Vierte Impfung Zu früher zweiter Booster könnte bei jüngeren Menschen kontraproduktiv sein

Jetzt schon die vierte Spritze oder lieber auf den Omikron-Impfstoff warten? Experten raten jungen Menschen, sich erst im Herbst zum zweiten Mal zu boostern. Bei Älteren sieht es anders aus.
Vierte Impfdosis ja oder nein? Fachleute halten sie für die meisten Menschen derzeit eher nicht für sinnvoll (Symbolbild)

Vierte Impfdosis ja oder nein? Fachleute halten sie für die meisten Menschen derzeit eher nicht für sinnvoll (Symbolbild)

Foto: Kirchner-Media / IMAGO

In der Debatte über eine Ausweitung der Empfehlung zu Corona-Viertimpfungen zeigen sich Fachleute weiter sehr skeptisch. Einen kompletten Schutz vor einer Infektion durch wiederholtes Boostern erreichen zu wollen, sei kein realistisches Ziel, sagte Christoph Neumann-Haefelin, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Virusimmunologie am Universitätsklinikum Freiburg in einer Videoschalte des »Science Media Centers«.

»Das Ziel der Boosterimpfung muss sein, die verschiedenen Personengruppen vor wirklich schweren Infektionsverläufen zu schützen«, so Neumann-Haefelin. Bei Gesunden ohne Immunproblem halte eine relativ robuste T-Zell-Antwort bereits nach der zweiten Impfstoffdosis fast ein Jahr an, sagte er. Die erste Auffrischimpfung erhöhe vorübergehend noch einmal den Schutz, auch durch gesteigerte Antikörperspiegel, und trage zu dessen Dauer bei.

Sogenannte neutralisierende Antikörper können – wenn ausreichend vorhanden – eine Infektion unterbinden, sie sind quasi die erste Abwehrlinie im Körper. Allerdings sinken die Antikörpertiter bereits in den ersten Wochen nach der Impfung wieder. Für einen kompletten Schutz gegen eine Omikron-Infektion reichen die Antikörper nach zweimaliger Impfung daher nicht aus. Auch deshalb war die Boosterkampagne in Deutschland ausgeweitet worden.

Doch selbst wenn man sich infiziert hat, ist das nicht mit einem Versagen der Impfung gleichzusetzen. Denn durch die Impfung werden nicht nur Antikörper, sondern auch T-Zellen stimuliert: Sie können zwar keine Infektion verhindern, sind jedoch wichtig für den Schutz vor schweren Verläufen. »T-Zellen können eine Infektion verkürzen und sorgen für einen milderen Verlauf«, so Neumann-Haefelin. »Der Schutz durch die T-Zellen ist zudem deutlich langwieriger als der Schutz durch die Antikörper.«

Man habe inzwischen beobachtet, dass eine vierte Impfung bei jungen, gesunden Menschen keinen großen Nutzen habe. Die Antikörperspiegel stiegen nur für einige Wochen und flauten dann wieder ab. Für einen langfristigen Schutz vor einer Infektion reiche das nicht aus.

Antikörper werden im Laufe der Zeit besser

Das Abfallen der Antikörperspiegel nach einer Infektion oder Impfung sei »ein ganz normaler Vorgang«, sagte auch der wissenschaftliche Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin, Andreas Radbruch. Was in der Diskussion oft zu kurz komme: Es sei dann zwar weniger Masse vorhanden, aber die Qualität der Antikörper nehme zu – »und zwar ganz drastisch«. Dieser sehr wichtige Prozess, die sogenannte Affinitätsreifung, dauere etwa ein halbes Jahr und könne nicht abgekürzt werden: Wer nun einen zweiten Booster in Erwägung ziehe, könne vor diesem Hintergrund »gut warten bis zum Herbst«, um diesen Prozess nicht zu unterbrechen. »Wer den Prozess unterbricht, hat zwar mehr Antikörper, aber schlechtere«, so Radbruch.

Das alles treffe für gesunde Immunsysteme zu, so Neumann-Haefelin. Menschen, die ein geschwächtes Immunsystem haben, wie etwa Ältere oder Menschen mit bestimmten Erkrankungen wie etwa Krebs, reagierten deutlich langsamer auf die Impfungen. »Da haben viele erst nach der dritten oder gar vierten Impfung eine ähnliche Immunfunktion wie Gesunde bereits nach der zweiten Impfung«, sagte er. »Also für diese Patientengruppe ist es richtig und wichtig, schon früher eine vierte Impfung zu erhalten.« Auch Neumann-Haefelin geht davon aus, dass man sich mit einem zweiten Booster für junge, gesunde Menschen noch bis Herbst Zeit lassen könne, da der Impfschutz lange anhalten dürfte.

Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, sagte zu Befürchtungen vor womöglich künftigen Virusvarianten, die den Impfschutz unterlaufen, dass das Spikeprotein von Sars-CoV-2 seit Wuhan in seinem unteren Bereich sehr konstant geblieben sei. Stärkere Veränderungen, die etwa für T-Zellen nicht mehr erkennbar sein könnten, bezeichnete sie als sehr unwahrscheinlich.

Generell könnten die Immunantworten von Menschen auf die Impfung individuell sehr unterschiedlich ausfallen, sagte Falk. Aus rein immunologischer Perspektive könne man sagen: Menschen mit gesundem Immunsystem unter 70 Jahren erzeugen eine sehr gute, nachhaltige, schützende Immunantwort vor einem schwerem Verlauf. »Das ist ja auch der Anspruch, den wir an die Impfung hatten.«

Die Wissenschaftler betonten, dass es nach wie vor keinen Konsens darüber gebe, bei welchen Werten, etwa von Antikörpern im Blut, ein Mensch vor einer Coronainfektion geschützt ist. Antikörperspiegel im Blut sagten zudem nichts über den Schutz im Nasen-Rachenraum aus.

Omikron-Impfstoff oder herkömmlicher Booster?

Bei der Frage, ob es besser sei, sich mit einem der derzeit auf dem Markt befindlichen Impfstoffe zum vierten Mal impfen zu lassen oder auf einen angepassten Omikron-Impfstoff zu warten, hatten die Experten keine klare Antwort. »Das ist schwer zu sagen, weil wir aktuell nicht wissen, welche Virusvariante im Herbst noch einmal hochkommt«, sagte Neumann-Haefelin. Auch bei dieser Frage könne man entspannt herangehen und bis Herbst warten: »Dann können wir schauen, welcher Impfstoff bis dahin verfügbar ist und welchen man dann am besten einsetzt«, sagte er.

In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) einen zweiten Booster derzeit nur für Menschen ab 70 und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte sich kürzlich in Brüssel für eine vierte Impfung für alle ab 60 Jahren eingesetzt. Die EU-Arzneimittelbehörde Ema hatte Anfang April erklärt, dass eine vierte Dosis für alle Bürger derzeit nicht notwendig sei: Es könne aber für Menschen ab 80 Jahren angesichts des höheren Risikos einer schweren Covid-Erkrankung sinnvoll sein.

kry/dpa