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Rafaela von Bredow

Covid-19 Wie Donald Trump die Chance auf einen Corona-Impfstoff verspielt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit Anfang März hatten wir versucht, mit dem Mann einen Termin zu bekommen, aber zurzeit gibt es wenige Menschen auf der Welt, die so viel zu tun haben wie er: Dr. Anthony Fauci, Donald Trumps wichtigster Seuchenberater. Vergangene Woche war es dann so weit, meine Kollegin Veronika Hackenbroch und ich konnten mit Fauci ein SPIEGEL-Gespräch via Zoom-Konferenz führen. 

Bei der Vorbereitung zu diesem Termin stieß ich auf einen Artikel auf der amerikanischen Satireseite "The Onion", dessen Überschrift mich wider Willen erheiterte: "Regierung Trump platziert 137.000 Leichen in Faucis Bett, um ihm die Coronavirus-Tode anzuhängen". Klar, Witze mit Toten überschreiten Geschmacksgrenzen, aber wie sonst lässt sich satirisch umgehen mit einem Präsidenten, der öffentlich gegen seinen obersten Seuchenexperten Fauci gestänkert, den Kontakt mit ihm abgebrochen und eine Rufmordkampagne gegen ihn losgetreten hat? Der 79-jährige Wissenschaftler, der das National Institute of Allergy and Infectious Diseases leitet, hatte es gewagt, den laxen und gefährlichen Umgang mit der Corona-Pandemie in den USA zu kritisieren.

Inzwischen lässt sich der Konflikt zwischen den beiden Männern als Teil eines größeren Dramas sehen, das sich derzeit in den USA abspielt - und Folgen für die Welt haben könnte: die Politisierung der Seuche. 

Auf der einen Seite steht der abwägende Wissenschaftler Fauci, der sich dem Kampf gegen die Pandemie verschrieben hat. Auf der anderen Seite: der emotionale Machtmensch Donald Trump, der von Wissenschaft rein gar nichts versteht, das hat er immer wieder eindrücklich bewiesen. Und wer seine bizarren Ideen zur Virusabwehr (Desinfektionsmittel injizieren, UV-Licht im Körper) schon gefährlich findet, den muss vollends das Entsetzen schütteln, wenn er von Trumps neuesten Plänen erfährt: einen unzureichend getesteten Impfstoff im Eilverfahren zuzulassen – noch vor den Wahlen im November. 

Die Generalprobe dazu hat der US-Präsident aufgeführt, als er die Arzneimittelbehörde FDA massiv unter Druck setzte; am vergangenen Sonntag dann genehmigte diese das Blutplasma von genesenen Covid-19-Patienten als Notfallmedikation. Trump feierte dies als Durchbruch. Aber es ist keiner – gute wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Blutplasma fehlt.  Der offenbar willfährige FDA-Chef, Stephen Hahn, hatte eine Zahl, die für einen minimalen Bruchteil von Patienten galt – 35 Prozent Überlebende –  unzulässig verallgemeinert, also mehr oder weniger zusammen fabuliert. 

Trump, Fauci

Trump, Fauci

Foto: Drew Angerer/ Getty Images

Einen Impfstoff frühzeitig unter die Leute zu bringen, wäre ein noch viel größerer Coup: Trump könnte sich dem Wahlvolk als Heilsbringer präsentieren. Mit ähnlichen Zahlenspielen wie beim Blutplasma ließe sich die Vakzine als Zaubermittel verkaufen, das dem Virus Einhalt geböte, der Seuche den Schrecken nähme; es ließe sich das Ende des Sterbens verkünden, das Aufblühen der Wirtschaft prophezeien, die Rückkehr des Landes in den Normalzustand.

Dass Trump wohl genau dies plant, enthüllte am Wochenende die "Financial Times"; konkret soll es gehen um die Eilzulassung für den Impfstoff der University of Oxford und des Herstellers AstraZeneca.

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Und noch etwas kündet von Trumps Absichten: dass er nach der monatelangen Funkstille vor zwei Wochen wieder mit Anthony Fauci Kontakt aufgenommen - und ihn gefragt hat, ob sich nicht doch früher als zum Jahresende Gewissheit über die Eignung der Impfstoffkandidaten erlangen lasse. Fauci erklärte uns diese Woche auf Nachfrage, er habe dies im Gespräch mit Trump als "unwahrscheinlich" dargestellt und gewarnt, "dass ein Sars-CoV-2-Impfstoff nur dann zur Verfügung gestellt werden sollte, wenn er sich in einer randomisierten, kontrollierten Studie als sicher und wirksam erwiesen hat".

Am Montag, nach dem "Financial Times"-Artikel, hatte Fauci seine Warnung in aller Öffentlichkeit wiederholt und sich damit, mal wieder, gegen Trump gestellt: "Das Einzige, was Sie bei einem Impfstoff nicht sehen möchten, ist eine Notfallzulassung, bevor Sie Belege für die Wirksamkeit haben", sagte der Wissenschaftler.

Ein Hopplahopp-Impfstoff, der versagt oder gefährliche Nebenwirkungen hat, würde Menschen schaden und so Impfgegnern auf der ganzen Welt in die Hände spielen. Eine voreilige Zulassung könnte die Entwicklung weiterer, womöglich besserer Kandidaten stoppen – es dürfte dann keine Probanden mehr geben, die diese testen wollen. Behörden für den Wahlkampf zu instrumentalisieren, wie es Trump offenbar mit der FDA gelungen ist, lässt das Vertrauen in diese Institutionen zerbröseln. 

Die Politisierung  ist der Tod der Wissenschaft. Und ohne gute Wissenschaft wird es keinen guten Impfstoff geben. Sollte Trump also angesichts der schlimmsten Pandemie seit 102 Jahren die Chance verspielen, einen sicheren und wirksamen Impfstoff zu finden, riskiert er Menschenleben, sehr viele Menschenleben. 

Deren Leichen liegen dann aber allesamt bei ihm, im Weißen Haus.

Unser SPIEGEL-Gespräch mit Anthony Fauci im englischen Original finden Sie übrigens hier .

Mit herzlichen Grüßen,

Ihre 

Rafaela v. Bredow

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Unsere Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Auf den Covid-Stationen der Krankenhäuser hat sich die Lage entspannt, auch die Todeszahlen stagnieren. Gleichzeitig nehmen die Infektionen in Deutschland zu. Kollege Holger Dambeck beschreibt das deutsche Corona-Paradox.

  • Wer sich hinter der Bühne einsingt, singt auf der Bühne schöner. Bei Vögeln ist das nicht anders .

  • Kolibris fliegen durch Wasserfälle. Wie das geht? Mit dem richtigen Tanz .

  • Wie ist es, in einem anderen Körper zu sein? Schwedische Forscher haben es ausprobiert .

  • Entwickelt die U.S. Air Force einen Überschallgleiter, der Atomwaffen von Kontinent zu Kontinent tragen könnte? Ein Dokument, das kurz im Internet zu finden war und dann wieder verschwand, legt dies nah .

  • Alexej Nawalny wurde vergiftet, doch mit welcher Substanz genau? Der Chemiker Marc-Michael Blum erklärt, wie sich verräterische Molekülreste im Körper finden lassen. 

  • Nein, es wird kein Asteroid vor der US-Wahl in die Erde krachen (Wahrscheinlichkeit: 0,0041 ). Die Kollegen von "The Verge" sind enttäuscht .

  • In Japan startet die Delfinjagdsaison, für Tier- und Artenschützer kein Grund zum Feiern . Immerhin, die Zahl der gejagten Delfine und Kleinwale geht stetig zurück, in den letzten 18 Jahren um 93 Prozent, berichtet die Organisation Pro Wildlife.

  • Ein Team der University of Arizona hat die globale Durchschnittstemperatur der letzten Eiszeit abgeschätzt . Sie lag demnach bei etwa acht Grad Celsius (heute: 14 Grad)

  • Verrückt? Forscher wollen im kommenden Jahr 750 Millionen  genetisch veränderte Mücken in den Florida Keys freisetzen, um Gelb- und Denguefieber zu bekämpfen.

  • Und zum Schluss zwei Veranstaltungstipps: An diesem Wochenende ist Internationale Fledermausnacht. Hier  lässt sich nachsehen, wo sich die wendigen Insektenjäger auf zahlreichen Veranstaltungen in ganz Deutschland erleben lassen.
    Über Grüne Stadtutopien unterhält sich Kollege Markus Deggerich am Dienstag mit dem Präsidenten des Umweltbundesamtes, Dirk Messner. Das SPIEGEL-Gespräch startet um 19:30 in der Urania in Berlin .

Quiz*

1. Ab welcher Windgeschwindigkeit wird ein tropischer Sturm Hurrikan genannt?

2. Wo sind die Winde und Regenfälle eines Hurrikans am stärksten?

3. Gibt es Hurrikane auch auf anderen Planeten unseres Sonnensystems?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

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Wie ein Spalt zur Hölle wirkt der brennende Bergkamm in der argentinischen Provinz Córdoba. Trockenes und ­windiges Wetter facht die Brände in Zentral- und Nordargentinien an. Die Luftverschmutzung liegt in manchen ­Regionen bis zu sechsmal höher als normal. Allein im Naturparadies um den Fluss Paraná haben Experten seit Januar 25.000 Feuer gezählt. Viele davon sollen illegal von Ranchern gelegt worden sein, die das Land nutzen wollen.

Fußnote  

93 Prozent der Hundebesitzer sogenannter Qualzuchten wie Französische und Eng­lische Bulldogge oder Mops würden sich wieder für ­dieselbe Rasse entscheiden, obwohl sie bei ihren Haustieren schwere Gesund­heitsprobleme beobachtet haben, berichten britische Forscher. Die flachgesichtigen Rassen leiden oft unter Atembeschwerden oder Augen­geschwüren. Weil sie schlechter Wärme abgeben können, sind Hitzschläge häufiger. Trotzdem sind zum Beispiel Französische Bull­doggen auch in Deutschland durchaus beliebt.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. Ab 119 Kilometern pro Stunde (64 Knoten).
2. In der Wolkenwand, die das Auge des Sturms begrenzt.
3. Auf dem Jupiter haben Forscher einen Hurrikan entdeckt. Mit dem Teleskop lässt er sich als roter Fleck erkennen. Der Hurrikan ist größer als die Erde und stürmt seit mehr als 300 Jahren. Mehr Hurrikanfakten gibt es hier .

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