Wieder mehr Corona-Neuinfizierte Was hinter dem jüngsten Anstieg steckt

Lange schien die Pandemie in Deutschland unter Kontrolle, doch nun steigen die Fallzahlen flächendeckend. Welche Gebiete besonders betroffen sind, was für eine zweite Welle spricht - und was dagegen.
Corona-Teststation in Mamming, Bayern: 174 Erntehelfer haben sich auf einem örtlichen Gemüsehof infiziert

Corona-Teststation in Mamming, Bayern: 174 Erntehelfer haben sich auf einem örtlichen Gemüsehof infiziert

Foto: Armin Weigel/ dpa

Wie viel Freiheit ist zu viel? In den vergangenen Wochen hat sich die Bundesrepublik in einen neuen Corona-Alltag vorgetastet; Restaurants, Hotels, Kitas sind wieder geöffnet, nach den Sommerferien sollen möglichst alle Kinder zurück in die Schule. Trotz der allmählichen Lockerungen blieben die Fallzahlen niedriger, als Experten erwartet hatten. Doch nun scheint es mit der heilen Corona-Welt vorbei zu sein. Die Fallzahlen steigen erneut - und zwar quer durch Deutschland.

In den vergangenen sieben Tagen sind beim Robert Koch-Institut (RKI) 3786 neue Corona-Meldungen aus den Gesundheitsämtern bundesweit eingegangen. Das war ein Drittel mehr als in der Woche davor, als 2860 neue Meldungen das RKI erreichten. Allein am vergangenen Donnerstag kamen 815 neue Fälle hinzu. Vergleichbare Tageswerte gab es zuletzt während des Corona-Ausbruchs beim Fleischkonzern Tönnies Mitte Juni.

RKI: "Diese Entwicklung ist sehr beunruhigend"

Im Gegensatz zum Ausbruch vor wenigen Wochen gibt es diesmal aber keinen lokalen Hotspot, der allein den Anstieg erklären würde. "Diese Entwicklung ist sehr beunruhigend", teilte das Robert Koch-Institut mit. Eine weitere Verschärfung der Situation müsse unbedingt vermieden werden. Steht Deutschland nun vor der zweiten Welle, vor der seit Wochen immer wieder gewarnt wird ?

Bisher gibt es keine eindeutige Definition, was eine zweite Welle überhaupt ist. Im Fall der Coronakrise meint dieser Begriff meist ein erneutes exponentielles Ansteigen der Fallzahlen. Bei einem solchen neuerlichen Anstieg gäbe es einen entscheidenden Unterschied zum Ausbruch in der ersten Jahreshälfte: Diesmal würde das Wachstum nicht von wenigen Menschen oder Orten ausgehen wie beim ersten Auftreten des Coronavirus, sondern von vielen Punkten in ganz Deutschland. Experten rechnen deshalb damit, dass eine zweite Welle noch schwerwiegender ausfallen wird als die erste.

Aktuell gibt es mit dem bayerischen Dingolfing-Landau einen Landkreis, der den Grenzwert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen nicht einhalten konnte. Dort hatte sich das Virus unter Erntehelfern ausgebreitet. Die Region ist aber nicht allein für den bundesweiten Anstieg in den vergangenen Tagen verantwortlich. Auch im bayerischen Landkreis Hof ist es zu mehreren Ausbrüchen gekommen. Treiber sind laut RKI vor allem eine Familienfeier, zu der auch Menschen aus anderen Bundesländern angereist waren, sowie Ansteckungen innerhalb einer Großfamilie. Die Rückverfolgung läuft noch. Das RKI rechnet deshalb damit, dass die Fallzahlen noch steigen werden.

Neben Bayern (+58 Prozent) gab es jüngst auch in Baden-Württemberg (+45 Prozent) eine überdurchschnittliche Zunahme an Neuinfektionen. In bevölkerungsreichen Bundesländern bedeutet so eine relative Zunahme auch in absoluten Zahlen einen spürbaren Anstieg der Neuinfektionen in dreistelliger Höhe.

Nordrhein-Westfalen liegt mit einem Plus von 27 Prozent zwar knapp unter dem Bundesschnitt. Bei knapp 18 Millionen Einwohnern kommen aber auch hier rund 300 zusätzliche Neuinfektionen zusammen.

In Bundesländern mit wenigen Einwohnern, wie Mecklenburg-Vorpommern, verhält es sich andersrum: Die Zahl der Neuinfektionen stieg von zwei in der vorvergangenen Woche auf 37 in den vergangenen sieben Tagen. Das entspricht einem Plus von 1750 Prozent, in absoluten Zahlen sind es aber nur 35 zusätzliche Fälle. Die Stadtstaaten Berlin und Hamburg zahlen da stärker auf die bundesweite Zunahme ein.

Die Zahl der Kreise, die in den vergangenen sieben Tagen überhaupt keinen Fall gemeldet haben, ist kontinuierlich zurückgegangen. Aktuell verzeichneten nur noch 87 Kreise keine Infektionen. Am 14. Juni waren es noch fast doppelt so viele.

Um besser nachvollziehen zu können, wie sich die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland über die Zeit entwickelt hat, bereitet das RKI die Daten statistisch auf. Denn neu eingegangene Meldungen betreffen nicht nur den jüngsten Tag, sondern enthalten auch immer wieder Nachmeldungen von Altfällen, in denen sich Personen zum Teil vor mehreren Wochen angesteckt haben. Um solche Meldeverzüge und Tagesschwankungen auszugleichen, berechnet das RKI die Zahl neuer Fälle nach tatsächlichem Krankheitsbeginn.

Demnach liegt die Zahl der bundesweiten Neuinfektionen seit Mitte Juli bei rund 500 und mehr pro Tag, zuletzt stieg sie auf 600. Die Berechnung endet aktuell am 23. Juli, weil dem RKI für die jüngeren Tage noch nicht genug Meldungen für eine Berechnung vorliegen.

Mehr Tests liefern auch mehr positive Ergebnisse

Allerdings kann auch die Teststrategie beeinflussen, wie viele Corona-Fälle überhaupt erkannt werden und dadurch in die offizielle Statistik einfließen. Tatsächlich wurde in Deutschland zuletzt mehr getestet. So führten Labors bundesweit in der vergangenen Woche mindestens 530.000 Tests durch, in den zwei Wochen zuvor waren es noch jeweils etwa 500.000. Der Anteil der positiven Ergebnisse hat sich dagegen nicht verändert. Nur etwa 0,6 Prozent der durchgeführten Tests fallen positiv aus.

Das spricht dafür, dass ein Teil der gestiegenen Neuinfektionen auf die höhere Testzahl zurückzuführen ist. Wenn sich in den kommenden Wochen Tausende Urlaubsrückkehrer auf das Coronavirus testen lassen  - ob nun freiwillig oder nicht - wird die Zahl der bekannten Infektionen wahrscheinlich weiter steigen.

Erste Modellrechnungen  des Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation gehen nicht von einem rasanten Anstieg innerhalb der kommenden Tage aus. Wie genau sich die Pandemie weiter ausbreiten wird, lässt sich jedoch nur schwer vorhersagen. Dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle. Einige epidemiologische Modelle gehen beispielsweise davon aus, dass sich das Virus ungebremst in der Bevölkerung ausbreitet, wenn es keine Beschränkungen gibt.

Dabei hemmen nicht nur verordnete Einschränkungen die Verbreitung des Virus, sondern auch das Wissen über die Pandemie. Untersuchungen zeigen, dass die Fallzahlen in Deutschland schon heruntergingen, bevor Kontaktbeschränkungen beschlossen wurden, weil die Menschen von sich aus zu Hause blieben. Ob das allein auch jetzt reichen wird, um die Fallzahlen niedrig zu halten, muss sich zeigen. Ende März waren die bekannten Infektionen ähnlich hoch wie im Moment und stiegen binnen weniger Wochen auf etwa 6000 Neuinfektionen pro Tag. Laut RKI erklären mehrere, kleinere Geschehen den aktuellen Anstieg, dazu gehören neben Reiserückkehrern auch Ausbrüche nach Familienfeiern, Freizeitaktivitäten oder am Arbeitsplatz.

"Zweite Welle völlig falsches Bild"

Einige Experten halten deshalb wenig davon, vor einer zweiten Welle zu warnen. "Der Begriff vermittelt ein völlig falsches Bild", sagt Gerd Antes, Honorarprofessor der Medizinischen Fakultät an der Universität Freiburg, dem SPIEGEL. Eine zweite Welle suggeriere einen völlig neuen Vorgang, der von einem bestimmten Punkt angestoßen wird. Doch genau das sei falsch. "Das Virus ist ja nicht verschwunden, die Infektionsketten schwelen weiter. An jeder roten Fußgängerampel kann es zu sporadischen Übertragungen kommen", so Antes.

Zuletzt wurden deutlich mehr junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren positiv auf das Coronavirus getestet. Auch der Anteil der 35- bis 59-Jährigen ist gestiegen. Dass sich Menschen dieser Altersgruppe besonders häufig infizieren, ist nicht überraschend. Sie sind meist mobiler, müssen zur Arbeit fahren, haben mehr soziale Kontakte. Ob sie tatsächlich Treiber der Pandemie sind oder sich nur häufiger testen lassen, ist jedoch unklar. Entscheidend wird deshalb in den kommenden Wochen sein, ob auch mehr schwer erkrankte Covid-19 Patienten in die Klinik müssen und dem Gesundheitssystem der Kollaps droht.

In den Krankenhäusern zeigt sich bisher kein deutlicher Anstieg bei den schwer erkrankten Corona-Patienten . Aktuell sind etwa ein Drittel der gut 33.000 Intensivbetten frei, auch die Anzahl der Covid-19-Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, stagniert seit einigen Wochen bei etwa 260 Patienten pro Tag. Die Zahl der dokumentierten Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 ist ebenfalls nicht gestiegen. Zuletzt lag sie bei etwa 26 dokumentierten Todesfällen pro Woche.

Weil zwischen Infektion, Krankheitsausbruch und im schlimmsten Fall dem Tod jedoch mehrere Tage vergehen, hinkt die Krankenhausstatistik den Meldezahlen hinterher. "Corona kommt schleichend zurück, leider aber mit aller Macht", warnt Ministerpräsident Markus Söder. Unvernunft, mangelnde Vorsicht und zum Teil bewusste Verstöße gegen Hygienekonzepte und Regeln seien das Problem, so der CSU-Politiker. "Corona verzeiht keinen Leichtsinn."

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