Klinikkapazitäten in der Coronakrise Intensivbett-Register warnt vor "falscher Sicherheit"

Bei der Versorgung von Corona-Patienten auf Intensivstationen mangelt es an Personal. Das Intensivbett-Register fürchtet deshalb Engpässe. Saarlands Ministerpräsident Hans zufolge ist die Lage bereits alarmierend.
Pflege eines Corona-Patienten auf einer Intensivstation der Uniklinik Essen: Fünf Krankenpflegekräfte für nur einen beatmeten Covid-19-Patienten

Pflege eines Corona-Patienten auf einer Intensivstation der Uniklinik Essen: Fünf Krankenpflegekräfte für nur einen beatmeten Covid-19-Patienten

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Fabian Strauch / dpa

In Deutschland gibt es nach Auffassung der zentralen Registerstelle für Intensivbetten weniger freie und einsatzbereite Intensivplätze in Krankenhäusern als angenommen. "Bundesweit melden Kliniken freie Betten als verfügbar an, obwohl einige wegen des Personalmangels gar nicht genutzt werden können", sagte der Sprecher der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Christian Karagiannidis, der "Welt am Sonntag ". Und: "Wir wiegen uns bei der Zahl der freien Intensivbetten in falscher Sicherheit."

Die Divi und das Robert Koch-Institut (RKI) betreiben das Register , das täglich aktuell die bundesweit freien Intensivbetten anzeigt. Damit soll auch eine Verlegung aus stark ausgelasteten Kliniken in Häuser mit Kapazitäten ermöglicht werden. Die Bettenkapazität allein ist jedoch nicht entscheidend: Ein beatmeter Covid-19-Patient braucht allein bis zu fünf Krankenpflegerinnen oder -pfleger. An ihnen fehlt es besonders .

Divi mahnt Kliniken zu Ehrlichkeit

Karagiannidis rief alle Kliniken auf, "ganz ehrlich" ihre freien Betten zu melden. "Die Zahl ist Grundlage für politische Entscheidungen", mahnte er. "Einigen Geschäftsführern ist nicht klar, welche große gesellschaftliche Verantwortung sie mit dieser Meldung tragen." Die Divi vertritt mehr als 3000 Intensivmediziner und Pfleger, die derzeit auf Intensivstationen arbeiten.

In den vergangenen zwei bis drei Wochen seien bei seiner Organisation immer mehr Rückmeldungen von Notärzten quer durch Deutschland eingetroffen, die sagten: "Ich habe Schwierigkeiten, meine Patienten in Kliniken unterzubringen, obwohl uns das Register in der Region Dutzende freie Betten anzeigt." Daraufhin seien die Meldungen stichprobenartig in einzelnen Kliniken überprüft worden.

Auch der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans befürchtet bereits, dass die Intensivkapazitäten in deutschen Krankenhäusern während der Corona-Pandemie nicht ausreichen. "Die Situation ist erschreckend und alarmierend: Schon bald kann es zu einem Kollaps in vielen der 1900 Krankenhäuser in Deutschland kommen", sagte der CDU-Politiker der "Bild am Sonntag".

Gerade jetzt, wo in der zweiten Corona-Welle jeder Intensiv- und Beatmungsplatz dringend benötigt werde, würden Kliniken aus der Versorgung fallen, Stationen geschlossen und Notaufnahmen abgemeldet. "Grund ist fehlendes oder erkranktes Pflegepersonal."

Politik will bessere Verteilung per "Kleeblattprinzip"

Die Kliniken bräuchten dringend Unterstützung, sagte Hans. "Neben dem Personalengpass droht den Krankenhäusern der finanzielle Kollaps." Deshalb sollten jetzt wieder wie zu Beginn der Pandemie Freihaltepauschalen gezahlt werden, "damit die Kliniken in den nächsten Wochen und Monaten finanziell abgesichert sind". Außerdem müsse der Bund ein "neues und starkes Pflegestellenförderprogramm" initiieren.

Um in Deutschland einen möglichen Engpass von Klinikkapazitäten möglichst lange herauszuzögern, arbeiten Bund und Länder aktuell an einem neuen Konzept. Es setzt auf das sogenannte "Kleeblattprinzip". Demnach sollen Intensivpatienten bei knappen Kapazitäten nach einem bestimmten Verteilungsprinzip zwischen den Bundesländern verteilt werden – trotz potenziell langer Transportwege. Hierzu soll Deutschland in fünf Regionen aufgeteilt werden, in denen der Patiententransport zentral organisiert werden soll.

In den vergangenen Tagen hatten bereits die ersten deutschen Kliniken Alarm geschlagen und vor einer baldigen Überlastung gewarnt. Mit neuen Kontaktverboten und Schließungen ganzer Branchen versucht die Politik, die Ansteckungszahlen im November doch noch in den Griff zu bekommen .

apr/AFP