Antikörperstudie Viermal mehr Münchner infiziert als bekannt

Weil viele Menschen kaum etwas von ihrer Corona-Infektion bemerken, bleiben Fälle unentdeckt. Eine Studie beziffert nun die Dunkelziffer für München während der ersten Infektionswelle.
Auch wenn die Dunkelziffer hoch ist – von Herdenimmunität ist München weit entfernt

Auch wenn die Dunkelziffer hoch ist – von Herdenimmunität ist München weit entfernt

Foto: Matthias Balk / dpa

Laut einer aktuellen Studie  haben sich bis Juni viermal mehr Menschen in München mit dem Coronavirus infiziert als erfasst wurden. Das ist das Ergebnis einer groß angelegten Antikörperstudie des Tropeninstituts am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, an der mehr als 5300 Münchner über 14 Jahren teilgenommen hatten.

Die Studie ist für München repräsentativ und kann zumindest einen Eindruck geben, wie sich das Virus in anderen deutschen Großstädten ausgebreitet haben könnte. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • Bis Juni haben sich laut der Analyse etwa zwei Prozent der Münchner mit dem Coronavirus infiziert – deutlich mehr als bekannt. Offiziell lag der Anteil der gemeldeten Fälle nur bei 0,4 Prozent der Münchner Bevölkerung. Das heißt, nur etwa einer von fünf Fällen wurde demnach erfasst.

  • Trotz der hohen Dunkelziffer zeigt die Studie auch: Bisher hat sich nur ein Bruchteil der Münchner angesteckt. Mit zwei Prozent ist Bayerns Hauptstadt – wie sehr wahrscheinlich auch der Rest Deutschlands - noch weit von einer Herdenimmunität entfernt, ab der die Pandemie von selbst abebben würde.  

  • Anhand der erhobenen Daten schätzen die Forscher die Infektionssterblichkeit für München auf 0,76 Prozent. Das heißt, im Schnitt sterben 76 von 10.000 Menschen, die sich mit dem Virus infiziert haben. Der Wert liegt um ein Vielfaches höher als bei der saisonalen Grippe. Die geschätzte Infektionssterblichkeit für die Grippe schwankt zwischen 0,02 und 0,08 Prozent.

Antikörper entstehen , wenn das Immunsystem in Kontakt mit einem Krankheitserreger kommt, und bleiben auch anschließend im Blut nachweisbar. Im Fall des Coronavirus lassen sich spezifische Antikörper ab zwei bis sechs Wochen nach der Infektion messen. Laut ersten Untersuchungen nimmt ihre Konzentration nach eigenen Monaten jedoch wieder ab.

Testkapazität und Dunkelziffer

Weil viele Infektionen auch ohne oder nur mit milden Symptomen verlaufen, werden wahrscheinlich nicht alle Fälle erfasst. Mithilfe der Antikörper-Untersuchung konnten die Forscher jedoch prüfen, wie viele Menschen sich in München bislang tatsächlich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben, selbst wenn sie nichts von der Infektion bemerkt haben sollten.

Die Münchner Studie sollte also helfen, die Dunkelziffer aufzuklären. Denn nur so lassen sich zentrale Fragen der Pandemie klären, beispielsweise wie tödlich das Virus ist und wie viele Menschen sich infizieren, ohne etwas davon zu bemerken.

Bundesweit laufen mehrere solcher kurzfristig aufgesetzten repräsentativen Querschnittsstudien. Laut einer aktuellen Untersuchung vom Helmholtz-Zentrum München hatten sich Minderjährige sechsmal häufiger mit dem Coronavirus infiziert als bekannt. Für die Analyse hatten die Wissenschaftler 12.000 Blutproben aus Bayern untersucht.

Auch die Forscher vom Münchner Tropeninstitut wollen die Probanden der Studie weiterhin begleiten. Dadurch wollen sie feststellen, inwieweit sich die Dunkelziffer durch die im Vergleich zu Juni deutlich gestiegenen Testkapazitäten verringert hat.

koe
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